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Ledige Kinder

Der Pinzgau war im 19. Jahrhundert und 20. Jahrhundert viele Jahrzehnte lang europaweit eine der Regionen mit der höchsten Anzahl an ledigen Kindern. Gleichzeitig blieben hier die meisten Erwachsenen unverheiratet.

Inhaltsverzeichnis

Einführung

Der Historiker Norbert Ortmayr erklärte die Situation einmal bildlich so: wenn man sich eine Schulklasse mit 100 Kindern Ende des 19. Jahrhunderts im Burgenland vorstellt, so sind von diesen 100 Kindern die meisten ehelich geboren, werden später selbst heiraten und eheliche Kinder haben. Stellt man sich eine Schulklasse zum selben Zeitpunkt mit ebenso vielen Kindern im Pinzgau vor, so sind die meisten von ihnen ledig geboren, werden nie zum Heiraten kommen und viele von ihnen werden wieder ledige Kinder haben.

Im Tätigkeitsbericht des Landesjugendamtes Salzburg vom Jahr 1930 findet sich folgende Anmerkung: Bei den Bauerntöchtern entfallen auf 100 uneheliche Erstgeburten 47 weitere uneheliche Geburten. Dagegen entfallen bei den Dienstmägden auf 100 uneheliche Erstgeburten 91, also doppelt so viele weitere uneheliche Geburten als bei den Bauerntöchtern. Eine Eheschließung ist bei den Bauerntöchtern öfter und früher möglich wie bei den Dienstmägden.

Die Frage ist warum?

Der ökonomische Hintergrund

Eingangs eine kleine, mündlich überlieferte Geschichte: als in den 1930er-Jahren in Maishofen eine bischöfliche Visitation stattfand, beklagte sich angeblich der Bischof bei den Pfarr- und Gemeindeverantwortlichen über die schlechte Moral der Pfarrangehörigen, die sich für ihn in der hohen Anzahl lediger Kinder widerspiegelte. Als man ihm darauf mit der Frage antwortete, wer im anderen Fall die auf den Höfen anstehenden Arbeiten verrichten sollte, war die Sache schnell erledigt.

Gemeint waren die Dienstboten, die im Pinzgau meist unfreiwillig ledig waren und blieben und dennoch nicht selten Kinder bekamen. (In Maishofen gab es aufgrund mehrerer großer bäuerlicher Anwesen wie beispielsweise Stiegerbauer oder Schloss Saalhof besonders viele Dienstboten. In der Landwirtschaft von Schloss Kammer standen gleichzeitig bis zu 30 Frauen und Männer im Dienst.)

Hintergrund des Vergleiches zwischen der Situation im Burgenland und im Pinzgau sind die damaligen rechtlichen und ökonomischen Bedingungen. Im Burgenland gab es die Erbteilung und es lebten bis zu vier Familien auf einem Bauernhof, auf dem nicht Viehwirtschaft, sondern Getreideanbau, Gemüse- und/oder Weinbau betrieben wurde. Im Pinzgau galt das Anerbenrecht, d. h. in der Regel erbte der älteste Sohn und der Haupterwerb eines Pinzgauer Bauern war im Gegensatz zum Burgenland die Viehwirtschaft.

Die Auswirkungen auf die ländliche Gesellschaft im Pinzgau

Hoferhaltung und hohe Dienstbotenanzahl

Für die Viehwirtschaft benötigte man vor der Mechanisierung der Höfe, die im Pinzgau im Wesentlichen erst in den 1950er-Jahren erfolgte, eine große Anzahl von Dienstboten. Weiters hatte das Anerbenrecht durchaus seinen Sinn, da für diese Wirtschaftsform große Flächen benötigt werden um wirtschaftlich überleben zu können. Eine Erbteilung wie im Burgenland hätte die Höfe, die ohnehin oft nicht sehr groß waren, bald in den wirtschaftlichen Ruin getrieben. Diese Form des Erbrechtes bewirkte aber, dass nur eine Person - und das war in der Regel ein Sohn - den Hof erben konnte und alle Geschwister die Herkunftsfamilie verlassen mussten, ohne eine eigene Familie gründen zu können und so zu sog. „weichenden Kindern“ gemacht wurden.

Kaum Arbeitsplätze außerhalb der Landwirtschaft

Außerhalb der Landwirtschaft gab es im Pinzgauer Raum kaum Arbeitsplätze, weil die Bauernhöfe beinahe autark waren. Fast alle Gerätschaften wurden auf dem Hof erzeugt und kaputt Gegangenes wurde in der sog. „Machkammer“ repariert. Industrie war keine vorhanden. (Erst in der NS-Zeit wurden durch die kriegsvorbereitende Verbesserung der Infrastruktur und die Aufnahme der Rüstungsproduktion Arbeitsplätze auch in ländlichen Regionen geschaffen, wie im Straßenbau und im Metallbau). Es gab auch nur wenige Taglöhner, Eisenbahner und einzelne Handwerker wie Wagner, Schneider oder Schuster. Weichende Bauernkinder mussten spätestens mit Erreichung des 14. Lebensjahres – nach Beendigung der Schulpflicht - den Hof verlassen und wurden in der Regel selbst auf fremden Höfen Dienstboten. Für weichende Bauernsöhne gehörte die Ergreifung eines geistlichen Berufes (Priester oder Ordensmann) zu den wenigen außerlandwirtschaftlichen Karrierechancen, für Töchter war der Eintritt in einen Orden die einzige Möglichkeit, überhaupt zu etwas Bildung und zu einer außerlandwirtschaftlichen Berufsausübung zu kommen.

Die Situation der Dienstboten in der Landwirtschaft

Dienstboten lebten praktisch zu 100 % auf dem Hof des Dienstgebers gegen Kost und Quartier und wenig Bargeld. Es gab eine strenge Hierarchie. Sie mussten sich die Dienstbotenkammern mit anderen teilen. Der darüber hinaus ausgehandelte Lohn war je nach Funktion und Rang in der Dienstbotenhierarchie etwas kleiner oder etwas größer. Er bestand aus wenig Geld und aus Naturalien wie Schuhe oder Bekleidung. Der Lohn wurde einmal im Jahr zu Maria Lichtmess ausbezahlt. Der mündlich ausgehandelte Arbeitsvertrag galt jeweils ein Jahr. Kein Dienstbote wusste, ob er bzw. sie im nächsten Jahr bleiben kann oder Schlenkern muss. Das entschied der Bauer, der die Dienstboten, die er behalten wollte, um Lichtmess herum um`s Bleiben fragte. Für die anderen hieß es ohne Worte: gehen und einen neuen Dienstplatz suchen.

Dass unter diesen Umständen Heirat und Familiengründung praktisch unmöglich waren, leuchtet ein.

Was geschah mit den ledigen Kindern?

Wenn eine Magd schwanger wurde, musste sie um ihren Dienstplatz fürchten. Konnte sie auf ihrem Dienstplatz bleiben, musste sie damit rechnen, bis kurz vor der Geburt ihre Arbeit verrichten zu müssen, egal wie schwer diese war. Einen Mutterschutz wie heute gab es natürlich nicht. Viele hatten auch keine Sozialversicherung. Zur Entbindung wurde – wenn sie nicht wie bei der ersten Hausgeburt der frischgebackenen Hebamme Maria Jakober aus Maishofen auf dem Hof des Arbeitgebers erfolgte oder erfolgen konnte - eine Vereinbarung mit einer Verwandten oder einer anderen Frau getroffen, die vielleicht Witwe war oder die Frau eines Eisenbahners, um gegen Entgelt in deren Wohnung zu gebären und ev. auch das Kind in Pflege zu geben. In den wenigsten Fällen konnte eine Magd ihr Kind auf ihren Arbeitsplatz mitnehmen. Das Kind wurde „ausgestiftet“ und wurde zum "Ziehkind" (später Pflegekind genannt). Die Mutter musste natürlich für den Kostplatz bezahlen und konnte dies in der Regel nur mit Zuverdientem, etwa für Wäschepflege für Knechte, leisten. Alimente gab es keine und wenn ein Vater für das Kind sorgen wollte, konnte er meist ebenfalls wenig beitragen. Wenn die Kinder etwas älter wurden, wurden sie meist wieder „ausgestiftet“, d. h., sie kamen auf einen Dienstplatz bei einem Bauern und wurden dort „angestiftet“. Das konnte bereits mit sechs bis acht Lebensjahren passieren. Somit wurden die elterlichen Verhältnisse reproduziert. Manche Mägde hatten mehrere ledige Kinder, eine Empfängnisverhütung gab es ja nicht.

Verwandtschaftsverhältnisse und Familienstruktur

Es existiert praktisch keine im Pinzgau angestammte Familie, in die die geschilderten Verhältnisse nicht bis in die Gegenwart hinein wirken. In jeder dieser Familien gab es in den letzten Generationen eine höhere Anzahl lediger Kinder, ausgestifteter oder angestifteter Ziehkinder und Halbgeschwister. Häufig kannten und kennen sich Geschwister und Halbgeschwister nicht, oft sind Väter und Großväter nicht bekannt oder es gab nie eine Beziehung zu ihnen. Oft gab es über Generationen keine eigene Familie. Das Leid ganzer Generationen, die von Illegitimität, Armut und Chancenlosigkeit geprägt waren, ist zwar vergangen, hat aber bis heute tiefe Spuren hinterlassen.

Literatur

  • Kurt Bauer, Bauernleben - Vom alten Leben auf dem Land, Wien u.a., 2007
  • Georg Eberl, Ich war ein lediges Kind, Salzburg, 1952
  • Traude und Wolfgang Fath (Hrsg), Kindheit in alter Zeit, Wien u.a., 2006
  • Roswitha Gruber (Hrsg), Anna - Eine Sennerin aus dem Salzburger Land, Rosenheim, 2011
  • Siegfried Hetz (Hrsg), Georg Eberl - Die bessere Heimat, Salzburg, 1983
  • Franz Innerhofer, Schöne Tage, Salzburg, 1974
  • Franz Innerhofer, Schattseite, Salzburg, 1975
  • Franz Innerhofer, Die großen Wörter, Salzburg, 1977
  • Peter Klammer (Hrsg), Auf fremden Höfen - Anstiftkinder, Dienstboten und Einleger im Gebirge, 2. Auflage, Wien, 2007
  • Michael Mitterauer (Hrsg), Ledige Mütter erzählen - Von Liebe, Krieg, Armut und anderen Umständen, Wien, 2008
  • Norbert Ortmayr (Hrsg), Knechte, Wien, 1985
  • Barbara Passrugger, Hartes Brot - aus dem Leben einer Bergbäuerin, Wien, 1989
  • Barbara Passrugger, Steiler Hang, Wien, 1993
  • Barbara Passrugger, Die Berge - Meine Lebenswelt, Wien, 1994
  • Barbara Passrugger, Mein neues Leben, Wien, 1998
  • Rosa Scheuringer (Hrsg), Bäuerinnen erzählen - Vom Leben, Arbeiten, Kinderkriegen, Älterwerden, Wien, 2007
  • Therese Weber (Hrsg), Mägde, Wien, 1985
  • Theresia Oblasser, bi nit va dao bi va weit hea, Text "Kneaicht seii" (Knecht sein), S. 149 - 151, Gedichte aus den Hohen Tauern, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2011

Quellen

  • Tätigkeitsbericht des Landesjugendamtes Salzburg aus dem Jahr 1930
  • Norbert Ortmayr, Historiker
  • Gespräche mit bäuerlichen Familien
  • „Alltagsgeschichte erlebt und erzählt, Arbeits- und Lebensverhältnisse in der Provinz.“ Ein Projekt der Volkshochschule Salzburg. Gefördert vom Bundesministerium für Unterricht und Kunst. Eigenverlag, April 1991. Projektleiter Norbert Ortmayr, Historiker, Institut für Geschichte der Universität Salzburg. Gesprächskreisleiter Mariapfarr: Peter Klammer, Maishofen: Christina Nöbauer, Kuchl: Barbara Waß