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Jetzt ist die Zeit für Mut, nicht für Wut

Jetzt ist die Zeit für Mut, nicht für Wut ist der Titel des Leitartikels der Salzburger Nachrichten in ihrer Wochenendausgabe vom 21. März 2020.

Standpunkt Manfred Perterer

In der Rubrik Standpunkt schreibt der Chefredakteur der Salzburger Nachrichten Manfred Perterer zur Infektionskrankheit Covid-19 (Corona-Virus)_


Vieles rund um die Coronakrise macht uns rasend. Aber das hilft uns jetzt nicht weiter. Wir brauchen Kraft und Zuversicht.

Zur Angst vor dem Virus und seinen gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen gesellt sich in diesen Tagen auch Ärger, ja Wut auf alle möglichen Zeitgenossen. Auf die Verantwortlichen in manchen Skigebieten, denen ein paar Tage länger Umsatz wichtiger war als die Gesundheit Tausender und Abertausender Menschen. Auf die politisch Verantwortlichen, die dem bunten Treiben unter Schirmbars zugesehen haben und vor Seilbahnkaisern in die Knie gegangen sind. Auf Unbelehrbare, die uns weiterhin am Milchregal bedrängen und uns an der Supermarktkassa in das Genick husten. Auf die Verharmloser, die uns im Netz mit Videos obskurer Experten belästigen, wonach eh alles halb so schlimm sei. Auf die Weltverschwörer, die verbreiten, dass irgendein Geheimdienst das Virus in Umlauf gebracht habe. Auf die Schlägertypen, die nach ein paar Tagen zu Hause bereits ihre Frauen grün und blau prügeln. Auf Menschen, die sich die Füße nicht vor der Wohnung vertreten, sondern mit dem Auto ins Grüne fahren und dort in Massen als Corona-Wanderer auftreten. Auf Hypochonder, die lebensrettende Hotlines mit Fragen zu ihrem Tennisarm lahmlegen. Auf Geschäftemacher, die jetzt für eine Atemschutzmaske 100 und mehr Euro verlangen. Und, und, und ...

Aber lassen wir das. Dringend ist, dass die Fehler sofort korrigiert wurden und werden. Wichtig bleibt, dass das nicht ohne Folgen bleibt. Die Zeit für die Untersuchung von skandalösem Fehlverhalten wird kommen und die Abrechnung wird gemacht werden. Jetzt müssen wir erst einmal den Krieg gegen das Virus gewinnen. Das erfordert unsere ganze Kraft. Jetzt ist nicht die Zeit für Wut, sondern für Mut und Zuversicht.

Frauen haben davon ganz viel. Sie stemmen einen ganz großen Teil des Gesundheitssystems, der Pflege, des Lebensmittelhandels, der Kinderbetreuung. Dieses Land wäre jetzt aufgeschmissen ohne seine mutigen und kompetenten Frauen. Es ist lächerlich, wenn ausgerechnet jetzt ein paar graue Männer meinen, auch die Frauen müssten zum Bundesheer eingezogen werden. Allein im Lebensmittelhandel managen derzeit mehr als 100 000 Frauen die Versorgung der gesamten Bevölkerung mit Lebensmitteln. In der Öffentlichkeit bemitleidet werden hingegen 2 000 männliche Präsenzdiener, die jetzt zwei Monate länger dienen müssen.

Mut machen jene vielen Frauen, die sich spontan für die 24-Stunden-Pflege gemeldet haben. Sie baden die Versäumnisse auf diesem Gebiet aus. Jahrelang haben wir uns nicht um die Pflegerinnen aus dem Osten gekümmert. Jetzt, da sie nicht mehr kommen dürfen, bricht das fragile System zusammen. Das ist auch ein Auftrag für die Zeit nach Corona.

Mut machen die vielen hilfsbereiten, lernwilligen und rücksichtsvollen jungen Menschen. Sie strahlen jene Angstfreiheit aus, die viele von uns jetzt gern hätten. Und sie räumen radikal mit dem Vorurteil auf, die Jugend habe nur Blödsinn im Kopf, sei faul, egoistisch und den Älteren gegenüber feindlich gesinnt.

Mut macht die große Solidarität, die sich in unserer Bevölkerung zeigt. Und zwar über alle ethnischen und religiösen Grenzen hinweg. Alle Glaubensgemeinschaften kennen den Begriff der Nächstenliebe. Sie äußert sich auch in Hilfsbereitschaft. Und das Schöne daran ist: Sie erfolgt bedingungslos.

Mut macht die Natur, die gerade voll erwacht. Es wird wärmer, heute leider nicht. Vögel sind wieder lauter als Autos. Magnolien und Schneeglöckchen blühen. Die Knospen der Forsythien brechen auf. Weit und breit pralles Leben, wie wir es früher gar nicht mehr richtig wahrgenommen haben.

Mut macht auch, dass wir uns wieder viel stärker auf das Wesentliche konzentrieren. Das Immer und Überall der vergangenen Zeit weicht dem Hier und Jetzt.

Mut macht, dass heimische Firmen jetzt selbst Schutzmasken anfertigen und uns damit aus den Fesseln eines segmentierten Weltmarkts befreien, der sich spätestens jetzt für lebenswichtige Schlüsselprodukte wie Medikamente als Irrweg erwiesen hat.

Mut machen auch die Zahlen aus Südkorea und Singapur, die zeigen, dass alles auch ein Ende finden wird. Auch dass die ersten Erkrankten bei uns vollkommen gesund geworden sind. Das sind gute Nachrichten, die wir jetzt brauchen wie einen Bissen Brot. Bleiben Sie gesund!

Quelle

  • Salzburger Nachrichten, Ausgabe vom 21. März 2020, mit Genehmigung von Manfred Perterer im Salzburgwiki veröffentlicht
Übersicht über die Beiträge zum Thema Infektionskrankheit Covid-19