Landflucht

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Unter Landflucht versteht man die Abwanderung von Teilen der Bevölkerung aus ländlichen Regionen in urbane Zentren und zentrumsnahe Räume.

Landflucht im Bundesland Salzburg

Die Bevölkerungsveränderung im Bundesland Salzburg von 2002 bis 2011 ergibt laut Salzburger Nachrichten für das gesamte Bundesland ein Plus von 2,8 %. Das resultiert statistisch aus dem Anwachsen der Bewohnerzahlen im Zentralraum und in den Bezirkszentren einerseits und dem Bevölkerungsschwund in Randlagen inner Gebirg andererseits. Gewinner dieser Entwicklung sind der Salzach-Tennengau (+6,5 %), der Flachgau Nord (+5,8 %), das Salzburger Seengebiet (+4,6 %), Salzburg Stadt und Umgebung (+3,7 %), das Gebiet um die Osterhorngruppe (+3,5 %), der Obere Salzach-Pongau (+3,4 %), das Obere Saalachtal (+ 3,1 %), der Ennspongau (+3,0 %), der Untere Salzachpongau (+ 1,5 %), das Zeller Becken (+ 0,4 %), sowie das Abtenauer Becken (+0,1 %).

Die Verlierer sind der Oberpinzgau (- 0,5 %), das Untere Saalachtal (- 1,3 %), der Lungau (- 1,9 %), der Unterpinzgau (- 4,6 %) und schließlich das Gasteinertal mit – 7,3 %, wobei die dortigen Zahlen wegen einer Bereinigung im Melderegister Unschärfen aufweisen.

Erklärungsversuche

  • Gernot Filipp, Leiter der Landesstatistik, verweist darauf, dass man 30 Jahre lang von den geburtenstarken Jahrgängen profitiert habe. Es habe dadurch viele Frauen gegeben, die Kinder kriegen konnten. Nun seien die geburtenschwachen Jahrgänge der 70er- und 80er-Jahre im gebärfähigen Alter.
  • Wolfgang Eder, Lungauer Regionalverbandschef und Bürgermeister von Mauterndorf, beklagt die fehlenden Arbeitsplätze für Hochqualifizierte.
  • Anton Kaindl, SN-Redakteur, ist der Meinung, dass die Arbeitsplätze in den betroffenen Regionen auf Tourismus, Bau und Handel konzentriert sind.

Landflucht ist weiblich

Tatsache ist, die Landflucht ist vorwiegend weiblich und umfasst vor allem hochqualifizierte und akademisch gebildete Frauen. Die Anzahl der Frauen, die aus ländlichen Regionen stammen und ein Studium absolvieren, ist in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegen. Nicht nur die geburtenschwachen Jahrgänge mit einer geringeren Anzahl an gebärfähigen Frauen bestimmen also die Entwicklung, auch das Bildungsniveau und damit das ökonomische Potential der Frauen ist erheblich gestiegen, wodurch sich einerseits deren ökonomische Unabhängigkeit verbessert und andererseits die Bereitschaft Kinder zu gebären vom Lebensalter her nach hinten verschoben hat. Auch die Geburtenrate pro Frau hat sich hierzulande verringert, während in Ländern wie Frankreich, wo Beruf und Familie besser vereinbar sind, höhere Geburtenraten pro Frau und damit insgesamt eine höhere Geburtenzahl gegeben sind.

Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Die Schönheit der Landschaft ist Basis des Tourismus, aber als Lebensgrundlage nicht ausreichend. Die Attraktivität eines Raumes wird durch mehrere Faktoren bestimmt. An entscheidender erster Stelle für die individuelle Wahl des Lebensortes stehen für hochqualifizierte Frauen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Gut ausgebildete Frauen, die Familie und qualifizierte Arbeit auch in einer ländlichen Region vereinbaren wollen, scheitern am Mangel an Kinderbetreuungseinrichtungen, an den nur spärlich vorhandenen qualifizierten Arbeitsplätzen und an der fehlenden Infrastruktur im Bereich öffentlicher Verkehrsmittel, die ja nach wie vor vorwiegend von Frauen benutzt werden.

Arbeitsplatzangebot

Die Arbeitsplatzsituation ist geprägt vom einseitigen Branchenmix mit dem Tourismus als Haupterwerbszweig, damit verbunden der Baubranche und dem Baunebengewerbe, sowie dem Handel als Versorgungsbasis für Einheimische und Touristen. Dieser Branchenmix bietet relativ zur Gesamtzahl an Arbeitsplätzen wenige qualifizierte Arbeitsplätze und diese sind vorwiegend im traditionell männlich besetzten Segmenten wie Baubranche und Baunebengewerbe zu finden. Die Mehrzahl der Arbeitsplätze im Handel sind Teilzeitstellen im Niedriglohnbereich. Es verwundert daher auch nicht, dass der Pinzgau österreichweit seit Jahren zu den Niedrigstlohn-Bezirken zählt.

Kinderbetreuungseinrichtungen

Die Kinderbetreuungseinrichtungen bieten, sofern sie überhaupt vorhanden sind, nach wie vor wenig kundenfreundliche Öffnungszeiten, obwohl darüber seit Jahrzehnten diskutiert wird. Ideologische Barrieren bestimmen die Entscheidungen und der Kinderbetreuung zweckgewidmete Bundesmittel werden hierzulande nicht ausgeschöpft. Auch ist die Wertschätzung der Kindergartenpädagoginnen, die sich durch deren Bezahlung ausdrückt, verglichen mit von Männern dominierten Berufen (beispielsweise Förster), bis heute im Ungleichgewicht, was die Motivation verständlicherweise beeinflusst.

Fehlende Kinderbetreuungseinrichtungen und die praxisfernen Öffnungszeiten bestehender Kinderbetreuungseinrichtungen verunmöglichen es aber vor allem Alleinerzieherinnen ein akzeptables Arbeits- und Familienleben zu gestalten.

Öffentlicher Verkehr

Öffentliche Verkehrsanbindungen, von einzelnen Erfolgsgeschichten wie der Pinzgauer Lokalbahn einmal abgesehen, wurden in den Bezirken inner Gebirg in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr reduziert. Wollen beide Elternteile einer qualifizierten Arbeit nachgehen, benötigen sie in der Regel zwei Autos. Ist nur ein PKW vorhanden, wird er in der Regel vom Mann benützt. Während in zentrumsnahen Regionen Schnellbahnverbindungen und Taktfahrpläne umgesetzt werden, werden die regionalen Zugverbindungen in den Gebirgsbezirken immer mehr ausgedünnt.

Sonstige Faktoren

Bestrebungen die Gegebenheiten zu verändern, stoßen immer wieder an Grenzen, die von den politischen Entscheidungsträgern, in den Landbezirken sind das nach wie vor überwiegend Männer – beispielsweise werden die 28 Pinzgauer Gemeinden von 25 Männern und von nur drei Frauen geleitet – wesentlich bestimmt werden. Auch wenn man das geistige und gesellschaftliche Klima in den ländlichen Regionen – wie Anton Kaindl meint – nicht mehr als „rückständig“ bezeichnen kann, ist dieses aber nach wie vor durch männliche Dominanz geprägt. Bedingt durch den unterschiedlichen Erfahrungshintergrund und die unterschiedliche Interessenslage stehen Meinungsbildung und Entscheidungen auf regionaler und örtlicher Ebene oft im Gegensatz zu den Interessen junger gebildeter Frauen, die wenig gefragt und kaum gehört werden. Daraus entsteht ein fataler Teufelskreis.

Folgen der Landflucht

Der aus dieser Abwanderung resultierende „Braindrain“, laut deutschsprachiger Wikipedia „wörtlich Gehirn-Abfluss im Sinne von Talentschwund, somit der Abwanderung der Intelligenz einer Volkswirtschaft“, bedeutet einen hohen Verlust an geistigem und gesellschaftlichen Entwicklungs- und Veränderungspotential und begünstigt Stillstand und Beharrungstendenzen, Phänomene, die eine negative Auswirkung auf die betroffenen Regionen haben. Gemäß der Wirtschaftstheorie von Richard Florida, bewirkt die „Mobilität der kreativen Klasse im Raum“ eine Ballung „kluger Köpfe“ in attraktiven Räumen, wo als positive Folge überdurchschnittliches Wachstum und Wohlstand entstehen, während die von der Abwanderung dieser „Kreativen Klasse“ betroffenen Regionen unter den Auswirkungen in umgekehrter Richtung betroffen sind: das sind fehlendes kreatives Potential und daraus folgend abnehmendes Wachstum und abnehmender Wohlstand.

Initiative gegen die Landflucht

Der Regionalverband Oberpinzgau hat im Frühjahr 2012 ein auf drei Jahre angelegtes und mit 180.000 Euro dotiertes Projekt mit der Bezeichnung „Komm – bleib“ ins Leben gerufen. Es sollen aus dem Oberpinzgau Abgewanderte aktiv angesprochen und mit Informationen über Arbeitsplätze in der Region versorgt werden. Dabei sucht man auch die Unterstützung regional ansässiger Unternehmen und der Bevölkerung. Die Servicestelle des Projektes – das „Komm-Bleib-Office“ - befindet sich beim Regionalverband im Gemeindeamt Mittersill. Neben der Arbeitsplatzinformation für potentielle Rückkehrer sollen diese auch bei der Wohnungssuche unterstützt und über Betreuungseinrichtungen informiert werden.

Weblink

Quellen