Dorothea Mayer-Maly

Aus Salzburgwiki
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Dorothea Mayer-Maly

Hofrätin Dr. Dorothea Mayer-Maly, geborene Schwarz (* 20. Juli 1931 in Oderfurt, Mährisch-Ostrau; † 3. Februar 2021 in der Stadt Salzburg) war an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Salzburg als Juristin tätig.

Leben

Ihr Vater kam aus einer rein deutschen Familie aus Iglau, einer deutschen Sprachinsel in Mähren. Er war ein tschechoslowakischer Richter deutscher Herkunft gewesen. Ihr Großvater mütterlicherseits war orthodoxer Jude († 1936).

Dorothea Schwarz, von Verwandten und Freunden Dorli genannt, lernte noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs Deutsch und Tschechisch in einer guten deutschen Privatschule über der Grenze in Polen, wo sie täglich hinfuhr. Obwohl ihre Familie deutsch war, fühlte sie sich aber keineswegs Deutschland zugehörig. Sie war weltoffen und konservativ zugleich, was sich auch in der Mitgliedschaft ihres Vaters in der Christlichsozialen Partei ausdrückte.

Der Einmarsch der Nazis wurde zu einer Katastrophe für die Familie Schwarz. Ihr Vater war zu diesem Zeitpunkt Richter in Troppau, tschechisch Opava, das von Hitler-Deutschland schon 1938 besetzt wurde. Eines Tages kam der Gerichtsdiener und überreichte ihm ein Kuvert, adressiert an Dr. Rudolf Schwarz. Darin befand sich ein offizielles Schreiben, mit einer frist- und pensionslosen Entlassung wegen der Abstammung seiner Frau. Nun folgte neben dem sozialen Abstieg auch wirtschaftliche Not. Als „Judenabstämmling“ hatte auch Dorli, eine „Vierteljüdin“, unter Demütigungen zu leiden. Ein besonders eifriger Lehrer in ihrer Schule „radierte mit ihrem Gesicht die Tafel“. Der Druck auf den Vater wurde immer größer und so ließ er sich dann von ihrer Mutter wegen ihrer jüdischen Herkunft scheiden, lebte aber weiterhin im selben Haus. „Als wir nach dem Krieg nach Wien gekommen sind, ist das Erste, was meine Eltern gemacht haben, zum Standesamt zu gehen und sich wieder trauen zu lassen.“ schilderte Dr. Mayer-Maly im Sommer 2020 in einem Interview mit Vladimir Vertlib für "Die Presse" (Quelle dieses Artikels).

Die Konflikte jener Zeit erfasste die ganze Familie. Eine Tante war überzeugte Nationalsozialistin und ein Cousin des Vaters war Hans Krebs, Gauleiter des Sudetenlandes (und zuletzt General der Infanterie, und letzter Generalstabschef des Heeres im Zweiten Weltkrieg). Dieser hohe NS-Funktionär war aber keinesfalls bereit, seinem jüdisch versippten Verwandten zu helfen. Aber schließlich durfte Vater Richard Schwarz, wenn auch degradiert vom Landesgerichtsrat zu einem Bezirksrichter, wieder in seinem Beruf arbeiten. Die Mutter wurde zwangskriegsverpflichtet und arbeitete in einer Munitionsfabrik, wobei sie jederzeit mit ihrer Verhaftung rechnen musste. Gegen Kriegsende wurde der Vater sogar noch zum Volkssturm eingezogen, wo er für das von ihm verhasste NS-Regime in den Endkampf ziehen musste. So judizierte er tagsüber und in der Nacht lag er in Schützengräben. Dabei zog er sich eine offene Tuberkulose zu und kam so schwer krank nach Brünn.

Das Ende des Kriegs erlebte die Familie Schwarz in Brünn. Nicht die vorrückenden Soldaten der Roten Armee machten damals der Vierzehnjährigen Angst, sondern ihre tschechischen Mitbürger. Es waren dann auch Tschechen, die sie einige Wochen später zusammen mit ihrer Mutter, einer Tante und einem drei Jahre jüngeren Cousin aus ihrem Haus holten und mit anderen Deutschen zusammen in Richtung Österreich getrieben haben. Dr. Mayer-Maly erinnerte sich in dem Interview, dass man sie durch die Vororte von Brünn trieb, Frauen, Kinder, alte Männer; wer starb, blieb einfach im Straßengraben liegen. Bei den Tätern, die sich „Partisanen“ nannten, waren Widerstandskämpfer der letzten Monate vor Kriegsende. Viele von ihnen hatten noch Anfang Mai 1945 für die deutschen Besatzer gearbeitet.

Dem so genannten Todesmarsch von Brünn, Teil der kollektiven Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus Mähren, der am 30. Mai 1945 erfolgte, kann die Familie Schwarz mit Glück entkommen. Ihnen blieb die wochenlange Lagerhaft der Vertriebenen an der Grenze, die bis Anfang Juli dauerte, erspart. Dr. Mayer-Maly erzählte, dass sie noch einige Tage zuvor, es war zu Pfingsten, mit anderen Deutschen unter katastrophalen Umständen in einer Schule gefangen gehalten wurden. Weder Sitzen noch Liegen war in diesen Räumen möglich, in denen fünfzig Personen eingesperrt worden waren. Die Toiletten liefen über und in den Nächten ließen die tschechischen Wachen Russen zu den Frauen hinein. Doch die weiblichen Mitglieder der Familie Schwarz bleiben unangetastet.

Dann erkläre Dorothea Schwarz dem tschechischen Kommandanten sie sei eine Halbjüdin und somit ein „Opfer des Nationalsozialismus“. Sie erhielt vom „tschechischen Judenrat“ darüber eine Bestätigung und sie, ihre Tante und der Cousin durften nach zehn Kilometern Marsch südlich von Brünn den Todesmarsch verlassen und kehrten nach Brünn zurück. Als sie wieder bei ihrem Vater war, war dieser gerade im Begriff, sich umzubringen. Er dachte, sie kämen nie mehr wieder und wollte sich gerade erhängen, wovor ihn aber die tschechische Hausmeisterin gerettet hatte. Ihr Vater musste nun unter den Tschechen Zwangsarbeit leisten, musste Eisenbahnschienen schleppen, wog nur mehr 47 Kilo und litt an Tuberkulose. Die Mutter von Dorothea ging zum zuständigen Kommandanten und erklärte ihm, dass dieser Zwangsarbeiter ihr Mann sei und sie Halbjüdin. Der Kommandant ließ ihren Vater daraufhin nach Hause gehen.

Der Familie gelang schließlich Mitte 1945 die Flucht nach Österreich. Da eine legale Einreise nicht möglich war - Dorlis Eltern waren vor dem Krieg tschechoslowakische Staatsbürger und deshalb nicht als „Altösterreicher“ angesehen wurden - erfolgte der Grenzübertritt in einem russischen Militärzug, der die Familie mitnahm.

In Wien konnte der Vater wieder als Richter arbeiten. Er stellte sich beim österreichischen Justizminister vor, und der froh war, weil sie im Justizbereich sonst keine Leute hätten, die nicht in der Partei gewesen waren. Dr. Schwarz, der nie Mitglied der NSDAP war, wurde dem Volksgerichtshof zugeteilt. In dieser Funktion musste er über ehemalige NS-Verbrecher Recht sprechen, jedoch war er bei keiner Vollstreckung eines von ihm verhängten Todesurteils dabei. Diese fanden immer um drei Uhr morgens statt und Dr. Schwarz hatte die Ausrede gehabt, dass er mitten in der Nacht nicht nach Hause kommen könne, weil er sich eine Taxifahrt - damals - nicht leisten könne.

Dorothea Schwarz studierte in Wien Jus. 1955 heiratete sie den Juristen Theo Mayer-Maly und wurde Assistentin bei Professor Verdroß am Institut für Völkerrecht. Dort lernte sie Koryphäen wie Hans Kelsen, den „Vater der österreichischen Verfassung“, und Adolf Merkl, einen der wichtigsten Vertreter der Wiener Rechtstheoretischen Schule, kennen. Sie erhielt eine Lehrverpflichtung am Institute of European Studies der Universität Wien. Dann übersiedelte die Familie nach Salzburg, wo sie wissenschaftliche Beamtin an der Universität Salzburg wurde. Sie schrieb Artikel und redigierte Sammelwerke.

Sie war Mutter von zwei Töchtern und Großmutter von vier Enkelkindern.

Der Autor des Interviews Vladimir Vertlib, beschreibt in zwei Absätze Hofrätin Dr. Mayer-Maly, die hier vollständig zitiert wiedergegeben werden:

Dorothea Mayer-Maly gehört zu den letzten noch lebenden Zeugen einer Zeit, die uns bis heute stärker prägt als das meiste, was unseren Vorfahren sonst in den letzten hundert Jahren widerfahren ist. Ich bin dankbar dafür, dass ich Frau Mayer-Maly persönlich interviewen durfte. Kein noch so raffiniertes Wiedergabegerät wird eine durch physische Präsenz erzeugte, nur einmal und unmittelbar erlebbare Stimmung simulieren können. Frau Mayer-Malys Mischung aus emotionaler Betroffenheit und analytischem Blick, der Widerspruch von vermeintlicher Abgeklärtheit durch zeitliche Distanz und spürbarer starker Betroffenheit erzeugt eine Intensität, die durch Beschreibungen nicht wiedergegeben werden kann. Unter Hunderten von Studierenden der Rechte an der Universität Wien war sie am Beginn ihres Studiums im Jahre 1949 nur eine von fünf Studentinnen gewesen. Exponiert, stets unter kritischer Beobachtung und dem Spott der Professoren ausgesetzt, mussten die Frauen besser sein als ihre männlichen Kollegen. Sexistische Bemerkungen waren an der Tagesordnung. Als Feministin versteht sich Doktor Mayer-Maly trotzdem nicht. Was viele andere an feministischem Gedankengut verkünden, hat sie selbst gelebt. Am Ende des Interviews zitiert sie den römischen Juristen Publius Iuventius Celsus (67 bis 130 n. Chr.): „Ius est ars boni et aequi.“ Das Recht ist die Kunst des Guten und Gerechten. Frau Mayer-Maly nimmt man ab, dass sie weiß, was gut und gerecht ist, und das eine vom anderen unterscheiden kann.

Werke

18 Arbeiten in 94 Publikationen in drei Sprachen, gespeichert in 565 Bibliotheken Auszug:

  • Honsell; Mayer-Maly, Dorothea (Hrsg): Recht - Gerechtigkeit - Rechtswissenschaft. Gesammelte Schriften von Theo Mayer-Maly, ISBN: 978-3-7046-7982-6
  • Das Naturrechtsdenken heute und morgen: Gedächtnisschrift für René Marcic, 1893
  • Aus Österreichs Rechtsleben in Geschichte und Gegenwart: Festschrift für Ernst C. Hellbling zum 80. Geburtstag, 1981

Quellen