Vergletscherungstheorie

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In der Zeit 1560-1600 lagen die Stollen auch im Bereich der Firnfelder. In einem Firnfeld einen Stolleneingang freizuhalten war für einen in Betrieb stehenden Stollen kein Problem. Die "Pürscher" mussten immer wieder einmal Schnee schaufeln. Prof. Eduard Richter wollte eher die Bezeichnung "Schneefelder" und zweifelte an der Korrektheit des Wortes "Firnfelder".
Ausschnitt aus der Gletscherkarte des Sonnblickvereins vom August 1909, hier als wissenschaftliches Bildzitat, durch den Verfasser Fritz Gruber bearbeitet, Ausführung Michaela Schwab.
Die Stollen des Rauriser Goldberges, alle um 1560-1600 außerhalb der durch den Goldberggletscher theoretisch verursachten Gefahrenzone gelegen, stehen heutigentags schon längst außer Betrieb.
Schneekrägen verbanden in den meisten Fällen die Stolleneingänge mit den Berghäusern der Knappen. Am Rauriser Goldberg verband ein 230 m langer Schneekragen das Mundloch des Stollens St. Bartholomä mit der riesig dimensionierten Poch- und Aufbereitungsanlage der Rauriser Gewerken Premauer.

Die Vergletscherungstheorie ist ein Kapitel im Buch Gold unter Gletschereis? von Fritz Gruber.

Die Vergletscherungstheorie, Bergrat Franz Pošepnys Irrtum, 1880

Franz Pošepny war einer der angesehensten Geologen des 19. Jahrhunderts. Er besuchte 1875 den Goldberggletscher am Goldberg in Rauris und sah vom Knappenhaus (2 345 m Seehöhe) aus den unter seinem Standort sich relativ flach von Süd nach Nord erstreckenden Gletscher.

Er kannte die Rauriser Bergbaugeschichte und wusste vom dramatischen Niedergang des Gold- und Silberbergbaues in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Er vermutete nun, dass der Gletscher unter seinem Aussichtspunkt in der kritischen Zeit (1560 bis 1600) zumindest ebenso mächtig war, nämlich bis zu (vermuteten) 100 m dick, und legte das Vordringen der Gletscher ganz allgemein als Ursache für den Niedergang des hochalpinen Bergbaues fest. Durch seinen diesbezüglichen Artikel in der renommierten und im deutschen Sprachraum weit verbreiteten Zeitschrift „Archiv für practische Geologie“ (Wien 1880) erfuhr seine „Vergletscherungstheorie“ große Bekanntheit und wurde in den folgenden Jahrzehnten immer wieder zumindest mit der Kernaussage abgeschrieben – bis in die allerjüngste Zeit.

Eine gründliche Untersuchung des überlieferten archivalischen Schriftmaterials zeigte nun, dass sich Pošepny total irrte. In der kritischen Zeit (1560 bis 1600) gab es unter dem Rauriser Knappenhaus überhaupt keinen Gletscher. Dieser hatte mit dem „Grupperten Kees“ bereits viel weiter oben seinen tiefsten Punkt erreicht, sodass im breiten, zu dieser Zeit aperen Gletscherfließtal bergmännische Anlagen etabliert und in Betrieb gehalten wurden, so zum Beispiel das größte Pochwerk in den Hohen Tauern. Es war durch einen leicht ansteigenden „Schneekragen“ (gedeckten Laufgang) mit dem Erbstollen[1] „St. Bartholomä“ verbunden.

Gegen die Vergletscherungstheorie spricht weiters

  1. Rund 80 % der damaligen Salzburger Edelmetallproduktion kamen vom Gasteiner Radhausberg. Dessen Stolleneingänge waren – aus dem Originalschrifttum nachweisbar – nie vergletschert.
  2. Für die fragliche Zeit wurde naturwissenschaftlich-glaziologisch bislang kein Gletschervorstoß nachgewiesen. Auch in der „Kleinen Eiszeit“ gab es Wärmephasen, z. B. 24 schneelose Winter (1516 bis 1540).
  3. Im geomorphologischen Bodenprofil der infrage stehenden Örtlichkeit wurde bis jetzt kein verfallener Stollen und auch kein Edelmetallvorkommen festgestellt.
  4. Es gibt im Originalschrifttum der kritischen Zeit keine einzige Erwähnung des Inhalts, dass die Gletscher den Bergbaubetrieb behindert oder zum Erliegen gebracht hätten.
  5. Zur gleichen Zeit wie in den Hohen Tauern trat bei fast allen Edelmetall-Bergbauen im deutschsprachigen Raum eine massive Produktionskrise ein. Nach rund 100 bis 150 Jahren Raubbau (auf Basis neuer Gewinnungsmethoden) waren die edelmetallführenden Erzgänge einfach total ausgebeutet.

Die wahren Gründe für den Niedergang lassen sich kurz zusammenfassen

  1. Ausbeutung der Erzlager
  2. Technische Probleme beim innergebirgischen Bau von Schächten in die Teufe[2]: unbewältigbarer Wasserzudrang, zunehmend schwieriger werdende Frischluftzufuhr
  3. Für die privaten Gewerken zeitweise rascheres Ansteigen der Ausgaben (Nahrungsmittel, Betriebsmittel, Lohnzahlungen) als jenes der Einnahmen (Pflichtverkauf des gewonnen Edelmetalls an den Landesherrn)
  4. Abnehmendes Interesse der privaten Gewerken am Bergbau und stattdessen Anstreben von hohen Positionen an fürstlichen Höfen bzw. Investitionen flüssiger Mittel in den Ankauf von Realitäten, besonders von „sicheren“ landwirtschaftlichen Ertragsflächen.

Abschließend sei noch hinzugefügt, dass die Protestantenverfolgung keine Rolle spielte. Hätte es noch „gute“ edelmetall-liefernde Stollen gegeben, so hätten sich genügend Katholiken gefunden, diese weiter auszubeuten. Auch Edelmetallimporte aus Amerika wirkten sich 1560 bis 1600 nicht aus – wohl aber später, im 19. Jahrhundert. Salzburg hatte im 16. Jahrhundert keine nennenswerten Handelsbeziehungen zu Spanien oder zu Portugal.

Quellen

  • Dieser Text wurde per E-Mail von Fritz Gruber an Peter Krackowizer geschickt und zur Veröffentlichung im Salzburgwiki freigegeben
  • Franz Pošepny: Die Goldbergbaue der Hohen Tauern mit besonderer Berücksichtigung des Rauriser Goldberges, in: Archiv für practische Geologie, Wien 1880
  • Fritz Gruber: Gold unter Gletschereis. Der alpine Edelmetallbergbau in den Hohen Tauern und die sogenannte „Vergletscherungstheorie“. Anhang mit Klimadaten seit 1501, hrsg. vom Montanverein „Via Aurea“, Bad Hofgastein, 2018, 111 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen und weiterführender Literatur

Fußnoten

  1. Als Erbstollen wird der am tiefsten liegende Stollen eines Bergwerkes bezeichnet. Er hat die Aufgabe in der Ableitung des Wassers aus dem darüberliegenden Grubengebäude sowie in der Zuführung von Frischluft (Bewetterung). Quelle schneeberg.org
  2. Teufe ist der bergmännischer Ausdruck für Tiefe oder Tiefenlage; z. B. ist die Lagerstättenteufe die Tiefenlage der Lagerstätte. Quelle www.spektrum.de