Maria Jakober

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Maria Jakober

Maria Jakober (*16. Juli 1917; † 4. Jänner 2016) aus Maishofen im Pinzgau war gelernte Hebamme. Ihr Leben und ihr Berufsleben stehen exemplarisch für die gesellschaftlichen Entwicklungen des vergangenen 20. Jahrhunderts.

Herkunftsfamilie

Maria Jakober, geborene Mitterlindner, war das erste von sechs Kindern. Ihre Familie lebte in ärmlichen Verhältnissen. Der Vater stammte aus einer Bauernfamilie mit 17 Kindern. Als weichender Bauernsohn musste er sich mangels anderer Möglichkeiten als Knecht verdingen und arbeitete als Melker in der Landwirtschaft von Schloss Saalhof.

Schulbesuch und erste außerhäusliche Arbeitspflichten

Maria besuchte von 1923 bis 1931 die Volksschule in Maishofen. Noch während des Pflichtschulbesuches half sie im Alter von neun Jahren wegen einer schweren Erkrankung der Pfarrersköchin monatelang im Pfarrhof aus. Das trug ihr die Bezeichnung Pfarrermälz ein. (Mälz ist ein Pinzgauer Mundartbegriff und bedeutet Mädchen). Im Gegensatz zu heute, wo man geneigt wäre, diese Bezeichnung misszuverstehen, beinhaltete dieser Spitzname damals keine Doppeldeutigkeit.

Im darauf folgenden Jahr begann sie ab Maria Lichtmess – noch keine zehn Jahre alt – beim Stiegerbauern in Maishofen als „Teilzeit-Dienstbotin“ zu arbeiten. Nun redete man von ihr als Stieger-Mälz. Ihre Aufgaben waren u. a. Stiegen kehren, womit sie oft schon vor Beginn des Schulunterrichtes beschäftigt war. Sie musste auch Kindsen (die Kinder der Bauernfamilie hüten) und für die große Personenanzahl in dieser bäuerlichen Mehrgenerationenfamilie samt Dienstboten das Geschirr abwaschen. Bei allen Pflichten, die sie schon im Alter von nicht einmal zehn Jahren hatte, war sie gegenüber anderen armen Kindern insofern privilegiert, als sie damals wegen der räumlichen Nähe noch zu Hause schlafen durfte, von der Bauernfamilie gut behandelt wurde und, von wenigen Ausnahmen abgesehen, täglich die Schule besuchen konnte.

Solche Ausnahmen fielen in die Zeit der Heu- und Getreideernte, während der Maria schon hin und wieder von der Schule zu Hause bleiben und die Rösser führen musste. Wenn man sich die Mächtigkeit eines Pinzgauer Noriker-Pferdegespannes vor Augen führt und weiß, wie Pferde stundenlang im Geschirr eingespannt in der Hitze fliegen- und bremsengeplagt springat werdn (scheuen) können, kann sich vorstellen, was diese Aufgabe für das schmächtige Mädchen bedeutet hat. Sie habe oft darum gebeten, anstatt die Rösser führen zu müssen Heu treten zu dürfen, bemerkte Maria Jakober im Gespräch mit der Autorin. Diese für ein Kind ebenfalls schwere Arbeit wäre ihr wesentlich leichter gefallen.

Erste Berufstätigkeit

Nach Ende der Schulpflicht im Alter von knapp 14 Jahren wurde Maria beim Stiegerbauern Magd und begann als sog. Pirscherin zu arbeiten. Ihre Aufgaben waren u.a. Geschirrabwaschen, das Auskehren der Wohnräume, das Aufräumen der Kuchl und wiederum das Kindsen. Nun lebte sie auch Tag und Nacht auf dem Hof, hatte aber eine Schlafkammer für sich allein zur Verfügung.

Nach ca. zwei Jahren stieg sie in den Rang der Garberin auf, eine Tätigkeitsbezeichnung, die sich aus der Aufgabe, die Heugarben mit einer dreizinkigen eisernen Heugabel anzuteilen, ableitet. Beim Dreschen waren von ihr ebenfalls die Garben aufzubinden und zuzureichen. Darüber hinaus musste eine Garberin die Mäher mit Wasser und mit dem Mittagessen versorgen, die Männerkammern aufräumen, Brot backen u.a. mehr. Während der sommerlichen Almwirtschaft fand das Brotbacken wöchentlich für noch mehr Leute als sonst statt. Der Rossknecht lieferte das Brot für die Almleute anschließend auf die Alm und nahm am Retourweg die Almbutter mit auf den Hof.

Einige Jahre später arbeitete sie beim Ellmaubauern im Maishofener Ortsteil Kirchham und nachfolgend noch einmal ein Jahr beim Stiegerbauern. Zwischendurch absolvierte sie am Hefterhof in Fusch an der Großglocknerstraße die Prüfung für die ländliche Hauswirtschaft.

Familiengründung

1940 heiratete Maria, zog mit ihrem Mann, der ebenfalls ein einfacher Arbeiter war, zusammen in eine eigene Wohnung und bekam im Juli des Jahres ihr erstes Kind, eine Tochter. Nachfolgend half sie etwa ein Jahr in einer Gastwirtschaft am Pass Thurn bei Mittersill im Oberpinzgau aus. Sie überlegte damals schon einige Zeit, wie sie der am eigenen Leib erfahrenen Armut und der rundherum spürbaren Not auf Dauer entkommen und damit in Zukunft vermeiden könnte, dass sie ihre Kinder „ausstiften“, d. h. in fremde Hände geben muss. Zuerst hatte sie die Idee, Krankenschwester zu werden. Später entschied sie sich zum Beruf der Hebamme. Um in die Ausbildung hinein zu kommen, benötigte sie die Unterstützung eines örtlichen NS-Funktionärs, der zufällig bei der Maishofener Dampfsäge gleichzeitig Arbeitgeber ihres Mannes war, und bekam diese auch. Dazu ist anzumerken, dass Kandidatinnen für die Aufnahme in einen Hebammenlehrgang in der NS-Zeit eine positive politische Beurteilung vorzuweisen hatten. Sie benötigten daher neben dem amtsärztlichen Zeugnis ein politisches Führungszeugnis und Unbedenklichkeitszeugnisse der NSDAP-Dienststellen. Da sie für den Beginn des nächsten Lehrganges aber schon zu spät dran war, arbeitete sie noch ein Jahr als Tagwerkerin (Taglöhnerin), u.a. beim Goribauer, ebenfalls in Maishofen.

Berufsausbildung im zweiten Bildungsweg

1942 wurde sie in den Hebammenlehrgang am Landeskrankenhaus Salzburg aufgenommen. Die Ausbildung bezahlte größtenteils der Staat. Den darüber hinaus nötigen Kostenbeitrag hatte sich Frau Jakober durch ihre vorhergehende Arbeit zusammen gespart.

Eine Ironie des Schicksals war, dass sie ihr Kind nun erst recht nicht selbst betreuen konnte, da sie während des Lehrganges kaserniert war und auch wegen der anfallenden Fahrtkosten nur gelegentlich nach Maishofen fahren konnte, wo ihre Tochter daher von der Großmutter betreut wurde.

Die meisten Schülerinnen des Lehrganges waren Volksschulabsolventinnen, andere hatten einen Hauptschulabschluss und einige wenige waren Maturantinnen. Diese stammten aus Wien und hielten die praktischen Anforderungen der Ausbildung nicht durch. Damals war Dr. Lundval Primar und er hielt die meisten Vorträge. Die Oberhebamme hat sodann den Schülerinnen den Inhalt ausgedeutscht, das heißt verständlicher gemacht.

Gerne erinnerte sich Frau Jakober in diesem Zusammenhang an Frau Dr. Johanna Kral, die damals als junge Turnusärztin am St. Johannsspital tätig war. Wenn sie selbst und die anderen Lehrgangsteilnehmerinnen wieder einmal klein verzagt waren, weil ihnen der Lehrstoff über den Kopf zu wachsen drohte, machte Johanna Kral in ihrer geraden und reschen Art die jungen Frauen darauf aufmerksam, dass dieses Verhalten zu nichts führe, und war sich nicht wie andere Ärzte und Ärztinnen zu schade, den Hebammenschülerinnen dabei zu helfen, die Materie besser zu verstehen.

Nach dem erfolgreichen Abschluss des zweijährigen Lehrganges kehrte Frau Jakober 1944 als Hebamme nach Maishofen zurück, wo sie die Stelle einer Sprengelhebamme für Maishofen und Viehhofen antreten sollte und mit ihrer Familie die Wohnung der früheren Hebamme bekam.

Arbeit als freiberufliche Hebamme

Im März 1944 hatte sie erst die Abschlussprüfung absolviert und schon im April des Jahres stand ihr ihre erste Hausgeburt bevor. Noch ohne Niederlassungsbewilligung und ohne ausreichendes Arbeitsgerät wurde sie eines Tages mittels der sog. Hebammenglocke – eine Hausglocke vor dem Hauseingang der Hebammendienstwohnung – von einem Maishofener Bauern heraus geläutet. Er wollte sie zur Entbindung einer seiner Mägde abholen. Da die Magd nicht versichert war, war ihr eine Geburt im Krankenhaus nicht möglich. Frau Jakober teilte ihm mit, dass sie noch keine Niederlassungsbewilligung habe und daher noch nicht als Hebamme arbeiten dürfe.

Da sie der Bauer aber weiter bedrängte, informierte sie ihn, dass nur Dr. Josef Zillner, damals Amtsarzt und Leiter des staatlichen Gesundheitsamtes in Zell am See, die Möglichkeit habe, ihr die ausnahmsweise Erlaubnis zum Praktizieren zu erteilen. Der Bauer fuhr umgehend mit seinem Ross nach Zell am See, kam einige Zeit später retour und sagte: „Magst scho geh, da Zillner hat`s dalabt!“

Bei der Wöchnerin angekommen, musste die Hebamme feststellen, dass die anwesende Bäuerin vermutlich aus gutem Grund grantig und unwirsch war, und dass es weder eine Schüssel zum Händewaschen, noch Leintücher, noch eine entsprechende Lichtquelle, noch den nötigen Platz zum Arbeiten gab. Ihre Hände hat sie sich dann in einem Holzsechta beim Brunntrog gewaschen und die bitterarme Magd in ihrer misslichen Lage von einem ledigen Kind, zu dem es keinen offiziellen Kindesvater gab, bei Petroleumlicht erfolgreich entbunden.

Frau Jakober bekam kurz darauf die staatliche Niederlassungsbewilligung, erhielt die nötige Grundausstattung über eine örtliche NS-Funktionärin und die Hebammentasche von ihrer Vorgängerin, da die von ihr in München bestellte im Bombenhagel verschollen war. 1945 wurde sie selbst von ihrem zweiten Kind, einem Sohn entbunden.

Berufstätigkeit im Wandel der Zeit

Am Beginn ihrer Berufstätigkeit waren es ausschließlich Hausgeburten, mit denen sich Frau Jakober ihr Geld verdiente. Sie kam dabei – wohlgemerkt zu Fuß oder mit dem Fahrrad, mit dem Bus oder mit dem Milchauto (zur Milchlieferung eingesetzter Lastwagen der Molkerei), dessen Chauffeur ein ehemaliger Schulkamerad von ihr war – von Maishofen über Viehhofen bis nach Saalbach hinein. Ab den 1950er-Jahren nahmen die Geburten im Krankenhaus zu und Frau Jakober bemühte sich um eine Arbeitsgenehmigung im Krankenhaus in Zell am See, die sie etwas später auch bekam. Ab diesem Zeitpunkt arbeitete sie auch im Krankenhaus, wobei anzumerken ist, dass die damals dort tätigen Hebammen keine Anstellung erhielten, sondern ihr Honorar als freiberufliche Hebammen selbständig mit der Sozialversicherung abrechneten.

In den Nachkriegsjahren und auch noch lange Zeit später gab es eine hohe Geburtenrate. Frau Jakober lebte immer auf Abruf, hatte ständig nicht nur alle Hände voll zu tun, sondern litt häufig auch unter erheblichem Schlafmangel, sodass sich ihre Kinder zeitweise Sorgen um sie machten.

Es stellte sich nun auch immer klarer heraus, dass das Weiterarbeiten ohne eigenen Pkw nicht mehr zu bewältigen war. Also musste Frau Jakober 1958 im Alter von 40 Jahren den Führerschein machen. Sie machte ihn über die BH (Bezirkshauptmannschaft), das heißt, dass sie keine Fahrschule besuchte, sondern das Fahren von Bekannten erlernte.

Ausgerechnet zum Prüfungstermin hatten auch zwei der von ihr betreuten Wöchnerinnen ihren Geburtstermin. Beide lagen bereits im Kreißsaal. Irgendwie ging sich alles trotzdem noch aus. Frau Jakober lief vom Krankenhaus, das sich damals noch im Stadtzentrum von Zell am See befand, zur theoretischen Prüfung in den nahegelegenen Metzgerwirt Zell am See hinüber, legte diese erfolgreich ab und kam anschließend gerade noch rechtzeitig zurück, um die erste der beiden Wöchnerinnen zu entbinden. Nachfolgend legte sie die praktische Fahrprüfung ab. Dabei sei der Fahrlehrer etwas gnädig gewesen und habe sie durchkommen lassen, obwohl sie beim Rückwärtseinparken gepatzt habe. Anschließend entband sie die zweite Wöchnerin. Von da an chauffierte sie ihr eigenes Auto, und das war vom Anfang bis zuletzt immer ein VW-Käfer.

Später verlagerte sich das Schwergewicht ihrer Arbeit langsam von Hausgeburten auf Geburten im Krankenhaus. Ihre letzte Hausgeburt machte sie Anfang der 1970er-Jahre. Um die Hausgeburten war ihr wirklich leid. Diese waren zwar ab und zu schwierig, aber nach getaner Arbeit für alle Beteiligten ein sehr glücklicher und emotionaler Moment.

Als wirklich schlimm erlebte sie hingegen jene Augenblicke ihrer Berufstätigkeit, wenn Frauen zur Entbindung kamen, keine kindlichen Herztöne mehr hörbar waren und eine Totgeburt bevorstand.

Frau Jakober arbeitete neben den Entbindungen auch in mehreren Mütterberatungsstellen von Pepp - pro Eltern Pinzgau+Pongau wie in Maishofen, in Rauris, in Saalbach, in Taxenbach, in Bruck an der Großglocknerstraße und in Piesendorf und absolvierte im Auftrag der Jugendwohlfahrt im Rahmen der Prophylaxe Hausbesuche bei Eltern mit neugeborenen Kindern.

Das Berufsleben geht dem Ende zu

Mit ihrem 60. Geburtstag beendete sie 1977 pensionsbedingt ihre Entbindungstätigkeit als Hebamme und hat bis dahin in 33 Jahren alles in allem über 7 000 – in Worten sieben Tausend – Kindern in das Licht der Welt verholfen. Die Arbeit in den Mutterberatungsstellen führte sie noch bis zum 80. Lebensjahr fort und so lange lenkte sie auch ihr eigenes Auto.

Kurios war, dass sie kurz nach ihrer Pensionierung wegen Personalmangel im Zeller Krankenhaus noch einmal zu einer Geburt ins Krankenhaus gerufen wurde und anschließend noch etwa drei Wochen aushalf. Wie die erste Entbindung im ihrem Berufsleben war auch die letzte in gewisser Weise irregulär.

Resümee

Frau Jakober war bis in ihre letzten Lebensjahre geistig rege und sie konnte auf ein langes und ereignisreiches Leben zurückblicken. Sie lebte im Haus ihrer Tochter in Maishofen und erreichte ein Alter von 98 Jahren. Entgegen aller Wahrscheinlichkeit konnte sie als aus ärmlichen, ländlichen Verhältnissen stammende Frau ihrer Generation, im zweiten Bildungsweg einen anspruchsvollen Beruf erlernen und diesen ein ganzes Berufsleben lang ausüben. Sie hat in ihrem Leben auch eine eigene Familie gegründet, eigene Kinder geboren und freute sich über Enkel und Urenkel.

Sie hat mehrere politische Regime erlebt und war Zeitzeugin wesentlicher gesellschaftlicher Veränderungsprozesse, die sich nicht zuletzt in ihrem Berufsbereich manifestierten. Vom Erb- und Rassenwahn der NS-Zeit mit der für Hebammen behördlich verordneten Meldepflicht von missgebildet geborenen Kindern, über die Hausgeburten bei Petroleumlicht unter unzureichenden hygienischen Bedingungen, die Nachkriegszeit mit ihren hohen Geburtenraten, bis in die letzten Jahrzehnte ihres Berufslebens, die vom dramatischen Absinken der Geburtenzahlen und der kontrollierten Reproduktionsmedizin mit all den bekannten Begleiterscheinungen gekennzeichnet war. Ob Letzteres wirklich ein Fortschritt ist, davon war Frau Jakober in ihren letzten Lebensjahren nicht überzeugt.

Quellen

  • Eigenartikel von Benutzer:Wald1siedel
  • Langjährige Zusammenarbeit der Autorin mit Frau Jakober
  • Ausführliches Gespräch mit Frau Jakober und ihrer Tochter, Frau Pabinger
  • Goldberger, Josef: NS-Gesundheitspolitik in Oberdonau, Hrsg. Landesarchiv Linz 2008