Bodenverbrauch

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Die Gewerbegebiete Bruck an der Großglocknerstraße (im Bildhintergrund) und Zell am See, Schüttdorf (im Bildvordergrund) als Sinnbild für ausufernden Bodenverbrauch

Unter Bodenverbrauch – auch als Flächenverbrauch bezeichnet - versteht man den Verlust an Bodenflächen durch Bebauung und Versiegelung, der mit einem dauerhaften Funktionsverlust biologisch produktiver Flächen einhergeht. Bundesweit werden derzeit täglich rund 24 Hektar Grün- und Ackerland irreversibel beansprucht.

Einführung

Googelt man das Stichwort Bodenverbrauch so scheinen auf den ersten Blick nur rund 1 800 Ergebnisse auf. Sieht man die ersten Eintragsseiten durch, so fällt auf, dass sich die Einträge mehrheitlich auf Verhältnisse, bzw. Studien in Deutschland oder der Schweiz beziehen. Die Suche nach einschlägigen österreichischen Unterlagen zeigt, dass hierzulande das Thema Bodenschutz vorrangig ist. Dieser ist als Teilbereich des Umweltschutzes bundesweit gesetzlich geregelt (BGBl. Nr. 491/1984). Der Boden ist in Österreich verfassungsrechtlich gesehen ein Umwelt(Schutz)gut. Kompetenzrechtlich fällt der Bodenschutz – ausgenommen die Waldböden – in die Zuständigkeit der Länder. Das Salzburger Bodenschutzgesetz stammt aus dem Jahr 2001 und erstreckt sich nicht nur auf landwirtschaftlich genutzte, sondern weitgehend auf alle Böden. Es beinhaltet Ziele wie die Erhaltung der Bodenfunktionen, die Vermeidung von Bodenerosion und Bodenverdichtung, die nachhaltige landwirtschaftliche Nutzung und schlussendlich die Umsetzung von Maßnahmen zur Bodenverbesserung und Bodensanierung. Die Rechtsnorm hinsichtlich Schadstoffeinträge ist im Salzburger landwirtschaftlichen Pflanzenschutzgesetz, LGBl. Nr. 79/1991, hinsichtlich Bodenverbrauch im Salzburger Raumordnungsgesetz aus dem Jahr 1998, LGBl. Nr. 44/1998, zu finden.

Boden-Nutzungszwecke
Bodenverbrauch durch den Verkehr

In entwickelten Ländern wie Österreich und damit auch im Bundesland Salzburg gilt es die Flächenansprüche für folgende Nutzungszwecke abzudecken:

  • Wohnen: Wohnbebauung
  • Betriebe: Errichtung und Ausweitung von Betrieben (Gewerbe, Industrie, Bergbau)
  • Verkehr: Errichtung von Verkehrswegen und (PKW)-Abstellflächen
  • Ver- und Entsorgung: Landwirtschaftliche Produktion, Handel, Deponien
  • Freizeit: Errichtung und Gestaltung von Freizeitflächen

Für diese Bodennutzungszwecke werden in Österreich täglich mehrere Hektar umfassende Flächen verbraucht und ein großer Teil derselben für unabsehbare Zeit versiegelt.

Der Boden als existenzielle Ressource und der Umgang mit der Bedarfsfrage

Fest steht, dass der Boden global gesehen eine der grundlegenden und nicht vermehrbaren Lebensressourcen bildet und daher wie Luft und Wasser umfassend und nachhaltig geschützt werden sollte. Das ist bisher nicht der Fall. Vergleichbare Daten über Flächennutzung und Flächenverbrauch wären die Voraussetzung für die Untersuchung des Bodenverbrauchs. Diese sind derzeit nicht vorhanden. Außer in landwirtschaftlichen Kreisen ist Bodenverbrauch noch kaum ein Thema. Die Bodenbedarfsfrage wird daher bei neuen Projekten häufig gar nicht gestellt oder sie wird vorschnell bejaht.

Erkennbare Trends

Derzeit feststellbare Trends:

  • immer noch wachsende Pro-Kopf-Ansprüche im Flächenbedarf,
  • verschärfte Interessenskonflikte im Wettstreit um den vorhandenen Boden,
  • immer mehr miteinander konkurrierende Nutzungsinteressen und
  • ein enger werdender Planungsspielraum.

Überlegungen zur Ist-Situation

Eine Mäßigung der Bodenverbrauchs-Ansprüche auf freiwilliger Basis erscheint wenig wahrscheinlich. Es sind daher Bund, Länder und Gemeinden gefordert, neben der Einhaltung bereits bestehender Gesetze mögliche Strategien zur Eindämmung des Bodenverbrauches zu entwickeln und umzusetzen.

Bestehende gesetzliche Maßnahmen sind im Bundesland Salzburg das Salzburger Raumordnungsgesetz und in zweiter Linie auch das Salzburger Bodenschutzgesetz, dessen Zielsetzungen die Erhaltung und der Schutz von Böden und der Bodenfunktionen, die Verbesserung und Wiederherstellung der Bodenfunktionen und die Verhinderung von Bodenerosion und Bodenverdichtung ist. Im Salzburger Raumordnungsgesetz werden unter den Zielen und den Grundsätzen u.a. explizit >die Sicherung des Bodens< und >die haushälterische Nutzung von Grund und Boden< fest gehalten. Es wird u.a. auch eine aktive Bodenpolitik der Gemeinden gefordert und die Vermeidung von Zersiedelung angestrebt. Alle in diesem Gesetz aufgezählten planerischen Maßnahmen und Entwicklungskonzepte haben sich den im Gesetz genannten Zielen und Grundsätzen unterzuordnen.

Der Zielsetzung des Raumordnungsgesetzes stehen aber in der Praxis andere Realitäten gegenüber. Arch. DI Andreas Volker drückt es als Vertreter der Initiative Pinzgauer Architekten und Ingenieurkonsulenten in einem Leserbrief drastisch aus. Er spricht von einer „flächenfressenden Raumordnungspraxis, welche zu einem großen Teil auf Druck der Wirtschaft passiert.“

Hier sind einige Fehlentwicklungen zu nennen:

  • Förderung des Individualverkehrs anstelle des öffentlichen Verkehrs: Der Individualverkehr beansprucht im Verhältnis zum öffentlichen Verkehr pro Kopf der Bevölkerung ein wesentlich größeres Flächenausmaß (Verkehrswege, Abstellplätze, Parkflächen) und verursacht außerdem Boden-Verdichtung und -Versiegelung.
  • Ausweisung von Zweitwohnsitzgebieten (sowie die Ausbreitung illegaler Zweitwohnsitze): Zweitwohnsitze sind Ferienwohnungen oder Zweithäuser, die meist in abseitiger und / oder bester Lage lediglich zur zeitweiligen Nutzung errichtet werden. Die Errichtung und Erhaltung der dazu benötigten Infrastruktur ist wiederum besonders flächenfressend.
  • Flächenfressende Ortsumfahrungen wie in Bruck an der Großglocknerstraße, die trotz Bürgerprotesten sechsspurig errichtet wurde, nur um sie später wieder mit hohen Kosten auf vier Spuren rückzubauen. (Ein derzeit aktuelles Beispiel für den Umgang mit der Ressource Boden ist das von der Mehrheit der Saalfeldener Gemeindevertretung nach wie vor angestrebte Umfahrungsprojekt Saalfelden. Während die Alternative >Ausbau des Bestandes< einen Bodenbedarf von 1 000 m² bei Kosten von rund 4,5 Millionen Euro aufweist und eine Zeitersparnis von acht Minuten erwarten lässt, wird für die Umfahrung 120.000 m² Boden benötigt. Die geschätzten Kosten betragen mit 45 Millionen Euro das Zehnfache und die Zeitersparnis gegenüber der Variante Ausbau des Bestandes beträgt mit zwölf Minuten ganze vier Minuten.)
  • Eingeschossige Handelsgroßmärkte im Ausmaß von mehreren tausend m² Verkaufsfläche mit jeweils hunderten Parkplätzen – oft auf besten landwirtschaftlichen Gründen errichtet – Beispiel Maximarkt, ebenfalls in Bruck an der Großglocknerstraße. (Anm.: Österreich ist mit 1,9 Quadratmetern Handelsfläche pro Kopf der Spitzenreiter in der EU. Darüber hinaus befinden sich 51 % der Handelsflächen an der Peripherie.)
  • Die überall feststellbare Zersiedelung durch Wohnbauten aber auch durch Gewerbegebiete wie jenes zwischen Saalfelden und Maishofen, das kürzlich auf der grünen Wiese errichtet wurde und wo bis jetzt noch nach Mietern gesucht wird.
  • Landschafts- und Grünlandflächenfraß durch Fremdenverkehrsprojekte wie die Tauern Spa World in Kaprun, ebenfalls insulär auf umgewidmeter grüner Wiese erbaut und mit zahlreichen Parkplätzen versehen. Trotz direkter Anbindung des Komplexes an die Kapruner Landesstraße mittels neu errichtetem Kreisverkehr und neu errichteter Brücke über die Kapruner Ache, wurde auch noch die schon vorher existierende, auf der anderen Flusseite parallell zur Landesstraße verlaufende Uferstraße zwischen dem Ort Kaprun und der neuen Anlage auf Kosten des Grünlandes erheblich verbreitert.

Die hier explizit erwähnten Projekte der vergangenen Jahrzehnte stehen allerdings beispielhaft für viele andere Bauten in allen Bezirken des Landes, durch deren Errichtung oft hochwertige, landwirtschaftlich nutzbare Böden ohne Bedenken versiegelt wurden.

Notwendige Maßnahmen

„Flächenverbrauch stellt eine existenzielle Schädigung der Umwelt dar.“ So heißt es im sechsten Umweltkontrollbericht auf S. 58. Maßloser Flächen-, bzw. Bodenverbrauch und dessen mittel- und langfristigen Auswirkungen auf Mensch und Natur des Landes müsste gemäß der Dringlichkeit längst im Bewusstsein der Bevölkerung verankert und medial Thema mit hohem Stellenwert sein. Das ist zur Zeit nur dann der Fall, wenn ein Jahrhunderthochwasser wie im Juni 2013 auftritt und zwei Aspekte des Bodenverbrauches - nämlich die Folgen der zunehmenden Versiegelung und die fehlenden Überflutungsräume - zu Tage treten. Es besteht daher großer Aufholbedarf.

Um mit der begrenzten und lebenswichtigen Ressource Boden in Hinkunft besser Haus zu halten, sind Maßnahmen wie die Bewertung der Bodenfunktionen aller zur Verfügung stehender Flächen und eine darauf basierende wirksame Lenkung der Flächeninanspruchnahme überfällig.

Bodenverbrauch in Österreich im Herbst 2015

Der Vorstandsvorsitzende der Hagelversicherung, Kurt Weinberger, bezeichnet Österreich als „Europameister“ bei der Zerstörung fruchtbarer Böden. Täglich werde eine Fläche in der Größe von 30 Fußballfeldern verbaut, was einem Bodenverbrauch von 20 Hektar entspricht. Warum diese negative Entwicklung dem Hagelversicherungs-Verantwortlichen Sorgen macht ist evident: die Kosten für Naturkatastrophen, die damit im ursächlichen Zusammenhang stehen, sind stetig steigend.

Verlust von Agrarflächen in Österreich - Stand Sommer 2018

Österreich verliert jährlich 0,5 % seiner Agrarflächen. Bei Fortschreiten dieser Entwicklung gibt es hierzulande bereits in 200 Jahren so gut wie keine Agrarflächen mehr. Zum Vergleich: Deutschland und die Schweiz verbauen jährlich nur je 0,25%, Tschechien nur 0,17% seiner Fläche. (Zitat SN v. 3. August 2018)

Quellen

  • http://www.vorarlberg.at
  • http://www.bodeninfo.net
  • http://www.salzburg.gv.at Gesetz zum Schutz der Böden vor schädlichen Einflüssen (Bodenschutzgesetz)
  • http://www.educ.eth.ch
  • Leserbrief v. Arch. Dipl.-Ing. Andreas Volker f. d. Initiative der Pinzgauer Architekten und Ingenieurkonsulenten in den SN v. 10. April 2012
  • „Fleischlastige Ernährung frisst immer mehr Ackerland“, Salzburger Nachrichten, 17. April 2012, S. 27
  • Corinne Stauffinger, Karl Martin Tanner, „Wie die Gemeinden ihren Bodenverbrauch nachhaltig verbessern können – ein Handbuch“, http.//www.vlp-aspan-ch/de
  • Dr. Erich Dallhammer, Hoher Bodenverbrauch – reine Geldverschwendung, http://www.tirol.gv.at/raumordnung
  • DI Georg Juritsch / DI Elisabeth Neudorfer, Bodenschutz und Bodenbewusstsein, http://www.salzburg.gv.at
  • Bevölkerung und Flächenverbrauch, in: Sechster Umweltkontrollbericht des Österr. Umweltbundesamtes, http://www.umweltbundesamt.at
  • Karl Christian Petz, Vergleichende Abschätzung des Flächenverbrauchs in Österreich, http://www.corp.at
  • Flächennutzung, http://www.vorarlberg.at
  • Reinhard Seiss, "Wie die Made im Speck", Salzburger Nachrichten vom 18. August 2012, THEMA VII
  • Johannes Hörl, Infrastrukturausschuss, Abteilung IV, Amt der Salzburger Landesregierung in einem Leserbrief auf S. 28 im Lokalteil der Salzburger Nachrichten vom 9. Februar 2013
  • ORF II, Im Zentrum, 2. Juni 2013, Helmut Habersack: Zur Zeit werden 8 ha Boden pro Tag versiegelt
  • In Österreich wird viel Boden zugepflastert, SN, Seite 13, 13. Oktober 2015
  • Herwig Steinkellner, Bodenversiegelung stört den Wasserkreislauf, SN S. 21, 3. August 2018