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Mehrgenerationenfamilie

Der Begriff Mehrgenerationenfamilie bezeichnet das Zusammenleben von mehr als zwei in aufsteigender Linie verwandter Generationen in einem Haus oder in einer Wohnung. Sie unterscheidet sich dadurch von der Kleinfamilie und war im Salzburger Land eine Vorform der heutigen Patchwork-Familie.

Inhaltsverzeichnis

Gängige Familienbegriffe

Kleinfamilie

Die seit den 1950er-Jahren des 20. Jahrhunderts übliche Familienform ist die sogenannte Kleinfamilie. Der Prototyp besteht aus Vater und Mutter, die in der Regel miteinander verheiratet sind, und ihren gemeinsamen ehelich geborenen leiblichen Kindern, die zusammen mit ihren Eltern in einem Haus oder in einer Wohnung leben.

Patchworkfamilie

Durch die ökonomische Veränderung und die Liberalisierung der Gesetzgebung entstand eine neue und recht vielseitige Familienform: die Patchworkfamilie. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass ein Kind oder mehrere Kinder aus unterschiedlichen Beziehungen zusammen mit einem leiblichen Elternteil und dessen / deren anders- oder gleichgeschlechtlichen Lebensabschnittpartner oder -partnerin in einem Haus oder in einer Wohnung zeitweise oder dauernd zusammenleben. Die Kinder in Patchworkfamilien können daher Geschwister, Halbgeschwister oder nicht miteinander verwandt sein. Die im Haushalt lebenden Erwachsenen können ein leiblicher Elternteil von einem oder mehreren der mitlebenden Kinder sein oder mit den Kindern gar nicht verwandt sein.

Großfamilie

Unter dem Sprach-Konstrukt Großfamilie versteht man üblicherweise die Mehrgenerationenfamilie. Also ein Zusammenleben mehrerer, in aufsteigender Linie miteinander verwandter Generationen, wie Großeltern, Eltern und deren Kinder. Die Großfamilie steht für traditionelle bäuerliche Familien der Vergangenheit, die von bestimmten Interessensträgern bis in die Gegenwart als Idealform harmonischen und sittlich geordneten Zusammenlebens dem vermeintlichen moralischen Verfall des (städtischen) Restes der Gesellschaft als anzustrebendes Vorbild gegenüber gestellt wird.

Mehrgenerationenfamilie, die Realität

Das Salzburgspezifische der Mehrgenerationenfamilie liegt in der inner Gebirg bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts gepflogenen bäuerlichen Subsistenzwirtschaft, deren Wirtschaftsbasis die arbeitsintensive Viehhaltung war, für die zahlreiche Dienstboten benötigt wurden. Dazu kam das Anerbenrecht, das üblicherweise die Weitergabe des Betriebes an den ältesten Sohn zur Folge hatte. Der älteste Sohn war oft nur wenig mehr als 20 Jahre jünger als der betriebsführende und im Besitz stehende Bauer. Die Hofübergabe erfolgte daher nicht selten erst dann, wenn der Hoferbe bereits über vierzig Jahre alt und damit selbst bereits jenseits der Lebensmitte war. Späte Übergaben resultierten aus der späten Übernahme des Hofes durch den im Besitz stehenden Bauern, die bei einer frühen Übergabe an den Hoferben nur eine relativ kurze selbständige Bewirtschaftungszeit erlaubte. Sowie aus dessen Angst, nach der Übergabe im Ausgedinge zum Kostenfaktor zu werden, als solcher nur mehr geduldet zu sein und nichts mehr zu sagen zu haben. Ein diesbezügliches häufig wiederholtes Sprichwort lautet daher: „Übagebn – nimma lebn!“.

Aus solch späten Hofübergaben folgte, dass der Übernehmer mangels Eigenbesitz in der Regel selbst noch nicht verheiratet war, aber meist schon unehelich geborene leibliche Kinder (Ledige Kinder) hatte. Seine unverheirateten Geschwister lebten je nach Alter entweder noch auf dem elterlichen Hof und arbeiteten im Betrieb des Vaters seit früher Kindheit mit, oder sie waren als Dienstboten auf fremden Höfen beschäftigt. Auch unter den Geschwistern des Hofübernehmers befanden sich uneheliche Väter oder Mütter, die ihre Kinder auf Grund ihrer familiären und ökonomischen Situation nicht selbst versorgen konnten. Denn der weitaus größte Teil der bäuerlichen Dienstboten kam mangels Besitz nie in die Lage, eine Ehe zu schließen und hatte daher seinerseits uneheliche Kinder.

Mitglieder einer bäuerlichen Mehrgenerationenfamilie

Die bäuerliche Mehrgenerationenfamilie in den Gebirgsbezirken des Landes konnte daher aus drei oder vier, mitunter kurzzeitig auch aus fünf Generationen bestehen. Das sind in aufsteigender Linie Ururgroßeltern, Urgroßeltern, Großeltern, Eltern und Kinder. In jeder dieser meist kinderreichen Erwachsenengenerationen kamen auch unverheiratete Geschwister vor, die ebenfalls auf Dauer oder vorübergehend Teil der Mehrgenerationenfamilien waren. Dazu kamen deren uneheliche Kinder, sowie sog. Annehm-Kinder, die mit dem Bauern weitschichtig oder gar nicht verwandt waren. Annehmkinder, auch Ziehkinder genannt, waren Kinder, die von ihren eigenen Eltern nicht versorgt werden konnten und daher „ausgestiftet“, d. h. in anderen Familien gegen Kostgeld oder Arbeitsleistung "angestiftet", das bedeutet untergebracht wurden. Sie wurden nicht uneigennützig aufgenommen, sondern mussten sich früh ihr eigenes Brot verdienen.

Zum >Ganzen Haus<, ein Begriff, mit dem man früher die bäuerliche Familiengemeinschaft bezeichnete, zählten aber auch verwandte oder nicht verwandte Dienstboten, die am Hof mitlebten und die alters- oder krankheitsbedingt ausgedienten ehemaligen Dienstboten. Es handelt sich um sog. Einleger, die entweder ganzjährig oder vorübergehend am Hof lebten und oft mehr schlecht als recht versorgt wurden. Vorübergehend wurden auch Störhandwerker, die für den Bauern vor Ort Arbeitsleistungen erbrachten, mitversorgt und Bettler beherbergt.

Dieses Konglomerat an Menschen unterschiedlichsten Alters, unterschiedlichster Eigenheiten und Bedürfnisse, gesund, krank, körperlich oder geistig beeinträchtigt, lebten alle auf Dauer oder vorübergehend unter einem Dach und mussten miteinander auskommen. Sie teilten sich die Stube und die Schlafkammern, in denen meist mehrere Betten standen und nicht selten schliefen mehrere Kinder in einem Bett. Das Sagen in diesem autoritären System hatte der Bauer und ihm nachgereiht in bestimmten Angelegenheiten auch die Bäuerin. Außerfamiliär konnte sich das System auf die >göttliche Ordnung< - vertreten durch die Kirche und auch staatliche Behörden - stützen, die mit einem dichten Regel-Netzwerk der geistigen und seelischen Bevormundung dafür sorgte, dass alles blieb wie es war und der Bauer ohne Außenkontrolle unbesorgt schalten und walten konnte.

Resume

Die Mehrgenerationenfamilie war eine ökonomisch orientierte Gemeinschaft, die aus einem erweiterten Familiensystem bestand. Sie bot miteinander verwandten und nicht verwandten Personen in unterschiedlichem Alter einen Arbeitsplatz, ein Dach über dem Kopf, das Nötigste zum Leben und mitunter auch Geborgenheit. Sie wurde von ihrem Oberhaupt, dem im Besitz stehenden Bauern – gestützt durch die allgemein gültige sog. >göttliche Ordnung<, vertreten durch Kirche und Behörden - autoritär geführt. Der Alltag gestaltete sich häufig konfliktreich und die Geschlossenheit des Systems schaffte Abhängigkeit und bereitete den Boden für Willkür, körperliche Misshandlung und sexuellen Missbrauch.

Die Realität in den meist bäuerlichen Mehrgenerationenfamilien stand aus all diesen Gründen im Gegensatz zum Fantasie-Konstrukt >Großfamilie<, dem nicht selten nachgeweint wird, wenn es in Abgrenzung zu städtischen Milieus um das Heraufbeschwören harmonisch-heiler Lebenswelten im ländlichen Raum geht.

Literatur

  • Franz Innerhofer, Schöne Tage (1974); 2012 Neuauflage im Salzburger Residenz Verlag
  • Peter Klammer (Hrsg), Auf fremden Höfen - Anstiftkinder, Dienstboten und Einleger im Gebirge, 2. Auflage, Wien, 2007
  • Michael Mitterauer (Hrsg), Ledige Mütter erzählen - Von Liebe, Krieg, Armut und anderen Umständen, Wien, 2008
  • Norbert Ortmayr (Hrsg.), Knechte, Wien, 1985
  • Alltagsgeschichte erlebt und erzählt, Arbeits- und Lebensverhältnisse in der Provinz. Ein Projekt der Volkshochschule Salzburg. Gefördert vom Bundesministerium für Unterricht und Kunst. Eigenverlag, April 1991. Projektleiter Norbert Ortmayr, Historiker, Institut für Geschichte der Universität Salzburg. Gesprächskreisleiter Mariapfarr: Peter Klammer, Maishofen: Christina Nöbauer, Kuchl: Barbara Waß

Quellen