Hauptmenü öffnen

Edith Tutsch-Bauer

o. Univ.-Prof. Dr. Edith Tutsch-Bauer (* 22. März 1952 in Arnberg, Oberpfalz, Bayern) ist eine ab 2017 emeritierte Rechtsmedizinerin der Universität Salzburg.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Tutsch-Bauer studierte von 1971 bis 1978 in München Humanmedizin (1979 Promotion).

Im Jahr 1997 wurde sie zur Universitätsprofessorin der Universität München ernannt. 1988 wurde sie auf den Lehrstuhl für Gerichtliche Medizin an der Universität Salzburg (seit 2004: Interfakultärer Fachbereich Gerichtsmedizin und Forensische Neuropsychiatrie) berufen.

Sie hat die Entwicklung der österreichischen Gerichtsmedizin maßgeblich mitgestaltet. Unter ihrer Leitung wurde die Salzburger Gerichtsmedizin, als zweites österreichisches Institut, an die Österreichische Nationale DNA-Datenbank angeschlossen. Ihr Wissenschaftsschwerpunkt ist der gesamte Bereich der Kindesmisshandlung. Besondere Herausforderungen waren während ihrer Amtszeit die Identifizierungen der Opfer nach Katastrophen – so nach dem Brand im Tauerntunnel (Mai 1999), der Brandkatastrophe in Kaprun (November 2000), der Tsunami-Katastrophe in Südostasien (Jänner 2005) oder dem Einsturz der Eishalle in Bad Reichenhall (Jänner 2006) – sowie nach dem Kosovokrieg (Oktober 1999).

Neben ihrer Tätigkeit am Fachbereich war sie zudem Angehörige des Akademischen Senats und Mitglied der Ethikkommission der Universität Salzburg, Lehrbeauftragte an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität und Vizepräsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Gerichtliche Medizin (ÖGGM).

Porträt

Eine Grande Dame nimmt Abschied von den Toten

Im Seziersaal liegen derzeit viele „Gäste“ in den Kühlkammern, wie Edith Tutsch-Bauer es nennt. Für Außenstehende mag es makaber wirken, was hier an Instrumenten herumliegt und wie locker die Leiterin der Gerichtsmedizin darüber plaudert. Zum Beispiel, warum sie beim Abwiegen einer Lunge schon weiß, ob diese etwas mit der Todesursache zu tun haben könnte. Aber es ist ihr Job.

Immerhin ist der Tod seit 1978 ihr ständiger Begleiter. Damals begann Tutsch-Bauer an der Rechtsmedizin in München. „Das war mehr Zufall“, sagt sie. Jedenfalls sei es kein Berufswunsch gewesen. Aber sie habe im Gegensatz zu anderen „ausgehalten“, was der Beruf mit sich brachte. Seit 1998 leitet sie das Salzburger Institut für Gerichtsmedizin. Mit Jahresende geht die 64-Jährige in Pension.

Damit verlässt ein Original den Seziersaal. Die Bayerin gilt weitum als Koryphäe. Hinter ihr liegt eine Karriere, die weniger Hartgesottene garantiert depressiv gemacht hätte. Jedenfalls stellt man sich eine Gerichtsmedizinerin, die nach Tausenden Leichenöffnungen und aufsehenerregenden Mordfällen und Katastrophen in den Ruhestand geht, eher als blassgraue und kauzige Eminenz vor. Tutsch-Bauer ist das krasse Gegenteil. Die Chefin empfängt einen als sympathisches Energiebündel. Den direkten Ton hat sie genauso in petto wie den herzlichen. Um den heißen Brei spricht sie nie. Bringt in ihrem Job wohl auch nichts.

Dabei hat die Frau Professor in ihrem Berufsleben die schrecklichsten Tragödien erlebt. Sie war bei der Exhumierung von Massengräbern im Kosovo im Einsatz, sie identifizierte Tote nach der Brandkatastrophe im Tauerntunnel 1999. Ein Jahr später folgte die Katastrophe mit 155 Toten in der Gletscherbahn Kaprun. „Lügen Sie uns nicht an“, das hätten viele Angehörige verlangt, erinnert sie sich. Tat sie nicht.

Tutsch-Bauer nimmt sich die Zeit, mit Hinterbliebenen zu telefonieren. „Mit uns kann man reden“, sagt die Gerichtsmedizinerin. Angehörige bräuchten Gewissheit auf Fragen, die sie beantworten könne.

Nach dem Tsunami in Südostasien 2004 identifizierte sie zehn Tage hindurch Opfer in Sri Lanka. Dann wäre neben Morden und Verbrechen noch die Routinearbeit. Die liegt aber nicht starr auf dem blanken Seziertisch. Es ist der Schreibtisch. Gutachten, Krankenblätter, das Foto einer klaffenden Wunde auf der Brust. Sie soll beurteilen, woher diese Verletzung stammen könnte. „Ein menschlicher Biss.“

Wie man bei all den Tragödien und Verbrechen lebensfroh bleibt? „Das war ich immer schon. Und es hat sich Gott sei Dank nicht verändert“, sagt sie.

Ob sie sich vor dem Tod fürchtet? „Ich bin wie immer grenzenlos optimistisch. Ich finde, ich habe vielleicht einen netten Tod verdient“, meint sie. Jedenfalls sei sie überzeugt, dass „die Phase des Hinübergleitens“ kein Krampf und kein Stress sei.

Ihren Antrieb nehme sie aus fachlichem Interesse. „Unsere Patienten erzählen uns ja nichts mehr. Jeder Tod ist ein bisschen ein Rätsel.“ Ob man sich je daran gewöhnt, mit Leichen zu arbeiten? „Von einem Toten geht ja keine Gefahr mehr aus. Die Toten sind netter und friedlicher als so manche Lebenden“, schildert sie.

Gemeinsam mit dem Institut in Linz, das seit 2010 zur Uni Salzburg gehört, werden jährlich 450 Leichen obduziert. „Je mehr obduziert wird, desto größer ist die Chance, dass etwas entdeckt wird“, sagt Tutsch-Bauer. In ihrer Karriere hat sie mehrfach kritisiert, dass aus Spargründen zu wenige Obduktionen angeordnet würden. Morde würden dadurch nicht entdeckt. Bei Polizei und Staatsanwaltschaft hat sie sich mit dieser Aussage nicht immer nur Freunde gemacht. Aber in ihrer unkonventionellen Art konnte sie nicht anders. Es wäre aber nicht Tutsch-Bauer, würde ihr nicht sofort die passende Mordgeschichte einfallen.

Eine junge Frau aus Oberösterreich sei beispielgebend. „Sie wurde an der Türklinke erhängt aufgefunden. Von der Polizei wurde das als Suizid qualifiziert. Die Staatsanwaltschaft hat die Leiche freigegeben. Die Mutter hat aber so sehr insistiert und war davon überzeugt, dass ihre Tochter keinen Selbstmord begangen hat, dass schließlich eine Obduktion angeordnet worden ist.“ Unter den Fingernägeln fand die Gerichtsmedizin die DNA des Ex-Freundes. Er wurde verurteilt.

Tutsch-Bauer kann daher penibel und penetrant sein. In Polizeikreisen ist bekannt, dass sie will, dass die Beamten bei der Öffnung der Leiche dabei sind. Da lässt sie nicht mit sich verhandeln, selbst wenn manche die Nase rümpfen.

Über Todesfälle, die Jahre zu rückliegen, berichtet sie aus dem Gedächtnis, kennt Namen und Todesursache. Verfolgen einen die Bilder nicht irgendwann? „Man weiß es. Man hat's abgespeichert. Aber man speichert nicht die Toten ab, sondern mehr die Angehörigen.“

Privat engagiert sie sich für das Projekt „Bauern helfen Bauern“, nahm schon am Friedensmarsch teil und sponsert dafür, was medizinisch benötigt wird. Die Klassik nennt sie ihr zweites Standbein. Reisen, Skifahren und Schwimmen ist das, worauf sie sich im Ruhestand so sehr freut. „Ich will wieder mal ins Kino oder ins Konzert gehen und danach einfach mal versandeln. Wenn ich am nächsten Tag mit Kopfweh aufwache, ist es auch egal.“

Was sie von all diesen CSI-Serien hält, in denen Gerichtsmediziner moderne Superhelden sind? „Absolut unrealistisch.“ Nur den „Tatort” aus Münster mit dem eitlen Gerichtsmediziner Professor Boerne sieht sie sich gerne an. ,,Und Donna Leon.“

Bleibt noch eine Frage: Glaubt sie an ein Leben nach dem Tod? „Ich glaube und hoffe, dass – wenn man im Leben so einigermaßen gut und nett war – man in positiver Erinnerung bleibt.“

Auszeichnungen

Für ihre Verdienste um die Stadt Salzburg wurde Tutsch-Bauer im Februar 2016 von Bürgermeister Dr. Heinz Schaden mit der Goldenen Wappenmedaille der Stadt Salzburg ausgezeichnet.

2001 war sie in der Gratis-Zeitung Salzburger Fenster Salzburgerin des Jahres.

Quellen