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Andreas Weigel

Andreas Weigel (* 3. Oktober 1961 in Bludenz, Vorarlberg) ist ein in Wien lebender österreichischer Literaturwissenschaftler, der seit einigen Jahren systematisch die zahlreichen Österreich-Beziehungen von James Joyce erforscht.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Nach der Matura an der „Höheren Bundeslehr- und Versuchsanstalt für chemische Industrie“ („Höhere Abteilung für technische Chemie“) begann Weigel 1982 an der „Universität Wien“ ein Diplomstudium (Germanistik und Theaterwissenschaft), das er Anfang 1988 mit einer Arbeit über Hans Wollschlägers Roman „Herzgewächse oder Der Fall Adams“ abschloss. Anfang 1990 beendete er das anschließende Doktoratsstudium mit einer Dissertation, welche die Fortsetzung seiner Diplomarbeit war, worauf beide Arbeiten als zweibändige Monografie veröffentlicht und von Wendelin Schmidt-Dengler, Hans Wollschläger und Weigel in Wien präsentiert wurden.

Nach dem Studium war Weigel Kultur-, Medien- und Pressereferent („Grüner Klub im Parlament“, „kulturmaschine“, „Verband der Diplomierten ErgotherapeutInnen“, „Dachverband der gehobenen medizinisch-technischen Dienste“, „ÖBB - Rail Cargo Austria“, „Wirtschaftsuniversität Wien“, „Österreichische Tierärztekammer“).

Als Kulturreferent des „Grünen Klubs im Parlament“ hat sich Weigel ab Oktober 1991 gemeinsam mit dem Kunsthistoriker Walter Koschatzky (Obmann der Bürgerinitiative „Freunde von Schloss Schönbrunn“) erfolgreich gegen die vom damaligen Wirtschaftsminister Wolfgang Schüssel ursprünglich geplante Privatisierungsvariante von Schloss Schönbrunn engagiert, von der vor allem eine private Betreibergesellschaft (bestehend aus Do&Co, Erste Österreichische Sparkasse, Kongresszentrum AG, Mazur, Österreichisches Verkehrsbüro, Wiener Messe AG, Zentralsparkasse) profitiert hätte, mit der seit Frühjahr 1990 konkrete Vertragsverhandlungen liefen.[1] Dagegen war das grüne Ziel von Anfang an, „das Schloss Schönbrunn über eine dem Staat zugehörige Betriebsgesellschaft zu führen, für die man hervorragende, wirtschaftlich und kulturell gleichwertig geeignete Persönlichkeiten engagiert, die das Schloss nach modernen betriebswirtschaftlichen Grundsätzen führen, und das im Einvernehmen mit dem Bundesdenkmalamt, wo auch die historischen Grundsätze beachtet werden“[2], wie dies schließlich durch die „Schloss Schönbrunn Kultur- und Betriebsges.m.b.H.“ umgesetzt wurde.

Daneben hat Weigel mit dem grünen Kultursprecher Johannes Voggenhuber, NS-Opfern (vor allem Fritz Weibel [3]), der Historikerin Brigitte Bailer-Galanda („Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes“) sowie der HOSI-Aktivistin Gudrun Hauer („Homosexuellen Initiative“) [4] eine aus 405 Detailfragen bestehende und mehr als 40 Seiten starke parlamentarische Anfrage zu „Österreichs Mitverantwortung an den nationalsozialistischen Verbrechen, die Wahrnehmung dieser Mitverantwortung durch die II. Republik sowie die Anerkennung und Entschädigung der Opfer des Nationalsozialismus[5] vorbereitet, recherchiert, koordiniert und formuliert. Diese Anfrage, die bewusst am 13. März 1992, dem 54. Jahrestag des „Anschlusses“, eingebracht wurde, war aufgrund der Komplexität des Themas die umfangreichste parlamentarische Anfrage der II. Republik und konnte vom damaligen Bundeskanzler Franz Vranitzky nur pauschal beantwortet werden, weil die konkrete und korrekte Beantwortung die gründliche wissenschaftliche Aufarbeitung von Österreichs nationalsozialistischer Vergangenheit und der (sozial)rechtlichen Folgen für die Opfer vorausgesetzt hätte, die 1992 nur ansatzweise existiert hat, was als eklatantes Forschungsdefizit aufgezeigt werden sollte, das in den Folgejahren behoben wurde.[6]

Als Projektleiter des „Dachverbandes der gehobenen medizinisch-technischen Dienste“ hat Weigel zwischen 1998 und 2000 eine bundesweite Kampagne gegen die umstrittenen Ausbildungsdarlehen im Bereich der medizinisch-technischen Dienste[7] [8] [9] geplant und umgesetzt und dafür 1998 auch eine umfassende schriftliche parlamentarische Anfrage formuliert, die ohne jede Änderung von den Gesundheitssprechern der damals im Nationalrat vertretenen fünf Fraktionen (d. h. sowohl der Regierungs- als auch der Oppositionsparteien) gemeinsam eingebracht wurde[10] und als erste Fünf-Parteien-Anfrage der II. Republik eine Geschäftsordnungspremiere sowie eine kleine politische Sensation war, der eine gemeinsame Podiumsdiskussion der Gesundheitssprecherinnen und Gesundheitssprecher sowie die angestrebte Einladung des MTD-Dachverbandes zu einem Hearing in den Gesundheitsausschuss des Nationalrates folgte.[11]

Anfang 2008 hat Weigel für die Ö1-Radiosendung „Diagonal – Radio für Zeitgenossen“ Ursachen, Hintergründe und Verlauf des 1928 erfolgten Sittlichkeitsprozesses gegen den Architekten Adolf Loos anhand des bis dahin von der Loos-Forschung ignorierten rechtskräftigen Gerichtsurteils, dessen Abschrift Weigel auf seiner Homepage veröffentlicht hat,[12] sowie anhand rund hundert zeitgenössischer Zeitungsberichte umfassend aufgearbeitet und dokumentiert und damit erstmals fundierte Auskunft über den „Fall Loos“ und seine schöngefärbte Rezeption gegeben. Der im „Spectrum“ der „Presse“ abgedruckte Beitrag[13] bildete 2012 die Grundlage für den Loos-Teil des amtlichen „Kommissionsberichtes an den Amtsführenden Stadtrat für Kultur und Wissenschaft Wien“ über die „Grabwidmungen der Wiener Stadtverwaltung 1934-1938.“[14] In der Folge hat Weigel 2014 eine komplette Kopie des verschollen geglaubten, vollständig erhaltenen Gerichtsaktes erhalten, damit dieser und sein Inhalt der breiten Öffentlichkeit vorgestellt wird.

Zwischen 2008 und 2013 hat Weigel als freier Literaturwissenschaftler unter dem Arbeitstitel „James Joyce: Austria(n) matters in his life, letters and works“[15] zahlreiche vernachlässigte „rot-weiß-rote Flecken in James Joyces Leben und Werk“ recherchiert und dokumentiert: So hat James Joyce beispielsweise im Sommer 1928 fünf Wochen in Salzburg gelebt. In diesem Zusammenhang ist Weigel unter dem Benutzernamen Popmuseum auch im Salzburgwiki tätig, wo er einige Artikel über die Salzburg-spezifischen Joyce-Aspekte verfasst hat, um Joyces vielfältige Verbindungen mit der Festspielstadt auch vor Ort bekannt und bekannter zu machen.

Neben der biografischen Forschung zu Joyce und Adolf Loos sind Weigels weitere Arbeitsschwerpunkte Rolf Dieter Brinkmann, Karl Kraus, Arno Schmidt und CD-ROM-Editionen von Werkausgaben sowie allgemein- und literaturwissenschaftlichen Nachschlagewerken. Seine Beschäftigung mit populärer Kultur gilt Musikern und Themen, die trotz ihrer Bedeutung abseits des Mainstreams liegen: Bob Gibson, Peter Green, John Prine, Billy Lee Riley, Shel Silverstein etc.

Publikationen

Ausgewählte Buchbeiträge

  • Die Sommerfrische Gars am Kamp im Wandel der Zeiten in: Bettina Marchart und Markus Holzweber (Hrsg.): Garser Geschichten. Gars am Kamp. Tausende Jahre Kulturlandschaft (2014). S.521-588. ISBN 978-3-9503541-3-3.
  • Arnold Schönberg und James Joyce. Biographische Zeugnisse einer Nicht-Bekanntschaft. in: Michael Ritter (Hrsg.): praesent 2014. Das österreichische Literaturjahrbuch. Das literarische Geschehen in Österreich von Juli 2012 bis Juni 2013. Wien, präsens 2014, S. 50 - 61. ISBN 978-3-7069-2014-8.
  • Max Riccabonas James-Joyce-Münchhausiaden. Berichtigung seiner zweifelhaften Zeitzeugenschaft. in: Rheticus, Schriftenreihe der Rheticus-Gesellschaft Nr. 55 (2012) S. 92 - 107. ISBN 978-3-902601-31-5.
  • Bruchstückhafte Biografien. Spurensuche und -sicherung: Adolph Johannes Fischer und Fritz Willy Fischer-Güllern. in: Michael Ritter (Hrsg.): praesent 2011. Das österreichische Literaturjahrbuch. Das literarische Geschehen in Österreich von Juli 2009 bis Juni 2010. Wien, präsens 2010, S. 21 - 36. ISBN 978-3-7069-2010-0.
  • Das Ende einer langlebigen Legende. Fakten zur Bekanntschaft zwischen James Joyce und Stefan Zweig. in: Michael Ritter (Hrsg.): praesent 2010. Das österreichische Literaturjahrbuch. Das literarische Geschehen in Österreich von Juli 2008 bis Juni 2009. Wien, präsens 2009, S. 43 - 55. ISBN 978-3-7069-2010-0.
  • Verlorener Aufwand. Der gemeinsame Aufruf von Karl Kraus, Arnold Schönberg, Heinrich Mann, Valéry Larbaud und James Joyce zur Gründung einer „Adolf Loos Schule“. in: Michael Ritter (Hrsg.): praesent 2009. Das österreichische Literaturjahrbuch. Das literarische Geschehen in Österreich von Juli 2007 bis Juni 2008. Wien, präsens 2008, S. 37 - 54. ISBN 978-3-7069-2009-4.
  • „Brille ohne Gläser“. Mustergültig misslungene CD-Edition von Karl Kraus’ Zeitschrift „Die Fackel“. in: Michael Ritter (Hrsg.): praesent 2007. Das österreichische Literaturjahrbuch. Das literarische Geschehen in Österreich von Juli 2005 bis Juni 2006. Wien 2006, S. 37 - 59. ISBN 978-3-7069-2007-0.
  • James Joyces Aufenthalte in Österreich. Innsbruck (1928), Salzburg (1928) und Feldkirch (1915, 1932). in: Michael Ritter (Hrsg.): praesent 2006. Das österreichische Literaturjahrbuch. Das literarische Geschehen in Österreich von Juli 2004 bis Juni 2005. Wien, präsens 2005, S. 93 - 105. ISBN 978-3-7069-2006-3.
  • Es war einmal vor langer Zeit in Vorarlberg. James Joyce und Feldkirch. in: Marieke Krajenbrink und Joachim Lerchenmueller (Hrsg.): Yearbook of the Centre for Irish-German Studies 2000/01 Trier, Wissenschaftlicher Verlag 2001, S. 159 - 177. ISBN 3-88476-465-9.

Selbständige Buchveröffentlichungen

  • „ruckworts gegen den Strom der Zeilen“. Lese-Notizen (I) zu Hans Wollschlägers „Herzgewächse oder Der Fall Adams“. Frankfurt am Main: Bangert & Metzler 1992. ISBN 3-924147-11-6.
  • „ruckworts gegen den Strom der Zeilen“. Lese-Notizen (II) zu Hans Wollschlägers „Herzgewächse oder Der Fall Adams“. Frankfurt am Main: Bangert & Metzler 1994. ISBN 3-924147-18-3.

Weblinks

Fußnoten

  1. Nachfolgend der Link zum „Stenographischen Protokoll“ der „Dringlichen Anfrage an den Bundesminister für wirtschaftliche Angelegenheiten betreffend Privatisierungs-Fiasko Schönbrunn“ mit der die knapp ein Jahr dauernde, erfolgreiche Schloss-Schönbrunn-Kampagne des Grünen Klubs im Parlament begonnen hat: „Dringliche Anfrage der Abgeordneten Dr. Pilz, Voggenhuber und Genossen an den Bundesminister für wirtschaftliche Angelegenheiten betreffend Privatisierungs-Fiasko Schönbrunn“. Stenographisches Protokoll. Nationalrat XVIII. GP. 40. Sitzung. 2. Oktober 1991. S. 3857-3890.
  2. Mag. Marijana Grandits: „Dringliche Anfrage betreffend Privatisierungs-Fiasko Schönbrunn“. Stenographisches Protokoll. Nationalrat XVIII. GP. 40. Sitzung. 2. Oktober 1991. S. 380857-3890. S.3889.
  3. Christa Zöchling: „Jedes Anrecht verloren“. Die Republik verweigerte jüdischen NS-Opfern eine Entschädigung. Wichtige Akten wurden ihnen vorenthalten. In: „profil“. Nr. 31. 27. Juli 1992. S.20ff.
  4. Kurt Krickler: Entschädigung: Bis heute kein Rechtsanspruch. In: Lambda-Nachrichten. Juni 2001. S.53-61. S.57f.
  5. Schriftliche parlamentarische Anfrage des Abgeordneten Voggenhuber an den Bundeskanzler betreffend Österreichs Mitverantwortung an den nationalsozialistischen Verbrechen, die Wahrnehmung dieser Mitverantwortung durch die II. Republik sowie die Anerkennung und Entschädigung der Opfer des Nationalsozialismus (Nr. 2666/J vom 13. März 1992; Beilagen zu den Stenographischen Protokollen des Nationalrates, XVIII. Gesetzgebungsperiode; Wien 1992
  6. Anton Pelinka: Die Entdeckung der Verantwortung. Wien 1998. S.188f. sowie S.150f.
  7. Vorarlberger Landtag: Anfrage der Abgeordneten Angelika Fußenegger an LStH Dr. Hans-Peter Bischof betreffend Ausbildungsverträge der diplomierten ErgotherapeutInnen (Zl. 910-356). Wortprotokoll der Landtagssitzung vom 11. März 1998. S.229-240.
  8. Bericht über die Tätigkeit der Volksanwaltschaft im Jahr 1998 an den Nationalrat und den Bundesrat: Finanzierung und Ersatz von Ausbildungskosten im Bereich der gehobenen medizinisch-technischen Dienste. S.91-94.
  9. Bericht des Landesvolksanwaltes an den Vorarlberger Landtag über seine Tätigkeit vom 30.10.1997 bis 31.12.1998: Berufseinstieg mit Schulden. S.44-47.
  10. Schriftliche Anfrage der Abgeordneten Mag. Walter Guggenberger, Dr. Günther Leiner, Dr. Alois Pumberger, Klara Motter, Theresia Haidlmayr und Genossen an die Bundesministerin für Arbeit, Gesundheit und Soziales betreffend den bundesweit uneinheitlichen Vollzug des Ausbildungsabschnittes des Bundesgesetzes über die Regelung der gehobenen medizinisch-technischen Dienste (MTD-Gesetz)
  11. APA-OTS: Pumberger: Erfreuliche Einigkeit für die Anliegen aller MTD-Berufe. Weitgehender Konsens zwischen Regierung und Opposition. OTS0137, 16. März 2000.
  12. Andreas Weigel: Transkription des rechtskräftigen Gerichtsurteiles (7 Vr 57o7/28/71) vom 1. Dezember 1928.
  13. Andreas Weigel: Pyjama und Verbrechen. Wien 1928: Warum Adolf Loos wegen Kindesmissbrauch angeklagt wurde und mit einer bedingten Haftstrafe davonkam. In: „Die Presse“, „Spectrum“. 16. August 2008. S.IV. Erstausstrahlung des Beitrages in: ORF. Ö1. Diagonal – Radio für Zeitgenossen. Zur Person Adolf Loos. 16. Februar 2008. Wiederholung des Beitrages in: ORF. Ö1. Diagonal – Radio für Zeitgenossen. Zur Person Adolf Loos. 23. August 2008.
  14. Grabwidmungen der Wiener Stadtverwaltung 1934-1938. Kommissionsbericht an den Amtsführenden Stadtrat für Kultur und Wissenschaft Wien. Februar 2012 S.41, 82-89
  15. Andreas Weigel: „Rot-weiß-rote Flecken in James Joyces Leben und Werk“. James Joyces vielfältige Österreich-Verbindungen.