Storchennester in der Altstadt und der Klausrab 1578 in der Mönchsbergwand

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Storchennester in der Altstadt und der Klausrab 1578 in der Mönchsbergwand in der Stadt Salzburg ist ein Beitrag von Prof. Dr. Fritz Gruber. Klausrab ist eine alte Bezeichnung für Waldrapp.

Anno 1578

Ausschreiben von wegen der Clausraben und Storchen. Wir Johann Jacob thun mit disem unserm offnen mandat khundt und zuwissen allen menigclich. Nachdem durch das püchßen schiessen, so alhie in unnser Stat Saltzburg, in der Trä- und Kirchgassen, auch ennhalb der pruggen, schier täglich beschicht, nit allain die clausraben und storchen aus Iren stendten geschröckht und verjagt werden, sondern auch solches chüessen der schwachen personen, auch der schwanngeren frauen halben seer geferlich, so haben weillendt unsere vorfordern löblicher gedechtnuß und auch wir deßhalben gleichwoll järlich offne mandat oder bevelch zu abstellung solches schüessens ausgeen und an die haubt thör alhie anschlagen lassen. Aber dessen alles unangesehen befinden wir, durch anderer glaubwirdigen bericht und unser selbs gewisse erfahrung, das solch unserm verbott bißheer wenig gelebt oder nachganngen worden, deßhalben wir dan gegen den verbrechern und ungehorsamen ain billichs ungnedigs mißfallen tragen und ist darauf unser ernstlich bevelch, das sich nun hinfüran niemand, er sei geistlich, weltlich, hofgesindt, burger ode inwohner, hohes oder nidern standts, niemandt ausgenomen, unterstee, in der Trä- oder Kirchgasse, bevorab aus den wierths- oder andern heußern am Münchperg und Rüetenburg aus püchßen sonderlich in der wandt des Münchspergs nach den clausraben oder storch- noch andern gefligel mit nichte zuschiessen, bei vermeidung unserer schweren straff und ungnad. Dann wo jemandt, er sei burger, inwohner alhie oder frembder aus den heüßern oder sonst gegen den Münchperg schiessen und solch unser verboth verachten oder übertretten wurden, darauf wir dann unser sonder acht und khundschafft verorndt haben, der solle nach ungnaden darumben gestrafft werden. Darnach hab sich ain jeder zurichten und sonderlich die wierth und andere in der Trägassen wonendt für sich und Ire gößt vor straff zu verhüetten. Geben und mit unserm fürgedruckhten secret verförttigt in unser stat Salzburg, den 28. Martii anno 1578.[1]

Historische Verordnungen von Schießverboten für Störche und Waldrappe

Dieses Schießverbot steht in einer Linie mit ähnlichen Verboten aus früherer Zeit. So erließ bereits Fürsterzbischof Leonhard von Keutschach im Jahre 1504 eine Verordnung, die das Schießen von "Raigern" und Klausraben untersagte.[2] Die "Raiger", eine gut bezeugte mundartliche Nebenform des Wortes "Reiher", werden tatsächlich Reiher gewesen sein. Eine Verwechslung mit Störchen ist wohl auszuschließen. Allerdings dürften Reiher nur als durchziehende Vögel wahrgenommen worden sein – ihre Brutplätze lagen höchstwahrscheinlich irgendwo außerhalb der Stadt. In einer zweiten Verordnung, diesmal von 1530, gilt der landesfürstliche Schutz nur den Klausraben – Reiher oder Störche bleiben unerwähnt. Als "Stände" (Einstände) der Klausraben finden sich bereits, wie auch noch 1578 und 1584, die Kirchgasse (Sigmund-Haffner-Gasse) und die Tragasse (Getreidegasse) erwähnt, ebenso der Mönchsberg und die Riedenburg sowie ein nicht näher definierter Ort enthalb der prugkh, also am rechten Salzachufer.

Das oben zitierte Ausschreiben von 1578 bezieht neben den Klausraben erstmals die Störche ein und bringt zwei neue Inhalte. Zum einen wird das Büchsenschießen als solches, sozusagen unabhängig von den Vögeln als potentielle Ziele, in den Vordergrund gestellt. Es könnten ja Schwache und Schwangere dadurch erschrecken und gesundheitlichen Schaden nehmen. Da das Schießen "in die Wand des Münichberg" als eigener Verbotspunkt angeführt ist, wäre auch eine gewisse Sorge hinsichtlich der Festigkeit des Gesteins vorstellbar. Wahrscheinlich sind ohnedies schon lange vor dem großen Bergsturzunglück von 1669 hin und wieder kleine Teile der Wand herausgebrochen.

Weiters ist der dezitierte Hinweis neu, dass auch Fremde und Gäste, die in der Tragasse bei Wirten wohnen, nicht ausgenommen seien und für sie die gleiche Strafandrohung gelte. Da klingt ein ganz klein wenig die Vorstellung an, als würden Fremde extra deshalb nach Salzburg gekommen sein, um sich ein ausgefallenes Jagd- und/oder Essvergnügen zu verschaffen – speziell der Klausrabe war zweifellos schon damals eine besondere Seltenheit und galt zudem als Leckerbissen. Dass etwas den Wirten und expressis verbis auch deren Gästen untersagt wird, dürfte im Laufe der Geschichte nicht sehr oft der Fall gewesen sein – sodass für 1578 ein diesbezüglich ganz konkreter Anlassfall anzunehmen ist.

Die Störche traf mit Sicherheit kein jagdliches oder kulinarisches Begehren. Martin Strasser als Salzburger Oberstjägermeister schreibt in seinem Jagdbuch: Der Storch ist "...nit sonders guet zu essen. Man fachet sie aber oder pürschet dieselben n i t gern, darumben, weillen sie so gern bei den Leiten auf den Heusern wohnen, last man si ires Vertrauens, so si zu dem Menschen haben und tails irer haltenten Wacht auf den Heusern und Kürchen genüeßen. Wo irer aber im Hörbst so vil, sunderlich der jungen zusambenkomben, so pürscht mans, als wie ich von den Khranichen Andeitung getan. Ist aber ain frumer, haimblicher Vogl."[3]

Das Motiv für das damalige Schussverbot ist also durch etwas mitbedingt, was wir heute als "Tierliebe" bezeichnen würden. Obwohl der Storch keinen großen Nutzen bringt, wünschte man sich ihn sozusagen als Nachbarn, und wohl ganz speziell in der Umgebung des alten "Frauenhofes". "So hieß der Raum von der Domkirche an bis zur Pfarrkirche, wohin die erzbischöfliche Wohnung ihre Hauptaussicht hatte. Ueber dem Dache dieser Seite, so wie auch auf der Querseite des Rinderholzes gegen die Kirchgasse sah man 14 Storchennester auf hohen Pfählen nach Sitte jener Zeiten".[4]

Um den Bau von Nestern zu erleichtern, befestigte man häufig an der Spitze der Pfähle beschädigte, unbrauchbar gewordene Wagenräder, und so dürfte es wohl auch noch im Salzburg des 16. Jahrhunderts geschehen sein.

Über das weitere Schicksal der Salzburger Stadt-Störche sind nicht viele Details bekannt. Jedenfalls setzte sich der "Überfluss" an solchen Tieren, wie ihn noch Oberstjägermeister Martin Strasser sah, in den folgenden Jahrhunderten nicht fort. Das Schussverbot für Störche und Klausraben wurde, soweit ersichtlich, 1584 zum letzten Mal erlassen.[5] Angeblich um 1802 starben die Störche in ganz Salzburg aus.

Erklärung zum Namen Klausrabe

Dass es überhaupt zu solchen Vogel-Schutzverordnungen kam, ist nicht in erster Linie den Störchen, sondern den bereits erwähnten Klausraben zu danken. Der Vogelkundler F. Moewes[6] hatte mit vielen Argumenten überzeugend dargetan, dass der Klausrabe ein Waldrapp (heutiger Wissenschaftsname Geronticus eremita) gewesen sein muss. Die erste wissenschaftlich-ornithologische Beschreibung stammt von dem berühmten Conrad Gessner (* 1516;† 13 Dezember 1565 in der Schweiz), der bereits 1555 darauf hinwies, dass der Vogel in Bayern und in der Steiermark "Klausrab" genannt werde, und zwar deshalb, weil er mit besonderer Vorliebe einsame, verlassene Klausen bewohne. Gessner hatte den Vogel vielleicht in seiner Heimatstadt Zürich noch selbst gesehen, zumal auch dort für das schon damals sehr seltene Tier.[7] Schutzbestimmungen galten und Übertreter, so 1535, gestraft wurden.

Über den Waldrapp

Hauptartikel Waldrapp

Der Waldrapp zählt zu den Mähnen-Ibisen und hat seine Heimat in den Steppen Marokkos und Mesopotamiens. Seine Federn werden als grün und violett schimmernd beschrieben, wobei die Nackenfedern deutlich mähnenartig verlängert ("Berg-Zopf-Rabe") sind. Auffallend ist das rötlich-fleischfarbene kahle Gesicht ("Kahlkopfibis"). Die Jungvögel sollen ganz besonders köstlich schmecken – was wohl ein Hauptgrund für die Nachstellungen gewesen sein mag. Im "großen" Buffon heißt es um 1788: "Aber es finden sich immer Menschen, welche so vielen Mut oder Geringschätzung gegen sich selbst haben, ihr Leben gegen den Reiz eines geringen Eigennutzes [= Gaumenkitzel] in Gefahr zu setzen, - und um diese kleinen Vögel aus dem Neste zu nehmen, sieht man viele Leute, welche es wagen, sich an Stricken, die oben an den Felsen, woselbst die Nester sind, herabzulassen".[8] Ob man wirklich viele Leute bei solchen Aktivitäten sah, ist hingegen sehr fraglich, denn im 18. Jahrhundert gab es von kompetenter Seite durchaus Zweifel am europäischen Vorkommen des Waldrapps, wie zum Beispiel S. Blumenbach, der in seinem "Handbuch der Naturgeschichte" von einem "rätselhaften, und, meines Wissens, von keinem kundigen Ornithologen je zuverlässig gesehenen Corvus Eremita" spricht.[9] "Corvus eremita" ist der von Linné geprägte Name des Waldrapps, heute "Geronticus eremita".

Die in österreichischen "Naturführern" heute vorkommenden Erwähnungen des Waldrapps[10] sind allesamt historische Reminiszenzen, und zwar hauptsächlich an das Vorkommen an der Mönchsbergwand,[11] Als zweites Vorkommen erscheint häufig das am Grazer Schlossberg genannt.</ref> die sozusagen als "locus typicus" dieser Vogelart gilt. In jüngster Zeit bemüht man sich in Grünau im Almtal und im Salzburger Land um die Wiederaufzucht dieser Vögel.

Quelle

Einzelnachweise

  1. SLA, Hofrat-Catenichl Bd. 21, 1578, fol. 43r-44r. In modernisierter Schreibung und mit einigen Abweichungen publiziert durch R. von IM-HOF (wie Anm. 18, 1887), S. 471 f. IM-HOF interpretierte die "Klausraben" nach dem damaligen Stand des Wissens fälschlich noch als "Steindohlen". – Hier die Wiedergabe nach den Editionsrichtlinien von WILFRIED SCHULTZE 1962/1978. Bereits edierte Text werden unverändert übernommen.
  2. Franz Moewes, Vom Klausraben, in: Jahrbuch für Vogelschutz (1929), S. 24-32, hier S. 24. F MOEWES beruft sich diesbezüglich auf eine Mitteilung, die der Salzburger "Staatsarchivar" Mudrich 1915 der "Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege" zukommen ließ.
  3. K. Lindner (wie Anm. 7), S. 367. Fallweise wurden aber auch Störche gegessen, wie ein Rezept aus einem französischen Viandier des 14. Jahrhunderts bezeugt.
  4. Lorenz Hübner, Beschreibung der hochfürstlichen-erzbischöflichen Haupt- und Residenzstadt Salzburg und ihrer Gegenden, 1. Bd., Salzburg 1792 (Faksimile-Druck 1982), S. 153. Vgl. dazu auch Heinz Dopsch und Robert Hoffmann, Geschichte der Stadt Salzburg, Salzburg-München 1996, S. 243f, wo eine Lageskizze geboten wird.
  5. SLA, Hofkammer-Catenichl Bd. 27, 1584, fol. 58 ff.
  6. F. Moewes konzentriert sich in seinen Ausführungen auf naturwissenschaftlich-ornithologische Fragen.
  7. Martin Strasser (wie Anm. 7) erwähnt ihn zum Beispiel nicht.
  8. von Buffon (Vorname nicht eruierbar), Naturgeschichte der Vögel, 7. Bd., Brünn 1788, S. 34-40, hier S. 38.
  9. Zitiert nach Johann Georg Krünitz, Ökonomisch-technologische Enzyklopädie, Bd. 120, Brünn 1820, S. 221.
  10. Keine Erwähnung bei Viktor Ritter von Tschusi zu Schmidhoffen, Die Vögel Salzburg's, Salzburg 1877; und bei Eberhard Stüber, Salzburger Naturführer, Salzburg 1967.
  11. So zum Beispiel bei Franz Höpflinger und Herbert Schliefsteiner, Naturführer Österreich, Graz-Wien-Köln 1995, S. 312.