Eisenbahnkatastrophe 1929 auf der Tauernbahn

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Die Eisenbahnkatastrophe am 22. August 1929 auf der Tauernbahn forderte vier Tote und 34 Verletzte, davon acht Schwerverletzte.

Das Unglück

Originalbericht der Salzburger Wacht:

Auf der eingeleisigen Strecke der Tauernbahn zwischen den Stationen Schwarzach und Loifarn, stießen gestern kurz vor Mittag zwei Züge, ein talab fahrender Personenzug und ein bergauf fahrender Schnellzug, mit voller Wucht zusammen.

Die Ursache der furchtbaren Katastrophe wird amtlich festgestellt werden. An Ort und Stelle erfuhren wir darüber folgendes: Der von Villach kommende Psrsonenzug Nr. 716, der um 11 Uhr 27 in Loifarn ankommt, hätte fahrplanmäßig dort warten sollen bis der um 11 Uhr 11 Minuten von Schwarzach abgehende Schnellzug Nr. 115 die Station Loifarn passiert hat. Gestern hatte nun der Schnellzug eine Verspätung. Dies veranlaßte den Fahrdienstleiter in Loifarn nach Schwarzach die Anfrage zu richten, ob nicht die Kreuzung der beiden Züge nach Schwarzach verlegt werden könnte. Von Schwarzach wurde ihm geantwortet, daß eine Kreuzung in Schwarzach unmöglich sei.

Möglicherweise hat nun ein Versagen der elektrischen Blockeinrichtung in Loifarn den folgenschweren Irrtum wachgerufen, daß die Strecke frei sei — der Personenzug wurde abgelassen, während schon der Schnellzug auf der eingeleisigen Strecke bergan fuhr.

Einen Teil der Schuld trifft aber auch das bei der Bundesbahn herrschende Sparsystem. Das Wächterhaus Kt. 2, das unmittelbar an der Unglücksstelle liegt, ist, wie wir erfahren, derzeit unbesetzt, da der Wächter abgebaut worden ist. Wäre dies nicht geschehen, so würde aif das Signal: „Alle Züge aufhalten” der Wächter alles Notwendige veranlaßt haben und das Unglück hätte vermutlich verhütet werden können.

Der Zusammenstoß ereignete sich, kurz nachdem der Personenzug den einzigen Tunnel auf dieser Strecke verlassen hatte. Das Unglück war nicht mehr zu vermeiden; da die Bahnlinie kurz vor dem Tunnel eine scharfe Kurve beschreibt, konnten die Lokomotivführer erst im letzten Moment die drohende Katastrophe gewahr werden; und selbst dann, wenn noch der Versuch gemacht worden sein sollte, die Maschine des mit voller Geschwindigkeit abwärtssausenden Personenzuges und die Zugmaschine des Schnellzuges zu bremsen, so konnte doch der Führer der Schubmaschine des Schnellzuges unmöglich das Herannahen des Gegenzuges sehen.

Der Zusammenprall der beiden Züge war furchtbar.

Beide Lokomotiven wurden aus den Geleisen gehoben. Die Maschine des Personenzuges bohrte sich förmlich in die Brust der Schnellzugsmaschine hinein. Der breite Schornstein der Personenzugsmaschine wurde abgerissen und über den etwa dreißig Meter hohen Hang hinabgeschleudert, wo er knapp neben dem Geleise der Strecke Schwarzach—Lend liegen blieb.

Unter dem Tender der Personenzugsmaschine schob sich der Dienstwagen hinein. Dach und alle vier Seitenwände des Dienstwagens wurden abgeschleudert; diese Teile des Wagens lagen zertrümmert auf dem Hang. Dafür hatte sich der Tender, durch die gewaltige Wucht der folgenden Wagen gehoben, mit den zwei Hinterrädern auf das Untergestell des Dienstwagens gestellt, während die beiden vorderen Räder des Tenders zwischen den Schienen auf der Erde standen. In dem völlig zertrümmerten Postwagen des Personenzuges befanden sich, wie uns erzählt wird, vier Beamte. Dieselben wurden auf eine fast unfaßbare Weise vor dem Tode gerettet: Nach dem Zusammenstoß wurden sie nach vorne geschleudert und kamen zwischen die Räder des Tenders zu liegen, die sich auf den Postwagen hinaufgesetzt hatten.

Der zweite Wagen des Personenzuges soll der Gepäckswagen gewesen sein, so sagte man uns. Auch hier war vom Aufbau keine Spur mehr; auch zwei Räder waren abgerissen und lagen irgendwo unter den Trümmern. Der folgende Wagen war ein Personenzugswagen mit Coupés zweiter Klasse. Der Wagen hatte eine Seitenwand und die Wand zwischen Seitengang und Abteilungen gänzlich eingüßt. Die ausgegriffenen Coupétüren lagen teils auf dem Hang, teils tief unten nahe dem Doppelgeleise der Innsbrucker Strecke. In drei Wagenabteilungen waren auch die gepolsterten Sitze verschwunden. In diesen Wagen soll dem Vernehmen nach ein Todesopfer aufgefunden worden sein.

Die übrigen Wagen des Personenzuges scheinen weniger gelitten zu haben; sie konnten gegen 5 Uhr abends abgeschleppt werden. Noch schlimmer fast erging es dem bergan fahrenden Schnellzug. Der Postwagen desselben war zum Teile unter die Maschine geschoben; einige Ueberreste der Seitenwände hingen herab. Der Boden des Wagens war zertrümmert und durchlocht. Fast unglaublich ist es, daß, wie man uns erzählt, der Beamte, der in dem Wagen gearbeitet hat, nicht verletzt - worden sein soll.

Der nun folgende Speisewagen hat anscheinend geringeren Schaden gelitten; nur der vordere Teil, die Küche, ist in den Postwagen hineingeschoben und zerdrückt. Beim nächsten Wagen, der nur Abteilungen dritter Klasse enthielt, ist merkwürdigerweise der Oberbau nur wenig beschädigt, dafür fehlt aber das rückwärtige Räderpaar des Wagens. Dieser Teil des Wagens ist durch den nächsten Wagen in die Höhe gestemmt.

Dieser Wagen, der Abteilungen zweiter und dritter Klasse enthielt, hat am schwersten gelitten und die meisten Opfer gefordert. Wahrscheinlich ist er durch die Schubmaschine nach erfolgtem Zusammenstoß unter furchtbaren Druck gebracht worden. Von der Karosserie dieses Wagens steht nichts mehr als die Seitenwand an der bergwärts gerichteten Seite; auch diese Wand weist aber ein mächtiges Loch auf. Alles übrige aber ist verschwunden: Kein Seitengang, keine Zwischenwand, keine einzige Bank. Bloß ein entsetzlicher Haufen von Holzsplittern. Aber seltsam: das Fahrgestell dieses so arg zugerichteten Wagens scheint so ziemlich intakt geblieben zu sein.

Hinter diesem - so schwer hergenommenen tschechoslowakischen Wagen, in dem vier Todesopfer gefunden wurden, fuhren ein Schlafwagen und mehrere Wagen erster und zweiter Klasse, die fast unbeschädigt blieben und durch die folgende Schubmaschine alsbald nach Schwarzach zurückgebracht werden konnten.

Was sich im Moment des Zusammenstoßes abgespielt hat, läßt sich kaum schildern. Ein Eisenbahner vom Personenzug, der mit eingebundenem Kopf und Arm den Hilfszug besteigt, der in zurück nach Villach bringt, faßt uns: „Ich hörte noch einen furchtbaren Krach — dann wußte ich nichts mehr, als daß man mich aus den Trümmern herauszog." Aber die Frau des Bahnangestellten, der gerade an der Unglücksstelle sein Häuschen hat. war Augenzeugin der schrecklichen Katastrophe. Sie erzählt: Ein furchtbarer Krach — dann bäumten sich die Wagen auf. Es schien, als ob sie über den etwa 30 Meter hohen Hang hinabstürzen wollten. Dann sah sie ein paar Bedienstete der Eisenbahn — vermutlich den Maschinisten und den Heizer der Schnellzugsmaschine und einen im Zug befindlichen Bahnmeister — aus dem Zug herausspringen — und dann begann das entsetzliche Geschrei der Leute, die sich selbst aus den Trümmern nicht befreien konnten: Bitte, helft uns!

Ein Mann war im letzten Schnellzugswagen im Fenster eingeklemmt. Die Frau lief sofort um eine Hacke. Ein Kondukteur entriß ihr dieselbe und schlug das Loch in der stehen gebliebenen Seitenwand des Wagens, um den dort eingeklemmten Mann zu befreien. Und dann lief die Frau, um aus ihrem Häuschen für die Verwundeten an Bettzeug herbeizuschleppen, was sie dort hatte. Ein junger Bursche erzählt uns, er sei einer der ersten gewesen, die den so schwer beschädigten Schnellzugswagen bestiegen hatten. Dort fand er, im Coupé zweiter Klaffe, zwei tote Frauen. Die eine, etwa 27 bis 28 Jahre alt, saß zusammen gebeugt in hockender Stellung, das Gesicht blau, als wäre sie erstickt. Die zweite lag in einer gewaltigen Blutlache. In einem Abteil der dritten Klasse lag eine „formlose Masse". Man glaubte zuerst, es sei ein Sack. Als man ihn aufhob, erkannte man: Ein Todesopfer.

Hilfszüge waren natürlich aus beiden Richtungen erschienen. Der Verkehr muß zunächst durch Umsteigen aufrecht erhalten werden. Ein rasch angelegter Fußsteig ermöglicht dies. Sofort begannen auch die Aufräumungsarbeiten. Die letzten Wagen des Personenzuges konnten abgeschleppt werden. Der vorletzte Wagen des Schnellzuges, dem ein Räderpaar fehlt, wurde durch Winden hochgeschraubt. Eine Maschine wurde den Ruinen des Wagens vorgespannt — ein Ruck, er ist herausgezogen. Freilich fallen dabei Trümmer nach allen Seiten. Es wird vermutlich gewaltige Mühen verursachen, um die beiden entgleisten Maschinen auf die Schienen zu heben.

Hunderte von Zuschauern sammelten sich alsbald auf der Unglücksstelle. So furchtbar die Katastrophe ist, so wäre sie doch ganz unabsehbar groß geworden, wenn der Zusammenstoß im knapp an der Unglücksstelle gelegenen Tunnel erfolgt wäre.

Der Koch des Speisewagens, Engelbert Polansky, der in Wien, 2. Bez., Schüttauerstraße 69 wohnt und seit 19 Jahren als Koch in Speisewägen nach allen Richtungen fährt, erzählte uns folgendes:

Wir fuhren von der Station Schwarzach ab. Es wurde bereits zum Speisen hergerichtet, doch waren noch keine Gäste im Wagen. Nur das Bedienungspersonal befand sich dort. Plötzlich spürten wir einen Stoß. Ich flog auf den Boden. Als ich mich erhob, sah ich, daß sämtliches Geschirr vom Ofen samt den Speisen verschwunden war. Ich stand auf, flog neuerlich zu Boden, dann nochmals. Bei dem vierten Stoß flog ich an die Wand. Wir wußten nicht, was los sei, dachten aber keiner an einen Zusammenstoß; wir wußten ja, daß wir eingeleisig fuhren. Im ersten Moment glaubte jeder von uns, daß er aus Spaß von einem Kollegen einen Stoß bekommen habe. Erst dann, als wir hinausschauten, sahen wir das schreckliche Unglück. Von uns wurde nur einer leicht am linken Fuß verletzt.

Im Speisewagen, der nur vorne beim Klosett eingedrückt und beschädigt wurde, herrschte grauenhafte Verwüstung, denn alles dort befindliche für das Mittagmahl bereitgestellte Geschirr, die Flaschen, der Zucker, alles lag zerschlagen auf dem Boden. Sämtiche Schranktüren und Läden standen offen, der Inhalt durcheinander geworfen. Eine Beschädigung des Speisewagens, außer der bereitsgeschilderten Zerdrückung des Klosett, war nicht erfolgt. Als Glück im Unglück bezeichnete es der Koch, daß der Speisewagen auf der Selztalerstrecke einmal verschoben worden war und durch Zufall der die Küche enthaltende Teil nicht wie sonst, vorne, in der Richtung der Maschine sich befand, denn sonst wäre statt des Klosetts die Küche zertrümmert worden und das Küchenpersonal, sechs Personen, kaum mit dem Leben davon gekommen.

[...] Bald mach der Katastrophe erschien Landeshauptmann Dr. Rehrl an der Unfallstelle, besichtigte eingehend die Folgen der Katastrophe und ordnete mit dem Bezirkshauptmanne Dworzak von St. Johann i. P., welcher ebenfalls sofort nach Verständigung am Unfallsplatze eingelangt war, die erforderlichen Maßnahmen an [...] Landeshauptmann Dr. Rehrl begab sich von der Unfallsstelle in Begleitung des genannten Bezirkshauptmannes nach Schwarzach in das Spital, wo er alle Verletzten besuchte und sich nach ihrem Befinden erkundigte.

Quelle