Stiftsarmstollen des Almkanals

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Im Stiftsarmstollen
Einlauf des Almkanals in den Stiftsarmstollen in Riedenburg
Ein Seitenstollen
Eine Engstelle
1799
Ammonit auf der Rückseite einer Grabplatte vom Friedhof St. Peter
Tafel beim Stiftsarmstollen, Inschrift: Stiftsarmstollen errichtet 1137-1143

Der Stiftsarmstollen des Almkanals ist der älteste mittelalterliche Wasserstollen Mitteleuropas. Er wurde zwischen 1136 und 1143 ausgebrochen und diente zur Wasserversorgung des Benediktiner-Erzstifts St. Peter.

Geschichte

Der hochmittelalterliche Almkanalstollen führt von der Riedenburg südlich des Mönchsberges in der Stadt Salzburg durch seinen Fels nach Norden in die Altstadt, wo er im Bereich der Benediktiner-Erzabtei St. Peter wieder zum Vorschein kommt.

Wenn man von der Altstadtseite in den Stollen bis lfm 249,5 m geht, kommt man zu einem Querschlag mit einem weiteren Stollensystem. Es besteht aus dem Brunnstollen und dem Quellstollen. Zwar ist dieses Stollensystem bereits in einer Chronik im Jahr 1719 dokumentiert, wurde aber erst in den 2010er-Jahren wieder entdeckt. Und zwar im Zuge einer Projektstudie im Jahr 2013 für eine Erweiterung der Mönchsberggaragen. Dabei ging man auch der Frage nach dem Alter dieses Stollensystems nach.

Mögliche Wasserversorgung von Ivavum?

Dr. Vetters vermutete damals, dass es sich um ein römisches Bauwerk handeln könnte. Anhaltspunkte dazu gaben ihm der Querschnitt und ein mit aus Flyschsandstein-Platten abgedeckter Mittelkanal. Beides erinnerten ihn an römische Quellfassungen. Stefan Karwiese, der jahrelang die archäologischen Grabungen auf dem Stiftsgelände leitete, äußerte bei einem Expertentreffen am 8. Mai 2014, das in der Erzabtei stattfand, dieselbe Vermutung. Er hatte nämlich römische Wohnbauten auf dem Stiftsgelände entdeckt, doch fehlte ihm noch eine notwendige Wasserversorgung dazu.

Die beiden Wissenschafter erstellten daraufhin eine theoretische Chronologie dieses wahrscheinlich römischen Aquädukts. Dazu diente auch ein Dokument des Domkapitels aus dem Jahr 1151, sowie Aufzeichnungen der Erzabtei über Baumaßnahmen, die zwischen 1712 und 1719 durchgeführt worden waren. Weil die Stollenanlagen im Laufe der Jahrhunderte mehrmals bearbeitet worden waren, fand man keine Hinweise auf Arbeitstechniken oder Spuren von Werkzeugen.

Die Wissenschafter versuchten an Hand der geologischen und hydrogeologischen Voraussetzungen die Baugeschichte des wohl ursprünglichen Stiftsarmstollens zu rekonstruieren.

Juvavum und seine Wasserversorgung

Bisher nahm man an, dass die Wasserversorgung des römischen Juvavum nur mittels Brunnen und Zisternen erfolgte. Allerdings hatte man immer schon Bedenken, ob dies ausreichend gewesen sein könnte, da die Römer hohe hygienische Ansprüche stellten und viel Wasser für ihre öffentlichen Brunnen, Thermen und Latrinen benötigt hatten. Wohl hatte es auch Grundwasser im Bereich um die Siedlung gegeben, dies aber durch ausgedehnten Sümpfe und Moore im heutigen Gebiet der Altstadt sicher nicht sauber genug gewesen war. Auch führten Abfall- und Senkgruben zu Verunreinigungen und ebenso Hochwässer.

Man weiß auch, dass die Römer keinen Aufwand scheuten, um frisches Wasser in ihre Städte und Siedlungen zu leiten. Sie beherrschten also Bautechniken und waren der Vermessung kundig.

Geologischer Aufbau des Mönchsberges

Geologisch besteht der Mönchsberg im Süden im Bereich der Sinnhubstraße im oberen Teil aus Konglomerat. Darunter befinden sich Ablagerungen einer Grundmoräne (auf 430 m ü. A.) sowie Gosauschichten (auf 420 m ü. A.) vermischt mit Konglomerat, Sandstein und Tonschiefer.

Auch nördlich des Mönchsberges auf der Altstadtseite findet man einen ähnlichen Aufbau. Allerdings liegt mit 416 m ü. A. die Grundmoräne deutlich tiefer (rund sieben Meter unter dem heutigen Altstadtstraßeniveau, das sich auf einer durchschnittlichen Höhe von 423 m ü. A. befindet). In diesem nördlichen Bereich erzeugten Bergstürze die heute so typisch-schroffen Felswände sowie auch Steinbrüche für den Konglomerat, den man als Baumaterial verwendete.

Hydrogeologische Notizen

Auf der Seite der Erzabtei findet man die das Bergwasser stauende Grundmoräne in einer Höhe von etwa 416 m ü. A.. Zur Römerzeit lag das Gebiet auf etwa 420 m ü. A. Das Bergwasser kam also etwas unterhalb der Siedlung in Brunnen zutage, wie ein Brunnen aus dem 2. Jahrhundert nach Christus belegt. Allerdings trat Bergwasser sehr unregelmäßig aus dem Fels.

Ganz anders stellt sich die Situation an der Südseite des Mönchsberges dar. Dort befindet sich eine bereits um 800 genannte Quelle, noch heute vorhandene, die sogenannte "Weingartenquelle", auf einer Quellhöhe von etwa 433 m ü. A., die den Riedenburgbach (der erst später so genannt wurde) speiste. Dieser Bach floss aber nicht ostwärts in Richtung Salzach, sondern nach Westen nach Mülln. Diese Quelle dürfte der Wasserversorgung des Weingartenschlössls seit dem 13. Jahrhundert gedient (heute Villa Berta). Umgeben war diese Quelle von Mooren, deren Seetonschicht nur etwa zwei bis fünf Meter tief liegt.

Während beim Bau des Sigmundstores keine Wasserprobleme bekannt sind, kam es 1924 beim Bau des Kollegs St. Benedikt im Hof Kolleg nahe der Mönchsbergwand zu einem starken Wassereinbruch. Hier lag also der Grundwasserspiegel mit 420 m ü. A. nur knapp unter der Höhe des Hofes (424 m ü. A.). Beim Bau der Mönchsberggaragen stieß man auf Grundwasser auf einer Höhe bei 417 m ü. A. Diese Beispiele zeigen, dass die Grundwasserhöhe im Mönchsberg nicht gleichmäßig ist und wohl für die Wasserversorgung zur Römerzeit nicht ausreichend sicher war.

Ein hypothetischer römischer Aquäduktstollen

Die Voraussetzungen dafür, dass es bereits ein römisches Aquädukt als Vorläufer des heutigen Stiftsarmes gegeben haben könnte, wären gut. Die geologischen Voraussetzung wären günstig, ein Höhenunterschied zwischen der Quelle in der Riedenburg zur römischen Siedlung wäre mit rund neun Metern ebenfalls gegeben. Der heute nicht mehr vorhandene Riedenburgbach dürfte sein Wasser aus Terrassenschotter aus einer Tiefe von zwei bis fünf Metern erhalten haben, also klares Wasser. Er hätte also Lieferant für römisches Trink- und Nutzwasser sein können. Eine spekulative Wasserführung von etwa 36 m³/h wären denkbar. Diese Annahme stützt sich auf bekanntes Wissen, dass um 800 Mühlen vom Riedenburgbach angetrieben worden waren.

Der Bau selbst sollte für die Römer keine Probleme dargestellt haben. Der Stollen wurde beidseitig angeschlagen. Nach jeweils etwa 100 Metern war der Durchschlag erfolgt. Diese Anlage blieb bis Ende des 7. Jahrhunderts in Betrieb. Also etwa bis zur Ankunft von Rupert von Worms in Salzburg. Er wählte dann zur (Neu)Gründung des Klosters einen sicheren Platz, der gegen Hochwasser geschützt und mit einer sicheren Trinkwasserversorgung ausgestattet war.

Um 800 n. Chr. liegen Berichte vor, dass der Riedenburgbach um den Rainberg umgeleitet worden war, um die Mühlenbetriebe in Mülln aufrecht erhalten zu können. Die Gründe, weshalb man trotz der Bedeutung einer sicheren Trinkwasserversorgung für das damalige Salzburg diesen Bach umleiten musste, finden sich in einer Hangrutschung. Diese hatte den südlichen Teil des römischen Stollens weitreichend eingeschüttet und unbrauchbar gemacht. So staute der Bach und versumpfte die wichtigen Weideplätze der St. Peter Wiesen. Die Umleitung schuf Abhilfe.

Doch es dürfte noch Restmengen an Wasser gegeben haben, das durch den Stollen stiftsseitig durchsickerte. Man nimmt an, dass es etwa ein Drittel der Originalmenge war und etwa 10 m³/h betrug.

Die ältesten Wasserleitungen im St.-Peter-Bezirk

Im südlichen Kreuzgangarm der Klosteranlage fand man 1983 einen gemauerten Tiefbrunnenschacht aus der Römerzeit. Münzfunde aus der Zeit von Kaiser Antonius, der von 139 bis 161 n. Chr. regierte, lassen eine Datierung zu. Man konnte auch feststellen, dass der Grundwasserspiegel so weit abgesunken war, dass eine weitere Nutzung dieses Brunnens nicht mehr möglich war.

Im 18. Jahrhundert wurde dann bei der sogenannten Brunnenstube im Stollenboden ein gedeckter Wasserkanal entdeckt. 1986 legte man dann Teile davon unter der Heilig-Geist-Kapelle frei. Weitere Funde und Untersuchungen ergaben, dass es sich bei diesem Kanal nur um römerzeitliche Reste handeln könne. Keramikfunde im Schlamm des Kanals bezeugen seine Verwendung bis Ende des 3. Jahrhunderts n. Chr. Man konnte die Verbindung zu der auf dem Stiftsgelände gefundenen römischen Siedlung herstellen.

Ein weiterer Kanal konnte im Stiftshof östlich des Petersbrunnen gefunden werden. Fast Parallel zu diesem verläuft ein wesentlich jüngerer Almkanalast.

Bei Ausgrabungen im Jahr 2001 stellte sich heraus, dass das Brunnenhaus vor dem westlichen Kreuzgang aus dem 12. Jahrhundert ein wasserloser Bau ohne Brunnenfunktion war. Aber man konnte auch einen starken Kanal aus früherer Periode beim Brunnenhaus ausgraben.

Der heute noch aktive Stiftsarmstollen kommt bei der Stiftsmühle auf 428 m ü. A. aus dem Mönchsberg. Von dort verläuft der Almkanal unter dem Osttrakt des Klosters. Bei Grabungen hatte man festgestellt, dass er vor dem großen Umbau im Jahr 1657 fünf Meter weiter westlich. Und ein weiterer Kanal wurde im 17. Jahrhundert zum damals errichteten Petersbrunnen angelegt.

Die Baugeschichte des Stiftsarmes

Im Laufe der Zeit versiegte auch die Restwassermenge aus dem römischen Aquädukt, das Mundloch in St. Peter wurde durch Verbruch verschüttet. Der zunehmende Wasserbedarf im 9. bis 11. Jahrhundert führte zu einer Reaktivierung des römischen Stollens. Ein Neubau wurde vor dem Verbruch im Stollen ins Freie gebrochen. Er wurde zwischen 200 und 250 m vorgetrieben, dann aber mangels Bewetterung und mangelndem Wasserzutritt im 10. oder 11. Jahrhundert wieder aufgegeben.

Wie einem Sanierungsprotokoll aus dem Jahr 1719 zu entnehmen ist, stellte man damals Forschungen nach älteren Stollensystemen an. Dabei wurden weitere Brunnstuben in einer Tiefe zwischen neun und zehn Metern entdeckt. Es könnten Spuren von Sanierungsversuchen des römischen Stollens gewesen sein.

Eine neue Wasserleitung wurde dann nach dem großen Stadtbrand von 1127 und einem katastrophalen Bergsturz im Jahr 1130 unbedingt notwendig. Der Bergsturz dürfte durch übermäßigen Abbau von Baumaterial zur Behebung der Brandschäden ausgelöst worden sein. Dies lässt sich beispielsweise im sogenannten "Ankerhaus" Waagplatz 1 feststellen. Dort wurde über einem Brandhorizont auf Dachsteinkalk Mauerwerk mit Konglomerat saniert. Der Bergsturz ist heute noch im Bereich des Petersfriedhofes erkennbar.

Dieser Bergsturz war der Auslöser zur Errichtung des Almkanals. 1136 wurde dann an der Grenze des harten Hauptdomolit des Festungsberges zum weichen Gosausandstein ein neuer Stollen in Richtung Riedenburg angefahren. Es war auch die Grenze des Erzstifts St. Peter zum Domkapitel.

Es wurden zunächst nur sechs Meter aus dem Sandstein gebohrt. Da der Versuch erfolgreich verlief, reisten die Betreiber im Jänner 1137 nach Admont, wo sich Erzbischof Konrad I. von Abenberg im Benediktinerstift aufhielt. Er unterzeichnete am 27. Februar 1137 den Bauvertrag.

In einer Urkunde aus dem 1151, in der der Bauvertrag vermerkt ist, gibt es noch weitere Informationen über den Bau des Stiftsarmstollens. Der Vortrieb von St. Peter nach Süden verlief vier Jahre recht zügig. Pro Tag kam man etwa 20 bis 25 Zentimeter weiter. Aber ab lfm 180 von St. Peter aus wurde der Sauerstoffgehalt ("Matte Wetter") der Luft immer geringer. Bewetterungsmöglichkeiten (Frischluftzufuhr) schien es nicht gegeben zu haben. Daher wurde der Vortrieb bei "mattem Wetter" geringer. Erst bei lfm 249,5 konnte mit einem Wetterschacht, der schräg, etwa 70° nach oben, in Richtung Bürgermeisterloch das Wetterungsproblem verbessert werden.

Dann ging der Vortrieb bis lfm 320-340 gut voran. Dort wurde er durch einen schweren Verbruch vorerst wieder gestoppt. Es kam zu einer Auseinandersetzung der Betreiber und schließlich wurde der Bauleiter des Projekts, Meister Albert entlassen. Dieser Meister Albert wird als Fachmann des zeitgleich errichteten Konradinischen Domes gesehen.

Nun versuchte das Domkapitel, nachdem es mit St. Peter zerstritten war, durch einen Querschlag nach Westen auf den frühmittelalterlichen Stollen zu treffen, dessen Lage zumindest mündlich überliefert noch bekannt war. Damit wäre die Weingartenquelle leichter erreichbar geworden. Der Belüftungsstollen ermöglichte zunächst einen weiteren Vortrieb, der zu einer markanten Richtungsänderung führte. Es könnte auch ein Umgehungsversuch des Verbruchs gewesen sein. Ein zweiter Versuch, die Weingartenquelle zu treffen, scheiterte aber an der Grundmoräne, die sich als schwieriges Gestein herausstelle. Enttäuscht, dass der alte Stollen fast keine Quellzutritte bot und auch Sickerwasser des Riedenburgbaches durch den älteren Verbruch keine nennenswerte Schüttung brachte, kehrte man zum "Neuen Stollen" wieder zurück.

Man führte unabhängig von älteren Versuche einen weiteren markanten Richtungswechsel durch, um auf dem kürzesten Weg die Weingartenquelle zu erreichen und stellte Meister Albert wieder ein. Dieser sanierte den schweren Verbruch durch einen Umgehungsstollen und der "Alte Stollen" (der Brunnstollen) wurde nicht mehr weiter verfolgt. Erst als 1712/1719 ein Verbruch im Almkanal die Wasserversorgung unterbrach, kam der alte Stollen wieder in Erinnerung. Erzabt Wolfgang Walcher ließ den Stiftsarmstollen sanieren, Vermessungen und eine Planaufnahme durchführen. Einen weiteren Sanierungsversuch gab es 1790.

Was bei den Forschungen der eingangs genannten beiden Wissenschaftern auffiel war die Tatsache, das der im 12. Jahrhundert errichtete St.-Peter-Arm theoretisch zwei Mal den Verlauf des Römerstollens hätte queren müssen. Er wurde jedoch nie angefahren, was nur durch einen deutlichen Höhenunterschied erklärbar ist.

Zusammenfassung der Wissenschafter

Für das Vorhandenseins eines durchgehenden römischen Aquäduktstollen fehlen archivarische und archäologische Beweise. Nur der 2013 entdeckte Querstollen mit einem Kanal mit Steinplattendeckung kann als Relikt eines solchen Kanals gesehen werden.

Die Gegebenheiten der Geologie und Hydrogeografie sprechen für einen solchen Aquädukt, der mit dem Riedenburgbach von der Weingartenquelle Juvavum mit Wasser versorgt hätte. Es fehlen aber Belege für den Bau des Brunnstollens, der vom Quellstollen abzweigt.

Es gibt also zwar keinen direkten Nachweis einer römischen Wasserleitung zur Versorgung von Juvavum. Aber die Dimensionen der gefundenen Abwasserkanäle deuten auf große Mengen von Wasser hin. Ob das verschlammte und sumpfige Wasser am Mönchbergfuß dazu ausgereicht hatten, erscheint den Wissenschaftern zweifelhaft.

Die geowissenschaftliche oben ausgeführte These zeigt, dass aus dieser Sicht eine römische Wasserleitung durch den Mönchsber nicht nur möglich sondern sogar wahrscheinlich wäre.

Bilder

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Quelle

  • G. Wiplinger & W. Letzner (eds): Wasserwesen zur Zeit des Frontinus, ein Beitrag von Wolfgang Vetters (mit einem Beitrag von Stefan Karwiese): Das Almstollensystem im Mönchsberg von Salzburg, ISBN 978-90-429-3561-7