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Kreuz aus Limoges

Das 1941 von der SS aus polnischem Besitz geraubte und 1944 in das Schloss Fischhorn verbrachte Prozessionskreuz aus Limoges

Das Kreuz aus Limoges war Teil des NS-Raubgutes, das 1941 u. a. einer polnischen Adelsfamilie gestohlen und vor Kriegsende nach Schloss Fischhorn gebracht wurde.

Inhaltsverzeichnis

Die Odyssee des Kreuzes aus Limoges

Wiedererstehung aus dem Müll

2004 fand eine Frau aus Zell am See in einem Müllcontainer des Nachbarhauses, der zum Zwecke der Entrümpelung nach einem Todesfall befüllt worden war, ein Kreuz aus Metall. Sie ärgerte sich über den respektlosen Umgang mit diesem für sie religiös bedeutsamen Gegenstand und fragte die Nachkommen des Verstorbenen, ob sie das Kreuz haben könne. Man sagte ihr, dass sie alles was in dem Container befindlich sei, an sich nehmen könne. Die Finderin erkannte den Wert des Kreuzes nicht und bot dieses ihren Kindern an. Das Kreuz blieb jedoch in ihrem Besitz und landete für weitere Jahre in einer Truhe. Im Jahr 2007, anlässlich des Besuches eines Nachbarn, kam die Rede darauf, dass wohl auch nach ihrem Tod die Kinder die in ihrem Besitz befindlichen Gegenstände so entrümpeln würden, wie es ein paar Jahre zuvor in der Nachbarschaft geschehen sei. Sie kramte in diesem Zusammenhang das Kreuz aus der Truhe und zeigte es ihrem Besucher. Dieser erkannte, dass das Kreuz ein alter und durchaus wertvoller Gegenstand sein könnte.

Über die Ausstellungen im Bergbau- und Gotikmuseum in Leogang informiert, brachte er zusammen mit der Finderin das Kreuz dorthin und sie zeigten es dem Kustos Hermann Mayrhofer. Die Fundgeschichte machte diesen hellhörig und man kam überein, die Polizei zu informieren, da es ja in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Diebstähle in Kirchen und Kapellen gegeben hatte.

Identifizierung als NS-Raubgut

 
Schloss Fischhorn in Bruck an der Großglocknerstraße

Kriminalisten fanden schließlich heraus, dass dieses Kreuz um 1200 n. Chr. in Limoges, Frankreich, als Prozessionskreuz hergestellt worden und wie vergleichbare Stücke rund 400.000,- € wert war. Es gehörte ursprünglich zur Kunstsammlung der polnischen Adeligen Izabella Elzbieta von Czartoryski-Dzialinska im Schloss Goluchow in Polen. 1939, als der systematische Kunstraub der deutschen Besatzer unter Federführung von Kajetan Mühlmann einsetzte, wurde das Kreuz vor den Nazis versteckt. 1941 wurde das Kreuz aber entdeckt und in das Polnische Nationalmuseum nach Warschau verbracht. Von dort wurde es zusammen mit anderen polnischen Kunstschätzen geraubt und nach Österreich transportiert.

Der Kunstraub in Polen

In der zweiten Oktoberhälfte 1944, nach dem Zusammenbruch des Warschauer Aufstandes, transportierte SS-Obersturmbannführer Moritz Arnhardt, Untergebener von SS-Standartenführer Hermann Fegelein, dieser war ein Schwager von Hitlers Frau Eva Braun, 41 Kisten mit im polnischen Besitz befindlichen Kunstwerken aus dem Nationalmusum in Warschau nach Bruck an der Großglocknerstraße. Darunter auch das Kreuz aus Limoges. Dort wurde das Raubgut in Baracken auf dem Schlossgelände, sowie im Schloss selbst eingelagert. Schloss Fischhorn war damals Fegeleins Stabssitz.

Das Diebesgut wird ein zweites Mal gestohlen

Am Kriegsende, in den wenigen Tagen nachdem die SS-Mannschaften abgezogen waren und bevor die amerikanischen Truppen das Schloss besetzt haben, wurde hier im großen Stil geplündert. Aus nah und fern kamen Leute aus der Bevölkerung zum Teil sogar mit Fahrzeugen und transportierten ab was ihnen gefiel. Das NS-Raubgut wurde nun zum zweiten Mal gestohlen, dieses Mal aber von der Zivilbevölkerung. Es verschwand ein großer Teil der Sammlungen des Museum Goluchow, die vor ihrer Verfrachtung nach Österreich im Nationalmuseum in Warschau befindlich waren. Darüber hinaus gingen zu diesem Zeitpunkt auch Gemälde, Zeichnungen und Grafiken aus der Sammlung des Nationalmuseums in Warschau verloren.

Hier verliert sich auch die Spur des Kreuzes aus Limoges, bis es rund 60 Jahre später, 2004 im weggeworfenen Nachlass eines verstorbenen Gasteiner Hoteliers im Sperrmüll-Container wieder auftaucht.

Vom Schloss Fischhorn in den Sperrmüll-Container in Zell am See

Wie Recherchen ergeben haben, kam das Kreuz, das zusammen mit anderen Kunstschätzen als NS-Raubgut im Schloss Fischhorn gelagert war, von dort zuerst nach Gries im Pinzgau. Von Gries ging es infolge einer Heirat in den Besitz einer Gasteiner Hoteliers-Familie über. Nach dem Tod des ehemaligen Gasteiner Hoteliers wurde es wie beschrieben entsorgt und geborgen.

Bemerkenswertes

 
"Polnische Kulturschätze im Schloss Fischhorn - eine nicht abgeschlossene Historie" - Die am 5. Oktober 2015 eröffnete Freiluftausstellung der polnischen Botschaft in Wien vor dem Ferry Porsche Congress Center Zell am See

Der Auffindung des Kreuzes aus Limoges fand ein großes Medienecho. Als nun der Wert des Kreuzes einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde, stellten die Nachkommen des Verstorbenen, die zuerst wegen der Schulden desselben sein Erbe nicht angetreten und auch das Kreuz im Müll entsorgt hatten, gerichtlich Besitzansprüche. Angesichts der wahren Besitzverhältnisse war dieses Vorgehen jedoch zum Scheitern verurteilt. Auch die Finderin wollte wegen des nun bekannten hohen Wertes einen Finderlohn. Sie konnte sich mit den rechtmäßigen Besitzern außergerichtlich einigen.

Das Kreuz aus Limoges wurde, nachdem es auf Grund einer gerichtlicher Erlaubnis für die Dauer der zwecks Rückführung erforderlichen Verhandlungs- und Verwaltungsmaßnahmen, einige Zeit im Bergbau- und Gotikmuseum Leogang ausgestellt worden war, im April 2008 im Rahmen einer kleinen Feier vom Kustos des Museums einem Vertreter der ursprünglichen Besitzerfamilie übergeben.

Folgewirkung

Ob als Folgewirkung der Auffindung des Kreuzes aus Limoges oder nicht: Im Herbst 2014 retournierte eine Familie aus Thumersbach die in ihrem Privatbesitz befindliche Sammlung aus Zeichnungen und Grafiken mehrerer polnischer Künstler, die in jenen Tagen im Jahr 1945 aus dem Schloss Fischhorn verschwunden war, mit Hilfe eines österreichischen Historikers anonym an den polnischen Staat. Aber auch aus anderen Teilen der Welt konnten in den letzten Jahren bedeutende Kunstwerke aus dem NS-Raubgut nach Polen rückgeführt werden.

Weiterhin verschollen sind ein Bildnis der Fürstin Louise von Lothringen und das Bildnis einer Dame, beide von François Clouet (16. Jahrhundert), eine Mater Dolorosa von Dieric Bouts (ca. 1420 – 1475), ein Medaillon mit einem Wappen, wie das Kreuz ebenfalls aus einer Werkstatt in Limoges, (13. Jahrhundert), sowie ein Kastenreliquiar mit Szenen des Martyriums von St. Thomas von Canterbury, Limoges, (13. Jahrhundert). Diese Kunstgegenstände stammen alle aus dem Konvolut, das 1944 nach Bruck transferiert und 1945 in Teilen von dort "verschwunden" ist.

Quellen

  • sbgv1.orf.at/stories, abgefragt am 5. Oktober 2015
  • Vortrag von Alois Schwaiger, Leogang, im Schloss Fischhorn am 5. Oktober 2015
  • NS-Raubkunst. Die Suche nach verbrachten Kulturgütern. Folder der Botschaft der Republik Polen in Wien

Weblinks