Spitzkramerhäusl

Aus Salzburgwiki
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Das Spitzkramerhäusl um 1957.

Die Spitzenklöppelei und das Spitzkramerhäusl in Hof bei Salzburg im Flachgau.

Geschichte

Dieses Gebäude wurde als „Häusl beim Gut Strumegg“ um 1640 an der Stelle errichtet, wo sich heute der Kreisverkehr Baderluck befindet. 1762 umgebaut, musste es 1958 der neuen Trassierung der Wolfgangsee- Straße weichen.

Hinter der Bezeichnung Spitzkramer verbirgt sich die Geschichte eines Zweiges der Flachgauer Hausindustrie, nämlich der Schlingen- und Spitzenklöppelei vom 17. Jahrhundert bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Es war eine zusätzliche Erwerbsmöglichkeit vorwiegend für Frauen, aber auch für Holzknechte, Kraxenträger, Taglöhner u.a.

Der Spitzkrämer war der Verleger, der den Heimarbeitern das notwendige, teilweise sehr teure Material (in Salzburg Leinenzwirn und Baumwollgarn, in Klöppelgebieten anderer Länder auch Leonische Fäden, also vergoldete oder versilberte Metallfäden, sowie Roßhaar, Seide und gespaltenes Stroh) zur Verfügung stellte und die erzeugte Ware auf den Wochen-, Saison- und Jahrmärkten im In- und Ausland absetzte (u.a. in München und Augsburg). Es wurden „Schlingen“ und Klöppelspitzen hergestellt. Salzburger und Mondseer Schlingen waren eine Besonderheit, die mit einer einfacheren Klöppeltechnik aus Leinen- und Baumwollfäden produziert wurden.

Die Krämerei mit der „weißen Ware“ hatte sich schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts in den Land- bzw. Pfleggerichten Hüttenstein (St. Gilgen) und Wartenfels (Thalgau) etabliert. Zu Beginn erzeugte man bis 1670 vorwiegend Schlingen, anschließend lief die Produktion von Schlingen und Klöppelspitzen parallel.

Nach den Forschungen von Dr. Monika Thonhauser weisen die Pfarrmatriken von Thalgau für die Jahre von 1682 bis 1698 zehn Spitzen -und Schlingenhändler aus. Für die Zeit von 1700 bis 1793 sind weitere acht verzeichnet.

Darunter finden sich für Hof unter der Jahreszahl 1695 ein Georg Gizner, Spizkhrammer in der Paderluckhen; Jacob Gizner, 1698 - 1726; Spitzkhrammer in der Paderluckhen; 1741 - 1784 Andreas Gizner, Spitzkhrammer und Rechenmacher in der Paderluckhen; (1757 - 1778 uxor Magdalena, Spitzkrammerin, Rechenmacherin).

Aber bereits 1675 suchte August Kirpichler in der Paderluckn um die Gerechtsame (Gewerbeberechtigung) für die „Worische Krammerei“ an. Es dürfte dabei der Handel mit Flachs (Werg), mundartlich „Weri“, gemeint sein. 1710 bezeichnet sich Michael Khirchpichler bereits als Spitz- und Schlingenhändler in der Paderlucken. Der Hofer Spitzenkrämer beschäftigte ungefähr 15 Klöpplerinnen.

Mit Anfang des 19. Jahrhunderts ging es mit der Spitzen-Hausindustrie zu Ende. Den Wiederbelebungsversuchen durch die Aktivität von Frauenvereinen waren keine größeren Erfolge beschieden. Seit 1970 ist Spitzenklöppeln zu einem Hobby talentierter Frauen geworden, die mit Freude und Kreativität die alte Kunst am Leben erhalten.

In der Folie 214 des grundherrschaftlichen Amtes Seekirchen des Stiftes St. Peter scheinen ab 1762 folgende Besitzer des Spitzkrämerhäusls auf: 1762 Andrä Gitzner; 1805 Getraud Grundner; 1807 Josef Tanzberger;1829 Theresia Tanzberger; 1830 die vier Geschwister von Theresia Tanzberger als Erben; 1832 Josef Tanzberger;1832 Elisabeth Reichlin durch Halbsetzung; 1841 Elisabeth Tanzberger (Witwe nach Josef); 1841 Franz Hödinger durch Halbsetzung; 1870 nach Ableben von Elisabeth Hödinger das Alleineigentumsrecht auf das Haus samt Zugehör zu Gunsten von Johanna Tanzberger einverleibt; ab 24. April 1902: Stefan Eckschlager; ab 17. Mai 1933: Franz Eckschlager; ab 8. Jänner 1957: Matthias und Katharine Reiter. Als letzte Bewohnerin scheint Frau Marika Lotterhos auf.


In Bad Goisern am Hallstättersee in Oberösterreich erinnert noch ein Haus mit der Aufschrift "Spitzkramerhaus 1731" an die frühere Spitzen-Hausindustrie im Salzkammergut. Adresse: Josef-Putz-Straße 7. In diesem Haus wohnte als Kind der spätere Landeshauptmann von Kärnten, Jörg Haider (1950-2008).

Eine andere Geschichte

Im Spitzkrämerhaus wuchs bei der Hauseigentümerin und Ziehmutter Johanna Tanzberger der am 5. Juli 1891 als lediges Kind einer Bauernmagd in Hof geborene Stefan Schlager auf. Der spätere verdienstvolle Gendarmerie-Postenkommandant von Bad Gastein wurde 1938 von der Gestapo verhaftet und starb nach schweren Misshandlungen am 4. Dezember 1939 im KZ Mauthausen.

Quellen und Literatur

  • Grundbuch Thalgau, EZ 102, Grundstückszahl 1142, KG Hof.
  • Alois Roither: Bild des Spitzkramerhäusls. Roither (†) war Altbauer vom Strumegg-Gut in Hof.
  • Archiv Erzabtei St. Peter, Amt Seekirchen: Urbar Folien 214 und 324.
  • Monika Thonhauser: Die Spitzenhausindustrie im Raum St. Gilgen. In: MGSL 145 (2005), S. 189-286.
  • Monika Thonhauser: Das Salzburgische Flache Land - eine textile Landschaft. Phil. Diss. Salzburg 2006.
  • Josef Felber (†) u.a: Chronik-Heimatbuch Hof, hg. vom Gemeindeamt Hof bei Salzburg, Hof 1990. S. 96-99 (zu Stefan Schlager).
  • Laurenz Krisch: Bad Gastein während der NS-Herrschaft. In: MGSL 147 (2007), S. 255-322, hier S. 276-277. (zu Stefan Schlager).