Als die Nazis über den Dürrnberg einmarschierten

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Als die Nazis über den Dürrnberg einmarschierten, das blieb den Halleinern unvergessen.

Ös Buam!

Der Halleiner Historiker Wolfgang Wintersteller initiierte 1988 im Keltenmuseum die erste zeitgeschichtliche Ausstellung zum Anschluss – gemeinsam mit dem damaligen Direktor Kurt Zeller. Mittlerweile verstorben ist auch einer der Zeitzeugen, mit denen sich Wintersteller für die Ausstellung unterhalten hat: Christian Galsterer vom gleichnamigen Hotel und Café. Wintersteller: „Ich war damals für die Geschichte zuständig – Christian Galsterer für die Geschichten.“ Unter anderem erzählte er von „spontanem Widerstand“, der den deutschen Truppen in Hallein entgegenschlug. Ein Kaltenhausener Arbeiter sprang z. B. vor dem Kommandeur der einmarschierenden Gebirgsjäger, Eduard Dietl, auf die Straße, spuckte aus und schrie: „Ös Buam! Im Kriag sama Seite an Seite gstandn, und hiatzt kemts so daher!

2013: Vor 75 Jahren stimmte Österreich für den Anschluss an Hitlerdeutschland

Am 12. März 1938 marschierten die deutschen Truppen in Hallein ein, wo sich „spontaner Widerstand“ bildete. Karin Portenkirchner von den „Tennengauer Nachrichten“ sprach mit dem Halleiner Historiker Wolfgang Wintersteller für die Ausgabe 7. März 2013.

Wolfgang Wintersteller war einer der Ersten, der sich in Hallein für eine aktive Erinnerungskultur starkmachte. Er initiierte 1988 die Ausstellung „Anschluss in Hallein und Umgebung“ – die erste zeitgeschichtliche Ausstellung dieser Art. „Da war ein gewisses Misstrauen spürbar“, erinnert sich Wintersteller, „ich hatte ein subjektives Gefühl, dass das nicht besonders begrüßt wird.“ Auch damals ging der Aufruf an die Bevölkerung, Dokumente zur Verfügung zu stellen. Der Rücklauf sei „ganz minimal“ gewesen – „bei der Grill-Werke-Ausstellung 2012 kam viel mehr“, beschreibt der pensionierte Geschichtsprofessor.

In seiner Anfangszeit als Lehrer, Anfang der 1970er-Jahre, gab es in Österreich über die Zeit des Nationalsozialismus praktisch keine Unterrichtsmaterialien, erinnert sich der Halleiner: „Das hat sich erst mit der Waldheim-Affäre 1986 geändert.“ Die größte Herausforderung sei es stets gewesen, den Schülern die Thematik näherzubringen. Denn zum Nationalsozialismus hatten diese denselben Bezug „wie zum Zug Hannibals über die Alpen“.

Wintersteller: „Mir war es immer ganz wichtig, die Situation in der Zwischenkriegszeit zu schildern. Der Anschlussgedanke quer durch alle Parteien, dass es keine demokratische Tradition gab, keiner hat den Standpunkt des anderen akzeptiert. In der Erziehung der Kinder wurden Sekundärtugenden betont, wie Sauberkeit und Pünktlichkeit, statt Solidarität und Toleranz. Dazu kamen die große Not und Arbeitslosigkeit.

Vor allem im Grenzraum sei die Situation erdrückend gewesen: „Die Halleiner haben gesehen: Über der Grenze, nur einen Steinwurf entfernt, gibt es riesige Arbeitsstätten. Da ist es kein Wunder, dass die Leute dem Nationalsozialismus zuneigten“, so der Historiker. Den Hintergrund und die Konsequenzen habe man zu wenig bedacht. „Aber mir war immer wichtig, dass klar ist: Das waren nicht lauter Blödiane, die total verblendet einer Ideologie nachgelaufen sind – da ging es um Existenznot“, betont Wintersteller. Gleichzeitig gab es in Hallein viele Menschen mit anderer politischer Überzeugung: Durch die Industriebetriebe gab es viele Sozialisten und Kommunisten. „Die hatten eine gewisse ideologische Sturheit“, schmunzelt Wintersteller, „und waren dadurch auch weitsichtiger. Für Agnes Primocic (Anm.: Halleiner Ehrenbürgerin) als überzeugte Kommunistin war klar: ,Mit Hitler kommt der Krieg‘, das war einer ihrer Stehsätze.“ Am Beispiel Agnes Primocics zeigt sich auch die Unerbittlichkeit des austrofaschistischen Ständestaates: Sie wurde zwischen 1934 und 1938 vier Mal eingesperrt, u. a. wegen verbotener Bücher. Primocic hätte also allen Grund gehabt, ein neues politisches Regime zu begrüßen.

Dass das Halleiner Pflaster ein ruppiges ist, musste Adolf Hitler freilich bereits 1920 feststellen: Der beliebte sozialistische Bürgermeister der Stadt Hallein Anton Neumayr und seine Parteigenossen verjagten Adolf Hitler aus dem Scheichersaal im Gasthof Scheicher, wo dieser eine Wahlveranstaltung abhalten wollte. Wintersteller: „Um diese Begebenheit ranken sich einige Legenden: Manche sagen, er sei über die Dächer nach Bayern geflohen, andere erzählen, er sei Richtung Adneter Riedl geflüchtet, wo er sich in einer Höhle versteckt haben soll.

Bei der Volksabstimmung zum Anschluss an Hitlerdeutschland gab es in Hallein 5 268 „Ja“- und 19 „Nein“-Stimmen, „das entspricht dem Durchschnitt für eine Stadt dieser Größe“, so Wintersteller. Eine Kompanie deutscher Gebirgsjäger marschierte schließlich am 12. März 1938 gegen 13 Uhr über die Dürrnbergstraße nach Hallein ein, angeführt von Eduard Dietl, einem überzeugten Nationalsozialisten und späteren „Kriegshelden“ im Skandinavien-Feldzug. Die Beleidigung des Kaltenhausener Arbeiters (siehe Einleitung), ließ den Reiter übrigens völlig unbeeindruckt. Der Zeitzeuge Christian Galsterer erinnerte sich: „Die deutschen Soldaten waren sehr ernst, die haben die entgegengebrachte Begeisterung nicht erwidert; heute sehe ich das völlig anders; die sind von Teisendorf 52 Kilometer nach Hallein marschiert, die waren vollkommen fertig.“ Nach dem Anschluss wurden bald die ersten politischen Gegner verhaftet. Wintersteller: „In Hallein gab es eine auffällige Arisierung, das jüdische Warenhaus Fritz Kral, gleich in der Woche nach dem Anschluss.“ Kral verzichtete auf seinen Besitz und kam so mit dem Leben davon. Interimistischer Bürgermeister war zuerst Alexander Gruber, danach bis zum Ende des Krieges Franz Moldan.

Die Nazis setzten nach dem Anschluss auf Gleichschaltung. Daher war es wichtig, die Halleiner Schulschwestern zu denunzieren, denn diese hatten großen Anteil am damaligen Schulwesen. Allein in Hallein lag der gesamte Unterricht der Mädchen (Volks-, Haupt-, Haushalts-, Gewerbeschule) in ihrer Hand. Wintersteller: „Man hat die Nonnen als,Himme-Henna‘ verspottet (Anm.: Himmel-Hühner).“ Bereits am 15. März 1938 wurde die 60-jährige Oberin des Elisabethinums in Hallein, Sr. Ferdinanda Holler, von SA-Männern abgeführt und zwei Stunden verhört. Währenddessen sammelten sich Schulkinder vor dem Gemeindehaus und verlangten die Freilassung der beliebten Oberin. Die Schulschwestern wurden schrittweise aus dem Schulwesen entfernt und schließlich am 2. Mai 1940 enteignet.

Zum Gedenken an die Opfer des Nazi-Terrors werden 2013 am 20. April in Hallein die ersten „Stolpersteine“ verlegt.

Quelle