Hans Prodinger

Aus Salzburgwiki
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Hans Prodinger (* 14. November 1887 Villach (Kärnten); † 5. September 1938 KZ Dachau (Bayern)) war ein Salzburger deutschnationaler Politiker der Zwischenkriegszeit.

Leben und Wirken

Nach dem Ersten Weltkrieg stieg Prodinger, ein hervorragender Redner und Organisator, rasch zum führenden Politiker des Salzburger und zeitweise auch des österreichischen Nationalsozialismus auf; er wurde ein Gegner Adolf Hitlers und starb 1938 im Konzentrationslager.

Kaiserzeit

Hans Prodinger, Sohn eines Schneidermeisters[1] besuchte die Volks-, Bürger- und Handelsschule und machte 1901 bis 1904 eine kaufmännische Lehre bei der Fa. Gehmacher in Salzburg.

Er arbeitete als Handelsangestellter von 1904 bis 1906 in Salzburg und von 1906 bis 1913 in der Schweiz (Zürich), Deutschland, Innsbruck und Klagenfurt. Insbesondere war er Auslagendekorateur[2].

Sehr früh betätigte er sich in der deutschnationalen Arbeiterbewegung. Als im Jahr 1904 der „Gau Salzburg“ des Deutschen Handels- und Industrieangestelltenverbandes (DHV) gegründet wurde, war der junge Hans Prodinger einer der Mitbegründer.

Ab 1913 war er, nach Salzburg zurückgekehrt, Angestellter des DHV.

1914 bis 1918 leistete er Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg.

Politische Laufbahn

Funktionen

Aus dem Krieg zurückgekehrt, betrat Hans Prodinger die politische Laufbahn. Zur Zeit der Ersten Republik war das „dritte“ politische Lager, das deutschnationale, in drei Parteien gespalten, von denen die Großdeutschen das Bürgertum, der Landbund die Bauernschaft, die Nationalsozialisten (siehe den Artikel „DNSAP“) die Arbeiterschaft vertraten. Prodinger war lange Zeit ein führender nationalsozialistischer Politiker, schloss sich aber 1930 den Großdeutschen und 1934 der Vaterländischen Front an.

  • 1918 war er kurzzeitig Vorsitzenden des Salzburger Soldatenrates;
  • Im DHV war er von 1919 bis 1928 Kreisvorsteher von Salzburg, ab 1928 Verbandsvorsteher für Österreich, 1933 Leiter der Salzburger Geschäftsstelle des Deutschen Handels- und Industrieangestelltenverbandes;
  • Von 1919 bis März 1920 war er Mitglied des Salzburger Gemeinderates;
  • Dem Salzburger Landtag gehörte er vom April 1919 bis zum Mai 1927 an;
  • 1921 bis 1928 war er Salzburger Arbeiterkammerrat;
  • großdeutscher Abgeordneter zum Nationalrat war er vom November 1928 bis zur Aufhebung der demokratischen Verfassung im Jahr 1934;
  • 1934 bis 1938 war er Obmann der Gewerkschaft der Handelsangestellten.

Wirken

Schon 1913 betätigte sich Hans Prodinger für die Deutsche Arbeiterpartei (später: Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei, insbesondere in der Parteizeitung „Der Volksruf“. Die Redaktion dieses Blattes leitete er auch ab 1920.

Der größte Wahlerfolg, den die Salzburger Nationalsozialisten bei allgemeinen Wahlen unter Prodingers Führung errangen, war der Stimmenanteil von 7 % bei den Nationalratswahlen von 1919. Bei den darauf folgenden Landtagswahlen kamen sie nur mehr auf 3,3 %. So sahen sie sich auf Koalitionen angewiesen, teils mit den bürgerlichen deutschnationalen Parteien, teils sogar mit den Christlichsozialen. Eine stärkere Position hatte die DNSAP im Salzburger Gemeinderat, in den sie 1919 mit 14 % der Stimmen gewählt wurde und in dem sie sich bis 1931 halten konnte.

Im neugegründeten (Deutsch-)Österreich bestand quer durch alle Parteien Einigkeit, dass ein Anschluss an das Deutsche Reich anzustreben sei, auch wenn die Friedensverträge genau diesen verboten. So setzte der Salzburger Landtag im November 1920 einen Anschlussausschuss ein, zu dessen Obmann Hans Prodinger bestimmt wurde. Der Salzburger Landtag beschloss einstimmig die Abhaltung einer Volksabstimmung für den 24. April 1921. Die Abstimmungsformel sollte lauten: „Ich bin dafür, daß dem Völkerbund der Antrag vorgelegt wird: ‘Der Anschluß Österreichs an Deutschland soll ehestens vollzogen werden!’“ Nach langem Hin und Her zwischen Bundes- und Landesregierung, Bundes- und Landesparteileitungen fand die Abstimmung am 29. Mai 1921 statt, jedoch ihres amtlichen Charakters entkleidet, indem sie nicht vom Land, sondern nur von den im Landtag vertretenen Parteien durchgeführt wurde. Diese bildeten hiezu einen Sonderausschuss mit sieben Mitgliedern (zwei Sozialdemokraten, zwei Christlichsoziale, drei Deutschnationale), darunter Hans Prodinger. Die Abstimmung ergab 75 % der Stimmen für den Anschluss. Da eine Erreichung dieses Zieles politisch nicht möglich war, hatte es damit sein Bewenden.

Bei den Salzburger Arbeiterkammerwahlen von 1921 errang Prodingers Liste in der Angestelltenkurie nicht weniger als 62 % der Stimmen. Prodinger war von 1921 bis 1927 Arbeiterkammerrat.

Anfang Jänner 1922 wählte der DNSAP-Landesparteitag Hans Prodinger zum Landesparteiobmann.

Prodingers politische Position war dadurch geschwächt, dass er sich als Gewerkschafter insbesondere bei den großdeutschen Unternehmern durch seinen harten Verhandlungsstil äußerst unbeliebt gemacht hatte und somit mit der ideologisch nahestehenden bürgerlichen Gruppierung keine Gesprächsbasis mehr bestand.[3] Für die Landtagswahlen am 9. April 1922 schloss sich die DNSAP mit der Christlichsozialen Partei und dem Freiheitlichen Salzburger Bauernbund zur „Christlich-nationalen Wahlgemeinschaft“ zusammen. Als Architekt dieses Bündnisses gilt Prodinger, der einerseits beim Unternehmerflügel der Großdeutschen, des anderen möglichen Bündnispartners, sehr unbeliebt war, andererseits als Mitglied der Heim(at)wehr gute Kontakte zu den Christlichsozialen hatte. Aufgrund der getroffenen Vereinbarungen und des Wahlergebnisses musste die DNSAP allerdings auf zwei der drei von ihr erzielten Landtagsmandate verzichten. Die DNSAP wurde dafür entschädigt, dass ein Nationalsozialist mit Hilfe der Christlichsozialen in die Landesregierung gewählt wurde; Dies war aber nicht der – von den Sozialdemokraten und Großdeutschen heftig abgelehnte – DNSAP-Obmann Prodinger, sondern Otto Troyer, Prodinger war fortan der einzige DNSAP-Landtagsabgeordnete; die Parteibasis quittierte diesen zweifelhaften Erfolg im Herbst desselben Jahres mit der Abwahl Prodingers als Parteiobmann.

Im Laufe des Jahres 1920 hatte Hitler, der in München lebte, immer mehr die Führung der dortigen NSDAP an sich gerissen. Bald hatte er infolge seiner außerordentlichen Rednergabe und seines charismatischen Auftretens auch bei den österreichischen Nationalsozialisten großen Einfluss. Die österreichischen Nationalsozialisten betrachteten die deutsche Schwesterpartei grundsätzlich mit Sympathie, auch Hans Prodinger machte zunächst keine Ausnahme. Er trat in Deutschland als Redner für die NSDAP auf, nahm an deren Reichsparteitagen und Großkundgebungen, sie dem „Marsch auf Coburg“ von 1922 teil. Als Hitlers Putschversuch 1923 scheiterte, bereitete Prodinger etlichen geflohenen Putschisten in Salzburg eine Zuflucht. Am 12. Mai 1924 besuchte er Hitler im Gefängnis, worüber er im „Deutschen Volksruf“ einen begeisterten Bericht veröffentlichte.

Hitlers Strategie, Wahlen zu boykottieren (und stattdessen gewaltsam die Macht zu ergreifen), lehnte Prodinger freilich entschieden ab.

Nach Hitlers Haftentlassung und politischem Neubeginn kam es auf der „Passauer Tagung“ vom 12. August 1926 zum Bruch der österreichischen DNSAP-Führung mit Hitler und in der Folge zur Spaltung der österreichischen Nationalsozialisten in die „Hitler-Bewegung“ und die „Schulz-Bewegung“, der sich Prodinger anschloss.

1928 verlagerte Prodinger seinen Tätigkeitsschwerpunkt nach Wien, wo er als Verbandsvorsteher des DHV für Österreich, der rund 9000 Mitglieder vertrat wirkte.

Für die Nationalratswahlen von 1930 bildete sich der „Schoberblock“, der den parteilosen Bundeskanzler Schober unterstützte und aus länderweise unterschiedlichen Wahlallianzen. In Salzburg kandidierte eine Liste „Nationale Wirtschaftsblock und Landbund“, auf der nach dem nominellen Spitzenkandidaten Hans Prodinger als eigentlicher Salzburger Spitzenkandidat stand. Gesamtösterreichisch erzielte der Schoberblock bescheidene 19 Mandate, die Salzburger Liste konnte mit knapp 13 % zufrieden sein. Prodinger zog wieder in den Nationalrat ein. Er trat zur Großdeutschen Volkspartei über und wurde 1931 auch in deren Führungsgremien gewählt.

Das Jahr 1933 sah im Deutschen Reich die Machtergreifung Hitlers, in Österreich den Staatsstreich der Regierung Dollfuß. Die Großdeutsche Volkspartei, deren Wähler und Mitglieder zunehmend zur NSDAP überliefen, fand sich genötigt, ein „Kampfbündnis“ mit der NSDAP (Hitlerbewegung) gegen das autoritäre Dollfuß-Regime einzugehen, in dem sich die Großdeutsche Volkspartei allerdings völlig der NSDAP unterordnete. Prodinger trug diesen Kurs mit und sprach sich auch öffentlich für Hitler aus.

Im weiteren Verlauf des Jahres 1933 stand Prodinger als Vorstand des österreichischen DHV zwischen den Fronten. Im Deutschen Reich wurde der DHV von einem Nationalsozialisten übernommen. Aber erst nachdem die Bundesregierung am 19. Juni 1933 über die NSDAP ein Betätigungsverbot verhängt hatte, löste Prodinger die Zugehörigkeit zum deutschen Mutterverband. Dies trug ihm Kritik aus den eigenen Reihen ein, vermochte aber seine Stellung als Vorstand nicht zu erschüttern.

Nach dem Übergang zur Ständestaatsdiktatur der Jahre 1934 bis 1838 integrierte sich Prodinger überraschend in das neue System und dessen Einheitspartei, die Vaterländische Front. 1934 wurde der DHV aufgelöst, seine Mitglieder in die neu gegründete Gewerkschaft der Handelsangestellten übernommen, deren Obmann Prodinger bis 1938 war. 1936 bis 1938 war er auch Obmann der Angestelltenversicherungsanstalt.

Seinen mit diesen Positionen verbundenen Einfluss nützte er auch, um hilfsbedürftige Gewerkschaftsfunktionäre, darunter jüdische, zu unterstützen.

Verhängnis

Seine in den Jahren 1934 bis 1938 bewiesene Haltung wurde Prodinger nach der nationalsozialistischen Machtergreifung und dem Anschluss von 1938 zum Verhängnis. Gleich am 12. März 1938 wurde er verhaftet, jedoch bald wieder freigelassen. Am 25. Mai 1938 wurde er von der Gestapo verhaftet, am 17. Juni 1938 als „Schutzhäftling“ in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert.

Nach zwei Monaten starb Hans Prodinger im Konzentrationslager an „akutem Herztod“.

Die Urne mit seinen sterblichen Überresten wurde 1952 auf dem Salzburger Kommunalfriedhof beigesetzt.

Privates

Hans Prodinger war verheiratet mit Elvira Rott-Prodinger, Obfrau des „Verbandes deutscher weiblicher Angestellter“.

Siehe auch den Artikel „Friederike Prodinger“.

Werke

  • Verständigung oder Klassenkampf?. Wien 1932.
  • Gegen Verhetzung – für Beruhigung und wirtschaftlichen Aufbau. Wien 1933.
  • Eine Aktion im Interesse Österreichs und ihre Wirkung. Wien 1933.

Gedenken

Im Jahr 1960 wurde die Schlachthofgasse in der Salzburger Elisabeth-Vorstadt, in der Hans Prodinger einige Zeit gewohnt hatte, in „Hans-Prodinger-Straße“ umbenannt.

Er ist einer der zwölf österreichischen Parlamentarier, die als Opfer des Nationalsozialismus ihr Leben lassen mussten und an die eine Gedenktafel im Parlamentsgebäude (rechts vom Haupteingang) erinnert.[4]

Literatur

  • Michael Stickler, Die Abgeordneten zum österreichischen Nationalrat 1918-1975 und die Mitglieder des österreichischen Bundesrates 1920-1975. Herausgegeben von der Parlamentsdirektion, 1975.
  • Martin, Franz: Salzburger Straßennamen. Verzeichnis der Straßen, Gassen, Plätze, Wege, Brücken, Tore und Parks mit Erklärung ihrer Namen. 5., wesentlich überarbeitete Auflage von Leitner-Martin, Willa und Martin, Andreas. Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde, 25. Ergänzungsband, Selbstverlag der Gesellschaft, Salzburg 2006
  • Rudolf Vierhaus (Hrsg.), Deutsche biographische Enzyklopädie 8 (S. 89), 2. Aufl. Walter de Gruyter 2007. ISBN 359825038X, ISBN 9783598250385
  • Isabella Ackerl, Die Großdeutschen und der Anschluß. In: Wien 1938 (= Forschungen und Beiträge zur Wiener Stadtgeschichte 2), 1978, S. 162.
  • Ernst Hanisch,
    • Hans Prodinger, 1887 bis 1938. In: Neue Deutsche Biographie, Band 20, Berlin 2001, S. 737 f,
    • Prodinger Hans. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815-1950, Band 8, Wien 1983, S. 299.
    • Zur Frühgeschichte des Nationalsozialismus in Salzburg (1913-1925), in: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde 117 (1977), Salzburg 1978, S. 371-410, insb. 376 f, 382 f, 388 f.
  • Richard Voithofer,
    • Politische Eliten in Salzburg. Ein biografisches Handbuch. 1918 bis zur Gegenwart. Verlag Böhlau. Wien 2007. Schriftenreihe des Forschungsinstitutes für politisch-historische Studien der der Dr.-Wilfried-Haslauer-Bibliothek, Band 32. ISBN 978-3-205-77680-2 S. 170 f.
    • Hans Prodinger (1887-1938). Nationalsozialist zwischen Ständestaat und Konzentrationslager, in: Franz Schausberger (Hg.), Geschichte und Identität. Festschrift für Robert Kriechbaumer zum 60.  Geburtstag (= Schriftenreihe des Forschungsinstitutes für politisch-historische Studien der Dr.-Wilfried-Haslauer-Bibliothek Salzburg, Band 35), Wien-Köln-Weimar 2008. S. 149-159;
    • »Drum schließt Euch frisch an Deutschland an ...« Die Geschichte der Großdeutschen Volkspartei in Salzburg 1920-1936, Wien 2000 (= Schriftenreihe des Forschungsinstitutes für politisch-historische Studien der Dr.-Wilfried-Haslauer-Bibliothek, Band 9;

Quellen, Einzelnachweise

  • Voithofer und Hanisch in MGSLK, wie oben zitiert, und namentlich