Lawinenunglück am Hohen Sonnblick 1928

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Die Gruppe der Wiener des Lawinenunglücks.
Die 13 Todesopfer.
Das Kreuz im oberen Teil des Bildes markiert den Ort des Lawinenunglücks.
Gendarmen des Gasteiner Skikurses unter Leitung des Oberstleutnants Georg Bilgeri bei den Bergungsarbeiten, die unter äußerst schwierigen Verhältnissen gemeinsam mit der Vevölkerung und den alpinen Vereinen durchgeführt wurden.

Ein Lawinenunglück am Hohen Sonnblick ereignete sich am Dienstag, den 20. März 1928 und forderte 13 Todesopfer.

Der Hergang des Unglücks

Im Unterkunftshaus der Wiener „Naturfreunde", bekanntlich eines der alten Gewerkschafthäuser in Kolm-Saigurn, hielt sich am 20. März 1928 eine Gruppe von etwa 40 Mann auf, denen auch die Verunglückten angehörten. Die 17 jungen Leute, durchwegs Leute in den besten Alter, und, wie sich bei ihrer Auffindung herausstellte, gut ausgerüstet, dürften am Dienstag den Aufstieg auf den Sonnblick unternommen haben, während die übrigen im Unterkunftshaus verblieben. Geplant war eine Fortsetzung über die Hohe Riffl. Da aber unterdessen stürmisches Wetter eingesetzt hatte und ein schneidender Ostwind enorme Mengen von feinstem Pulverschnee aufwarf, kamen sie von ihrem ursprünglichen Plan ab und wollten sich wie der zu Tal begeben. Es scheint, dass sie vom Zittelhaus weg in Anbetracht der starken Sichtbeeinträchtigung und des rasenden Sturmes keine Abfahrt gewagt, sondern es vorgezogen hatten, zu Fuß zu gehen. Zummindest waren sie nicht auf den Skiern, als sich das Unglück ereignete, sondern trugen sie.

Die Unglücksstelle selbst befand sich im sogenannten Barbaragraben, oder wie er im Volksmunde genannt wird, Maschingraben, zwischen dem Neubau und dem alten Maschinenbaus, einem Abfluss der der Herzog-Ernst-Spitze und dem Sonnblick vorgelagerten Gletscher (Goldbergkees?), der aber zum Zeitpunkt des Unglücks vollkommen vereist war. Das Terrain war nicht einmal ungewöhnlich steil zu nennen.

Das Unglück vollzog sich mit so vehementer Gewalt und Schnelligkeit, das sich die Überlebenden an den Hergang kaum mehr erinnern konnten. Sie wussten nur, dass der Boden unter ihnen plötzlich hinwegschwand und sie sich aus einmal mit ungeheurer Kraft „hinausgeworfen" fühlten. Für den ersten Moment schwanden ihnen die Sinne und als sie wieder zu sich kamen und sich mühsam aus dem Chaos der übereinandergetürmten Schneemassen herausarbeiten konnten, war das Unglück schon geschehen.

Ihre Rettung verdanken sie einzig dem Umstand, dass sie etwas abseits gestanden waren und daher nicht mehr von der vollen Wucht der abgleitenden Schneemassen mitgerissen wurden.

Zu Tode erschrocken, nahezu aller Überlebenskraft beraubt, machten sie sich unverzüglich auf den Weg ins Tal, wo sie einer nach dem andern total erschöpft anlangten. Da sie keinerlei Werkzeug mit sich führten, die Lawine aber 20 bis 40 Meter breit und 400 Meter lang war, wäre es völlig aussichtslos gewesen, nach den Verschütteten zu suchen.

Das Einsetzen der Bergungsarbeiten

Als die Schreckenskunde bekannt geworden war, spielte sofort von Kolm aus das Telefon nach allen Richtungen und vermochte tatsächlich in denkbar kürzester Zeit die Rettungsexpeditionen zu mobilisieren. Da der Sonnblick am Südende des Raurisertales emporsteigt, sieben Gehstunden von der Bahnlinie entfernt, war es erklärlich, dass an eine sofortige Hilfe überhaupt nicht zu denken war. Bekanntlich hat die Alpine Landesrettungsstelle Salzburg mit dankenswerter Schnelligkeit eine Hilfsmannschaft von neun Mann ausgerüstet — außer den bereits gestern [Anmerkung: in der Ausgabe vom 22. März 1928 erschienenen Artikel] Genannten waren noch Hermann und Haidenthaller unter ihnen, — die mit allen notwendigen Rettungswerkzeugen versehen, gegen halb 6 Uhr abends Salzburg im Auto verließ. Zufolge der Wegverhältnisse konnte der Wagen nur bis Wörth, eine Stunde innerhalb Rauris fahren, wo man nachts um 10 Uhr eintraf; von dort weg musste der noch vierstündige Marsch zu Fuß fortgesetzt werden: das Rettungsgerät wurde in einem Wagen bis Bodenhaus mitgeführt, dort auf Skischlitten verladen und weiter nach Kolm gezogen. Schon in Taxenbach hatte sich eine weitere 15köpfige Rettungsexpedition aus Badgastein angeschlossen, die unter Leitung des Herrn Fiala stand und gemeinsam mit den Salzburgern vorging. Die Ankunft in Kolm erfolgte um 04:15 Uhr früh (Mittwoch, 21. März 1928). Es war ein schauriger Zug, als die Teilnehmer, denen sich unterdessen in Rauris, Wörth und Bucheben zahlreiche einheimische Arbeitskräfte angeschlossen hatten, mit brennenden Lichtern und Fackeln durch das Tal wanderten einem langen Begräbniszug zu vergleichen.

Obwohl durch den langen Marsch und die vorausgegangene Autofahrt erheblich strapaziert, da sie zudem um ihre ganze Nachtruhe gekommen waren, gönnten sich die wackeren Helfer in Kolm nur eine einzige Stunde Rast und stiegen schon gegen halb sechs Uhr Früh, geführt von einem Geretteten, unverdrossen den steilen Zickzackweg am Fuße des Sonnblicks empor.

Die Unglücksstelle

Hatte in der Nacht noch ein heftiger Sturm getobt, das Zittelhaus hatte sogar 90 Kilometer Sturmgeschwindigkeit gemessen, so klarte nun das Wetter auf. In Todeseinsamkeit lag das große Massengrab, das 13 Leichen barg.

Die Lawinenstelle selbst bot das übliche Bild: ein regelloses Durcheinander, stark zusammengepresste, völlig kompakte, eishart zusammengefrorene Schneenassen zwischen denen da und dort mitgenommene Eisblöcke eingekeilt waren. Was darunter war, konnte unmöglich noch leben. Unverzüglich machte sich die Mannschaft, die durch weiteren Zuzug allmählich auf 80 Köpfe anwuchs, an das Bergungswerk.

Man begann vorerst zunächst der Abbruchsstelle, am oberen Ende der Lawine, zu sondieren, während ein anderer Teil am unteren Ende zu arbeiten begann. Dort war es auch, wo eine Sonde plötzlich auf einen Gegenstand stieß, der etwa eine Leiche sein konnte. Man grub nach und fand, etwa einen Meter tief den ersten der Verschütteten. Das weitere Rettungswerk vollzog sich nun in rascher Folge, da die Leichen zumeist in derselben Tiefe und fast in einer Zeile nicht sehr weit voneinander aufgefunden werden konnten. Es war ein schmerzlicher Anblick, als man einen nach dem andern dieser durchwegs jungen kräftigen Leute tot aus dem eisigen Grabe befreite. Einige hatten, wie das aus dem Munde gequollene Blut bewies, innere Verletzungen erlitten, andere Quetschungen, einige auch Frakturen an den Extremitäten. Der Tod war bei allen offenkundig durch Ersticken eingetreten. Im besonderen muss auch anerkennend erwähnt werden die hingebungsvolle und unermüdliche Rettungsarbeit der Talbewohner aus Rauris und Bucheben. Bis elf Uhr waren zehn Leichen geborgen und die weiteren Nachgrabungen erwiesen sich einstweilen als erfolglos, sodass es aussichtslos war, sie in dem weitausgedehnten Lawinenfelde in Bälde auszufinden. So entschlossen sich denn die Expeditionsteilnehmer aus Salzburg und Badgastein, um 11:15 Uhr die Unglücksstätte zu verlassen und stiegen wieder nach Kolm ab. Trotz der unerhörten Anstrengungen und obwohl zu Tode erschöpft, marschierten sie nach kurzer Rast nach Wörth, wo sie nahezu traumbefangen um 04 Uhr nachmittags ankamen, um sodann im Auto den restlichen Weg nach Badgastein und Salzburg fortzusetzen.

Die Salzburger Expedition traf um 07 Uhr abends in Salzburg ein. Ihr gebührt das Verdienst einen Hauptteil der Bergungsarbeiten geleistet zu haben; zudem verfügte sie über die beste Ausrüstung.

Oberstleutnant Georg Bilgeri war mit seiner Mannschaft nach einer ungemein mühsamen Sturmfahrt über den Bockhartsattel am Mittwoch abends 08 Uhr in Kolm eingelangte, musste aber seinen stark mitgenommenen Leuten unbedingt eine Nachtruhe gönnen, sodass er erst am nächsten Vormittag, gleich den Taxenbachern unter Leitung des Herrn Julian Schlaffer an der Unglücksstätte eintraf und nachher sich an den Rettungsarbeiten wacker beteiligte. Die alpine Rettungspatrouille des Bundesheeres konnte zur Mitarbeit nicht herangezogen werden, weil sie sich auf einer Übungsfahrt im Glocknergebiet befand.

Die Leichen wurden auf Ski- und Bockschlitten zuerst nach Kolm und dann nach Bucheben befördert. Nach einer Wiener Meldung wurden zwischen den „Naturfreunden" und dem Arbeiterturnverein eine Vereinbarung getroffen, wonach sämtliche Leichen gemeinsam nach Wien überführt werden. In den Familien der Betroffenen spielten sich, wie die Wiener Presse meldet, erschütternde Szenen ab, die noch dazu durch die Unbestimmtheit der ersten Meldungen eine entsetzliche Verschärfung erfuhren. Allem Anschein nach war an dem furchtbaren Unglück keinerlei Sorglosigkeit oder Außerachtlassung von Vorsichtsmassregeln schuldtragend, es sei denn, dass man darauf verweisen wollte, dass ausgedehntere Hochgebirgspartien in der gegenwärtigen Jahreszeit an sich schon mit der Möglichkeit von gefährlichen Witterungsumschlägen rechnen müssen.

Die Suche nach den weiteren Verschütteten wurde durch einheimische Rettungsmannschaft sowie durch von Wien aus ausgerüstete Expeditionen der „Naturfreunde" fortgesetzt.

Quelle