Bienensterben

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Blick in einen Bienenstock
Bienenstöcke in Saalfelden
Bienenhütte in Uttendorf
Bienenstöcke im Burgenland

Unter Bienensterben versteht man das gehäufte Zugrundegehen von ganzen Honigbienenvölkern.

Einführung

Bienen gibt es seit rund 80 Millionen Jahren und bis vor wenigen Jahrzehnten funktionierte die jahrtausendealte Partnerschaft zwischen Mensch und Biene. Nun scheint es, als ob diese Partnerschaft nachhaltig gefährdet wäre. Denn seit etwa 70 Jahren herrscht zwischen Mensch und Biene ein gestörtes Verhältnis, das auf dem schädlichen Einsatz von Chemikalien und in den letzten Jahren auch auf Ausbeutung der Bienen durch Menschen beruht.

Weltweit verendete in den letzten Jahrzehnten eine auffallend hohe Zahl an Bienenvölkern und nicht immer konnten die Ursachen ausreichend geklärt werden. Man spricht von einem Verlust von zwischen 30 und 80 % des Gesamtbestandes. Erst seit dieser besorgniserregenden Entwicklung werden intensive Untersuchungen zur bestäubenden Fauna gemacht. Man will herausfinden, welche Insektenart in welchem Ausmaß für die Bestäubung der Pflanzen sorgt. Leider gibt es keine Referenzwerte, weil vorher keine Untersuchungen stattgefunden haben. Mittlerweile entstehen in allen Teilen der Welt Problemzonen und eine globale Krise ist zu befürchten. Seit dem Jahr 2006 ist der sog. Völkerkollaps, besser bekannt als Colony Collapse Disorder (CCD), bei dem die Arbeiterinnen verschwinden und nur die Königin, die Larven und der Honig zurückbleiben, was zum Absterben des gesamtes Bienenvolkes führt, bekannt.

Ursachen

Bienen sind die Alarmanlage der Natur und manche meinen, dass ein Aussterben der Bienen auch das Ende der Menschheit bedeuten könnte. Sind doch die Bienen die wahrscheinlich wesentlichen Pflanzenbestäuber, ohne die eine auf Pflanzen basierende Landwirtschaft keine Früchte bringen kann. Zu denken gibt auch, dass Imker, die die Imkerei in der Stadt auf den Dächern von Häusern betreiben mittlerweile feststellen, dass ihre Bienen langlebiger sind und der Ertrag aus ihren Völkern höher als auf dem Land ist. Dabei sollte man meinen, dass in der Stadt durch Verkehr und Industrie ökologisch schlechtere Verhältnisse als auf dem Land gegeben sind.

Imker sehen die Ursache für CCD vorwiegend im Einsatz neuer Pestizide. Giftige Wolken von Pestiziden, die auf Maisfelder versprüht werden, können auch umliegende Pflanzen und Bäume vergiften und letztlich zum Tod der Bienen führen. Wissenschaftler vermuten jedoch, dass es noch andere Gründe geben muss, wie das im Jahr 2004 in Israel entdeckte IAP-Virus (Israel Acute Paralysis Virus), das in Kombination mit der Varoa-Milbe auftritt, sowie genetische Veränderungen an Pflanzen, alles Ursachen, die möglicherweise fatal zusammenwirken.

Exkurs: Neue Insektizide

Untersuchungen in den USA haben ergeben, dass in Bienenstöcken gegenwärtig bereits bis zu 31 verschiedene Pestizide enthalten sind. Im Schnitt finden sich sechs davon in jedem Bienenstock.

Es sind systemische Pestizide, die seit rund 15 Jahren direkt auf die Pflanzen aufgebracht werden, d. h., das Saatgut wird mit ihnen gebeizt (Sonnenblumen, Mais). Die Leute glauben, dass keine Pestizide mehr ausgebracht werden, da die früher beobachteten Spritzmaschinen verschwunden sind. Diese für die Produzenten rentablen neuen Insektizide mit der Bezeichnung Neonicotinoide (= synthetisch hergestellte hochwirksame nikotinartige Wirkstoffe) töten direkt oder indirekt auch das Insekt Biene. Neonicotinoide können durch die Vergiftung des Nervensystems zur Beeinträchtigung der Gedächtnisleistung und des Orientierungssinnes führen, beide Funktionen sind für Bienen überlebenswichtig. Die Folgen sind nicht nur für die einzelne Biene, sondern für das ganze Bienenvolk fatal.

Exkurs: Beispiel Frankreich

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges erforderte die Ernährungssicherung den massiven Einsatz von Chemikalien und die Landschaften haben sich entscheidend verändert: von extensiver zu intensiver Bewirtschaftung, von Pflanzenvielfalt zu Monokulturen. Wo früher über das Land verstreut zahlreiche kleine Imker mit jeweils zwei, drei Bienenvölkern tätig waren, sind diese heute mehrheitlich verschwunden. 1980 trat in Frankreich nach Einführung neuer Bienenarten zum ersten Mal die Varoamilbe auf.

Exkurs: Varoa-Milbe

Sie ist eine parasitäre, blutsaugende Milbe, die die Bienen mittels Weitergabe von Viren schwächt, insbesondere die länger lebende Königin. Gegen den Milbenbefall kommen chemische Substanzen zum Einsatz. Aber auch sie bewirken eine Schwächung der Bienen. Ein Teufelskreis! Für die Resistenz gegen die Varoa-Milbe sind nach heutigem Wissen rund 30 Gene verantwortlich. Durch Zucht von resistenten Bienen durch künstliche Befruchtung von Königinnen will man die Resistenz der Völker erhöhen. Forscher meinen aber, dass diese Resistenz nicht nur genetisch, sondern auch durch das hygienische Verhalten von Bienenvölkern bedingt ist (assoziated with behavior).

Exkurs: Die Situation in den USA

Die Honigbiene wurde erst im 17. Jahrhundert durch europäische Siedler in das heutige Gebiet der USA eingeführt. Die US-Amerikanische Honigbiene verfügt daher von vorne herein über einen entsprechend limitierten Genpool. Die in den letzten Jahrzehnten erfolgte Intensivzucht bringt eine kontrollierte Evolution in einer kontrollierten und selektierten Umwelt. Die Züchtung zielt auf Kriterien wie erhöhte Fügsamkeit und Honigproduktionssteigerung. Es fehlen die natürliche Anpassung und die damit verbundene Resistenzentwicklung.

Während in den 60er Jahren in Kalifornien ausreichend Bienen zur Verfügung standen, um die rund 60 000 ha an Mandelbaumplantagen zu bestäuben, muss mittlerweile zur Zeit der Mandelblüte jährlich ein immer größerer Teil des Gesamtbestandes US-amerikanischer Bienenvölker zur Bestäubung der Mandelbaumplantagen nach Kalifornien gebracht werden. Die Mandelproduktion nimmt dort bereits eine Fläche von 300 000 ha ein, eine Monokultur unvorstellbaren Ausmaßes, die nicht als natürliche Umgebung zu bewerten ist. (In einer für Honigbienen natürlichen Umgebung blühen zahlreiche Pflanzen unterschiedlicher Art gleichzeitig). Die Bienenstöcke werden von den Plantagenbesitzern von industriell arbeitenden Imkern angemietet und von diesen aus allen Ecken der USA angeliefert. Diese mobilen Imker sorgen mittlerweile für die Bestäubung aller Anbauflächen in den Vereinigten Staaten. Die dazu notwendige Zusammenführung vieler Völker mit ihren jeweiligen Erregern aus unterschiedlichen Regionen (mit ihren jeweiligen Pestiziden in den jeweiligen Plantagen) stellt eine massive Gefährdung dar. Die häufigen Transporte bedeuten außerdem einen enormen Stress für die Bienen. Die Königinnen sind bereits kurzlebiger als früher und viele von ihnen werden wie „Turbomilchkühe“, die ihre Leistung nicht mehr bringen, einfach ausgetauscht.

Die Imker handeln immer mehr wie Viehzüchter, ihre Plantagenfütterung und die dadurch notwendige Medikamentierung entsprechen einer aggressiven Imkerei: ihre Bienen werden bis zum Tod ausgebeutet. Ihr Überleben ist nur durch den kurzen Verbleib in den jeweiligen Plantagen (Mandelbaumkulturen, Apfelbaumkulturen etc.) möglich, ihre natürliche Lebensdauer wird aber in jedem Fall verkürzt. Die Biene wird zur Wegwerfarbeiterin degradiert.

Exkurs: Die Situation in Salzburg

Laut Grünem Bericht 2007 bis 2009 betreiben in Salzburg rund 2000 Personen die Bienenzucht. Sie bewirtschaften im Schnitt zwölf Bienenvölker. Die Anzahl der Völker blieb im Berichtszeitraum konstant und man geht davon aus, dass im Bundesland die flächendeckende Bestäubung gewährleistet ist. Die Bienenzucht wird in der Regel als Zu- oder Nebenerwerb betrieben und es gibt lediglich einen Imker, der im Besitz von 700 Bienenvölkern ist und zwei Imker mit je 200 Bienenvölkern. Sechs Betriebe verfügen über 100 Bienenvölker, 24 Betriebe über 50. Alle restlichen Imker sind im Besitz von lediglich fünf bis 25 Bienenvölkern.

Aufgrund der geografischen und klimatischen Bedingungen sind im Bundesland weder größere Monokulturen noch industrielle Imkerei mit häufigen Bienentransporten zu finden. Doch auch vor Salzburg machen moderne Strömungen in der Landwirtschaft nicht Halt. Wiesen werden überdüngt und frühzeitig gemäht, noch bevor die Wildblumen zur Blüte und die Bienen zu ihrem Nektar kommen. Die Artenvielfalt nimmt durch intensive Bewirtschaftung ab und auch der Bodenverbrauch an Grün- und Ackerflächen ist mit österreichweit rund 24 ha täglich nach wie vor hoch.

Die Varroa-Milbe stellt gegenwärtig die größte Bedrohung für heimische Bienenvölker dar. Deren Befall wirkt sich aber besonders dann folgenschwer aus, wenn die Bienen aufgrund von Pestizideinwirkung bereits in ihrer Widerstandskraft geschwächt sind. Helmut Gratschmaier, Geschäftsführer der Tennecker Firma Honigmayr, Österreichs größter Honigabfüller, nimmt für Österreich jährlich eine Pestizid bedingte Sterbequote von 20 bis 25 % der Bienenvölker an.

Was passiert, wenn die Honigbiene verschwindet?

Das Zusammenspiel von Stress durch Ausbeutung, Lebensraumverlust, geschwächtem Immunsystem, Krankheiten, Medikamentengaben, Umweltgiften und Schädlingen wie die Varoa-Milbe und Pilzen ergibt für die Biene komplexe Wechselwirkungen, die ihr Überleben und damit möglicherweise auch das der Menschheit infrage stellt. Und zum ersten Mal in der Geschichte hat das menschliche Wirken große Folgen für die Natur. Schon jetzt überlegen daher Forscher fieberhaft, wie sie die Honigbienen, bzw. ihre Bestäuber-Funktion ersetzen könnten. Es wird über mechanische Befruchtung, Roboterinsekten und genmanipulierte Superbienen nachgedacht.

Noch gibt es weltweit geschätzte 19 000 wilde Bienenarten, doch auch sie sind vom Aussterben bedroht. Wildbienen bestäuben den größten Teil der Wildblumen. Die meisten Arten sind auf bestimmte Pflanzen spezialisiert. Sterben sie, so verschwinden auch die auf sie angewiesenen Pflanzenarten. Ihre Ko-Evolution funktioniert wie ein Netzwerk und es ist eine mobile Verbindung: gemeinsames Entstehen, gemeinsames Aussterben.

Literatur und Film

Film "More than Honey", Doku, Ö/CH/D 2012, Regie: Markus Imhoof

April 2013: Neue Entwicklungen auf EU-Ebene

Die EU beabsichtigt beginnend mit dem 1. Dezember 2013 zum Schutz der Bienen bestimmte Pflanzenschutzmittel zu verbieten. Der Einsatz von drei der umstrittenen Nervengifte aus der Gruppe der Neonicotinoide, die beim Anbau von Mais, von Sonnenblumen, von Raps und von Baumwolle zum Einsatz kommen, soll zunächst auf zwei Jahre befristet verboten werden. In dieser Zeit dürfen Samen dieser Pflanzen, die mit diesen Mitteln behandelt worden sind, weder verkauft noch ausgebracht werden. Diese drei Neonicotinoide dürfen auch nicht in den Boden eingebracht und nicht zur Behandlung von Blättern der Pflanzen verwendet werden.

Bei der Abstimmung der zur EU gehörenden Staaten hat sich eine Mehrheit für das Teilverbot ausgesprochen. (Anmerkung: Teilverbot deswegen, weil das Wintergetreide weiterhin mit diesen Mitteln behandelt werden darf, da es für die Bienen nicht relevant ist.). Österreich stimmte zusammen mit sieben anderen Staaten gegen diese Regelung zum Schutz der Bienen. Da daher die notwendige Zweidrittelmehrheit verfehlt wurde, entscheidet nun die EU-Kommission über das Verbot.

Quellen

  • Arte Themenabend 28.08.2012, 2015 Uhr: Das Geheimnis des Bienensterbens
  • Grüner Bericht Salzburg 2007 - 2009
  • Eintrag in der deutschsprachigen Wikipedia zum Thema "Colony Collapse Disorder"
  • Magdalena Miedl, Bienen an die Macht, SN, 11. Okt. 2012
  • SN, Die EU kämpft gegen das Bienensterben, 30. April 2013, S. 5
  • Stefan Veigl, Honigmayr baut weiter aus, SN, 11. Mai 2013, Lokalteil S. 14