Ignaz Kratzer

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Ignaz Kratzer (* 12. Februar 1914 in Wien; † 2. April 2016 in Salzburg) begann 1946 als Funker bei den Salzburger Nachrichten, wechselte 1953 zum Flugplatz Salzburg und feierte seinen Hunderter im neuen Tower. Er starb im 103. Lebensjahr.

Leben

Den Kopfhörer aufsetzen, Sender suchen und Töne aus allen Kontinenten hören. Diese Leidenschaft hat Ignaz Kratzer nie losgelassen. Jeden Tag setzte er sich zu seinem Weltempfänger und durchforschte den Kurzwellenäther. Diese Frequenzen auf Kurzwelle sind aus den normalen Radiogeräten längst verschwunden – wie so vieles, das Ignaz Kratzer auf seinem langen Lebensweg begleitet hatte.

Einen Gehstock, den besaß der Mann, der an der Schwelle zu seinem hundertsten Lebensjahr stand. In seiner Wohnung in Salzburg-Lehen war alles tipptopp. Zum Essen wurde er abgeholt und seine Söhne riefen jeden Tag an und sie kamen oft mit ihren Familien auf Besuch. Seine Frau war schon vor vielen Jahren gestorben.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs fällt mit Kratzers Geburtsjahr zusammen. Dieser Krieg hatte ihm den Vater genommen. „Ich kenne nur ein Bild von ihm.“ Er machte eine Ausbildung zum Tischler, dann zum Funker und wieder kam ein Krieg. Ignaz Kratzer machte Dienst in vielen Regionen und blieb immer mit Flugzeugen verbunden. Er überlebte und las im Juni 1946 eine Anzeige in den eben erst ein Jahr alt gewordenen „Salzburger Nachrichten“: „Redaktionsfunker gesucht!“ Er machte sich auf in Richtung des damaligen SN-Verlagshauses Bergstraße 12 – und traf vor dem Tor einen Freund. Ihn hatte er im Krieg aus den Augen verloren. Auch der Freund war am Posten interessiert. „Direktor Dasch hat uns beide genommen.

Unter dem Begriff 'Redaktionsfunker' konnte sich heute (2013) außer Kratzer wohl kaum noch jemand etwas vorstellen. „Wir haben die Nachrichtendienste abgehört. Von den Amerikanern, den Engländern und den Franzosen. Wir haben die Morsezeichen aufgefangen.“ Ignaz Kratzer und sein Freund nahmen am Kopfhörer keine Stimmen wahr, sondern Signallaute. Das Morsealphabet setzt sich aus den Grundelementen kurzes Signal, langes Signal und Pause zusammen. Diese Zeichen übertrugen die Funker in Worte und tippten sie auf einer Schreibmaschine ab.

Kratzer erinnerte sich an eine typische Alltagsszenen: „Ich habe getippt und auf einmal steht Alfons Dalma, der Redakteur, der dann beim Fernsehen war, hinter mir und reißt das Blatt aus der Maschine, liest durch, was ich geschrieben habe, lässt das Blatt fallen, geht zur Frau Fankhauser, das war die Sekretärin und beginnt laut zu diktieren. Sie hat noch schnell einen Zug aus der Zigarette genommen und ich hab’ mich beeilen müssen, ein neues Blatt einzuspannen.“

Der Arbeitstag dauerte nicht selten bis vier Uhr früh. Wenn Kratzer Reden des amerikanischen Präsidenten mittippte, waren es Worte von Harry S. Truman. Eines Tages wollten die amerikanischen Besatzer den Redaktionsfunker nach Wien zum „Kurier“ holen. Kratzer kündigte und machte bald alles wieder rückgängig. Der Wiener, der in Salzburg eine Familie gegründet hatte, blieb an der Salzach verwurzelt und kehrte zu den SN zurück. Im März 1952 kam ein Ruf der Flugsicherung in Salzburg-Maxglan. Kratzer wechselte zum Flugplatz und erlebte die Jahre von der unscheinbaren Baracke am Flugfeld bis zum Ausbau zum internationalen Flughafen mit. Er verfasste Flugpläne und arbeitete auch eng mit berühmten Privatpiloten zusammen. „Mit Herbert von Karajan bin ich einmal sogar mitgeflogen. Heinz Rühmann war oft da und Niki Lauda hat bei uns das Fliegen gelernt.

Im Jahr 1979 ging Kratzer in den Ruhestand. Für den Hunderter in einem Jahr hatte er zwei Wünsche: „Dass ich den Tag erleben darf, und ich möchte auch im neuen Tower sein, der ja fertig sein wird.“ Vom Salzburg Airport gab es natürlich schon grünes Licht für den Besuch.

An die Übersiedlung in ein Seniorenheim hatte Kratzer noch nie gedacht. Eine Haushaltshilfe kam jeden Vormittag und zu Mittag fuhren ihn zwei Zivildiener in die Christian-Doppler-Klinik. „Essen auf Rädern“ lehnte er ab. „Ich will unter Menschen sein. Für die CDK habe ich mir eine Karte besorgt, da wird mein Essen abgebucht und ich kann mir aussuchen, was ich will.

Beim Blick auf ein Zeugnis aus den 1930er-Jahren sagte Kratzer: „Das Handwerk, die Salzburger Nachrichten, der Flughafen. Das waren meine Stationen. Ich bin zufrieden und ich freu' mich auf alles, was noch kommt.“ Ein Gedicht aus der Kindheit fiel ihm ein, dessen letzte Zeile ihm eine Warnung blieb: „Die Freuden, die man übertreibt, verwandeln sich bald in Schmerzen.

100. Geburtstag

Kurz nach seinem 100. Geburtstag ging sein Wunsch am 14. Februar 2014 in Erfüllung, den Tower Salzburg zu besichtigen. Bei einer Führung durch den Flughafen durften Kratzer und seine Gäste hoch hinaus. Schon vorher war Kratzer die Freude anzusehen: "Es ist der schönste Turm von Österreich und das Modernste, was es gibt."

Matthias Promegger ist der längstdienende Fluglotse der Flugsicherung in Salzburg. Er kennt Kratzer noch als Arbeitskollegen und empfängt ihn am Fuß des Towers. Dort überraschten auch fünf weitere ehemalige Kollegen den Jubilar mit ihren Geburtstagswünschen. "Die alte Truppe", freut sich der 100-Jährige. "Meine Kollegen waren so lieb, die Arbeit war sehr schön."

Mit dem Lift geht es in Windeseile nach oben in den Tower. In 54 Meter Höhe wartet eine atemberaubende Aussicht auf die Besucher. Dort erklärt Promegger den Besuchern: "Ich habe 1978 hier angefangen und Ignaz ging ein Jahr darauf in Pension. Der Tower wird nächste Woche in Betrieb gehen. Am 17. Februar ist der letzte Dienst im alten Turm. Mit dir, Ignaz, ist der neue Tower heute eröffnet worden."

Kratzer nahm auf einem der Stühle Platz und genoss die Aussicht. "Hier ist es so schön", schwärmt er. "Ich würde am liebsten sofort wieder arbeiten und wäre gerne jünger", sagt er. Und er ergänzt lachend: "Na ja: Jetzt bin ich 100 Jahre alt und offenbar kein bisschen weiser." Dann holt er ein Lederetui hervor, darin befinden sich sehr gut erhaltene Papiere: der grüne Ausweis für Flugberater, abgestempelt im Jahr 1970, und das rote Funker-Zeugnis zweiter Klasse aus dem Jahr 1959.

2016

Am 2. April 2016 verstarb Ignaz Kratzer im 103. Lebensjahr. Er fand seine letzte Ruhestätte am Stadtfriedhof Maxglan.

Quellen