Gerstenfeld

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Familie Gerstenfeld flüchtete im Ersten Weltkrieg nach Salzburg. 20 Jahre später wanderte sie auf der Flucht vor den Nazis erneut aus.

„Wir waren eben die armen Gerstenfeld“

Mitte 1917 erreichten 14 000, darunter 2 000 jüdische, Flüchtlinge aus dem Osten der Monarchie das Kronland Salzburg. Vom Krieg aus Ostgalizien oder der Bukowina vertrieben, strandeten sie meist nach wochenlanger Zugfahrt an der Salzach. Sie seien „vierzehn Tage in Eisenbahnwaggons mit ihrer armseligen, zumeist in Säcken verpackten Habe“ unterwegs gewesen. Beim Aussteigen habe „alles von Schmutz gestrotzt und sich ein bestialischer Gestank verbreitet“, schildert ein Gendarm die Ankunft eines Flüchtlingstransports. „Der größte Teil war im Lager Niederalm untergebracht“, schreibt der Salzburger Historiker Thomas Weidenholzer. Dort herrschte Hunger, die Menschen froren und die Sterblichkeit war hoch.

Die Flüchtlinge erfuhren in der Salzburger Fremde aber nicht nur Mitleid, sondern auch Ablehnung. Bald wurden sie zum politischen Thema. Ihre Anwesenheit sorgte für Neid und schürte Vorurteile. So rätselte der Verleger des Salzburger Volksblattes, Hans Glaser, im Frühsommer 1917, warum man rund 20 000 Menschen nach Salzburg schleppte, „um sie hier zu füttern“. Ein wenig später mutmaßte dieselbe Zeitung, dass sich „die Geschäfte besser gestalten, denn im Osten der Monarchie“. Und schon bald war die Flüchtlingsdebatte mit antisemitischen Zwischentönen angereichert.

Auch die jüdische Familie Gerstenfeld dürfte durch die Kriegswirren im Lager Niederalm gelandet sein. Das Ehepaar Amalia und Arthur flüchtete im Ersten Weltkrieg aus einem kleinen Schtetl in Galizien vor der herannahenden Front Richtung Westen. Auf der Suche nach einem Zufluchtsort wurde Salzburg zu seiner neuen zwischenzeitlichen Heimat. 1920 kam hier die gemeinsame Tochter Bertha zur Welt. Vater Arthur hatte ein kleines Schuhmachergeschäft in Salzburg-Lehen. Er starb allerdings bereits in den 1920er-Jahren an den Folgen einer Krankheit, die er sich als Soldat im Krieg zugezogen hatte. Amalia Gerstenfeld musste von da an allein die sechs Kinder versorgen. Der zweitälteste Sohn Leiser trat in die Fußstapfen des Vaters. Er legte die Schuhmacherprüfung ab und übernahm das Geschäft in der Ignaz-Harrer-Straße. Sein Bruder Aron arbeitete im Kaufhaus Schwarz.

Bertha Gerstenfeld erinnerte sich später in einem Interview an die Salzburger Zeit zurück. „Die Mutter habe ich selten gesehen lachen, immer gesehen sitzen, nähen. Sie ist immer gesessen und hat gearbeitet und hat sitzend geschlafen. Sie hat nur gearbeitet und hat nur gelebt für die Kinder.“ Die Mutter habe sich auch selten helfen lassen. „Sie hat die Probleme alleine gelöst. Wir waren eben die armen Gerstenfeld.

Ihre Mutter habe sich aber auch sehr einsam gefühlt. Generell habe die Familie wenig Kontakt zu anderen jüdischen Familien gehabt, weil die meisten von ihnen bürgerlich und wohlhabend waren „und sie als arme Familie nicht dazu gepasst haben“, sagt die Salzburger Historikerin Helga Embacher. Sie führte mit Tochter Bertha in den 1990er-Jahren das Interview.

Die Gerstenfeld waren aber auch religiöser als andere Salzburger Juden und hatten außer am Sabbath keine persönlichen Kontakte zur jüdischen Gemeinschaft. Die Familie hat nicht bei anderen Familien gegessen. Das hätte die Mutter nicht erlaubt. Zu Hause wurde koscher gekocht und Jiddisch gesprochen. Sogar die Nudeln für die Hühnersuppe hat Amalia Gerstenfeld selbst hergestellt. „Meine Mutter und mein Vater waren orthodox, sehr, sehr fromm.

Trotzdem hatte Bertha Gerstenfeld eine christliche Schulfreundin, bei der sie auch eingeladen war und die zu ihr nach Hause kam. Trotz der Isolation der Mutter genoss sie zunächst eine unbeschwerte Kindheit. „Ich hab’ mich als Kind wohlgefühlt in Salzburg.“ Erst kurz vor der Flucht der Familie 1938 habe sie den aufkeimenden Antisemitismus im deutschnational geprägten Salzburg in der Schule am eigenen Leib miterlebt. „Da haben wir eine Lehrerin gehabt, die gesagt hat, dass wir nicht beim Kaufhaus Schwarz kaufen sollen.“ Zu diesem Zeitpunkt „hat man gefühlt, dass sie von einem wegwollen, dass sie einen nicht kennen“. Als das Leben für Juden in Salzburg immer beschwerlicher wurde, zog die Familie Anfang 1938 nach Wien. Von dort gelang Bertha und ihren Schwestern die Flucht nach England. Die Mutter kam als Letzte nach. 1949 fanden sie alle ein neues Leben in Israel. Einzig Berthas Bruder Baruch wurde von den Nationalsozialisten ermordet.

Heute sind die Spuren der Familie Gerstenfeld in Salzburg verwischt. Amalias Tochter Bertha lebt nach wie vor in Israel. Bis jetzt habe sie eine innere Verbundenheit mit Salzburg, sagt sie. Noch heute kann sie alle Strophen der Salzburger Landeshymne auswendig singen. Trotz der Angst, die sie durchstehen musste, hat sie viele schöne Erinnerungen an die Stadt ihrer Kindheit und Jugend. „Ich denke viel zurück an die Schule, an die Jugend.“ Die Salzburger Woche hat versucht, sie zu kontaktieren, um mit ihr zu sprechen, konnte sie aber leider nicht erreichen.

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