Meister des Residenzbrunnens

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Als Meister des Residenzbrunnens in der Altstadt von Salzburg wird in der gegenwärtigen Literatur Schöpfer zumeist Tommaso di Garona genannt. Nicht immer wird dabei auf die Unsicherheit dieser Zuschreibung hingewiesen. Deren Hintergründen ist dieser Artikel gewidmet.

Vorgeschichte bis 1940

Nach einem Aufsatz von Franz Martin[1]

Der Bau des Brunnens fiel in die Jahre 1656 bis 1661. Obwohl der Brunnen allgemein große Bewunderung erregte und für den schönsten Deutschlands galt, blieb der Name seines Schöpfers unüberliefert. Akten, die darüber Aufschluss hätten geben können, wurden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eingestampft.

Im 19. Jahrhundert galt als Schöpfer des Residenzbrunnens Giovanni Antonio Daria (* wahrscheinlich 1630; † 1702), dessen Name besonders mit den Salzburger Dombögen verbunden ist. Urheber dieser Ansicht war Joseph Ernst Ritter von Koch-Sternfeld mit einer im Jahr 1811 veröffentlichten Arbeit[2], ihm folgten Benedikt Pillwein[3], Albert Ilg[4], und, nach eingehender Untersuchung, Friedrich Pirckmayer (1888), der Darias Anwesenheit in Salzburg für die Jahre 1656 bis 1675 nachwies[5].

Im Jahr 1914 trat dieser bis dahin unbestrittenen Ansicht der bedeutende österreichische Kunsthistoriker Hans Tietze (* 1880; † 1954) u.a. mit dem Argument entgegen, dass Daria kein Bildhauer, sondern Architekt und Ingenieur gewesen sei[6].

Diesen Einwänden Tietzes schloss sich, nach Betrachtung der überlieferten Salzburger und späteren Tätigkeit Darias, Franz Martin an und machte sich auf die Suche nach dem wahren Meister des Residenzbrunnens. Hiezu berichtet er zunächst von einer merkwürdigen Begebenheit:

Der reisende Bildhauergeselle Franz Ertinger[7] arbeitete mehrere Wochen lang bei dem Bildhauer Simeon Fries, erfuhr, dass die Statuen des Petrus und des Paulus vor dem Dom von Melchior Bardel (der aber dabei mit Barthel von Obstall verwechselt wurde) und dass den Residenzbrunnen mit einem Kostenaufwand von 27.000 Gulden ein Italiener gemacht habe, der sich nach der Fertigstellung, mit dem Werklohn in Form eines Wechselbriefes, nach Hause aufgemacht habe, aber eine Tagesreise von Salzburg entfernt durch einen seiner vertrautesten Freunde ermordet worden sei, welcher den Wechselbrief an sich genommen, das Geld behoben und sich aus dem Staub gemacht habe.[8]

Angespornt durch Tietzes Überlegungen und die dargestellte Mordgeschichte, machte sich Franz Martin auf die Suche nach einem im fraglichen Zeitraum in Salzburg tätigen italienischen Bildhauer und fand in den Abteirechnungen von St. Peter aus dem November 1658 sowie als Trauzeugen bei einer am 14. Februar 1656 in der Salzburger Dompfarre erfolgten Eheschließung einen italienischen Bildhauer namens Thomas Garono. Er mutmaßte unter Hinweis auf die Bildhauer Tommaso da Carona (bezeugt 1399-1437) und Nicola Corona (nachgewiesen seit 1695), dass Carona der Herkunftsname des Bildhauers nach dem Ort Carona, gelegen in den Bergamasker Alpen im Schweizer Kanton Tessin, sei.

1965 bis 1986

(nach Franco Cavarocchi[9])

Befruchtet wurde die Beschäftigung mit dieser Frage durch die Forschungen über die Künstler des Intelvi-Tals[10], die Franco Cavarocchi (* 1911; †1996) durchführte und deren Erkenntnisse er von 1965 bis 1992 in etlichen Veröffentlichungen niederlegte. Erwähnt sei in diesem Zusammenhang eine Reise, die eine Gruppe von Mitgliedern der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde im Mai 1978 in das Intelvital, die Heimat des Salzburger Dombaumeisters Santino Solari, unternahm. In einem Ort dieses lombardischen Tales, nämlich in Pellio Inferiore, war auch Darias Familie beheimatet. Giovanni Antonio Daria war in erster Ehe mit Francesca Garuo Allio aus Scaria d'Intelvi verheiratet, deren Bruder Tommaso Garuo Allio mit dem von Franz Martin aufgefundenen italienischen Bildhauer gleichzusetzen ist. Der Familienname hatte die Schreibung „Garouo“ (für Garovo oder Garuo), die aber in „Garono“ verändert wurde. „Nur durch diese Verwandtschaft“ – so vermerkt Cavarocchi lakonisch – „kann man die beiden Künstler in der so oft diskutierten verwickelten Frage nach dem Plan und der Ausführung des Salzburger Residenzbrunnens unter einen Hut bringen.“

Tommaso Garuo Allio starb am 18. September 1667, zwei Tage nach Errichtung seines Testaments, in Padua.[11] Auf ihn trifft demnach das von Ertinger überlieferte Ende des italienischen Bildhauers nicht zu.

1986 bis heute

Der Dehio Salzburg von 1986[12] schreibt über die Urheberschaft des Residenzbrunnens: „Monumentale bar.[ocke] Brunnenanlage, zwischen 1656 und 1661 unter E[rz]b.[ischof] Guidobald Thun errichtet, von Tommaso di Garona(?).“ Demselben, als „Meister des Residenzbrunnens“, werden mit ebensolchem Fragezeichen drei Statuen (Moses, Elias und Christus Salvator) der Domfassade zugeschrieben[13].

Die Namensform „Tommaso di Garona“ findet sich bei einer Internet-Recherche (April 2010) praktisch ausschließlich in den zumeist deutschsprachigen Artikeln, die sich auf dessen eben genannte mutmaßliche Werke beziehen; dies legt den Verdacht nahe, dass sie alle auf derselben Quelle fußen, der ihrerseits Belege für die Urheberschaft eines Tommaso di Garona, mit Ausnahme des von Franz Martin (1940) aufgefundenen Hinweises auf Tommasos Anwesenheit in Salzburg, fehlen.

Quellen

  • Franz Martin, Der Meister des Residenzbrunnens?, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde (MGSLK), Band 80 (1940) S. 205 ff.
  • Franco Cavarocchi, Künstler aus dem Valle Intelvi in Salzburg und Österreich, in MGSLK 119 (1979) S. 281-304 [285 f].

Einzelnachweise

  1. Franz Martin, Der Meister des Residenzbrunnens?, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde (MGSLK), Band 80 (1940) Seite 205.
  2. Historisch-staatsökonomische Notizen über Straßen- und Wasserbau [und Bodenkultur im Herzogthum Salzburg und Fürstenthum Berchtesgaden], Salzburg 1811, S. 4.
  3. Künsterlexikon = Biographische Schilderungen oder Lexikon Salzburgischer theils verstorbener theils lebender Künstler, Salzburg 1821.
  4. Albert Ilg, Antonio Dario, in Mitteilungen der k. k. Central-Commision NF XII (1886) 69. Band XIII (1914), 224. Ilg (*1847; † 1896)
  5. Friedrich Pirckmayer, Giovanni Antonio Dario, der Erbauer des Residenzbrunnens. Sonderabdruck aus der „Salzburger Zeitung" 1888, nachgedruckt in dessen Notizen zur Bau-, und Kunstgeschichte Salzburgs in Landeskunde 43 (1903) 296-337.
  6. Hans Tietze: Österreichische Kunsttopographie, Band XIII (1914), 224, und Salzburger Brunnen, Sonderabdruck aus „Kunst und Kunsthandwerk" XVII (1914), S. 8-13.)
  7. Franz Ferdinand Ertinger (* 1629 Immenstadt [Allgäu, Deutschland]; † 7. März 1693, 63 Jahre alt) besuchte 1682 und 1690 Salzburg, wurde hier gefirmt, wobei ein Baron Rehlingen sein Pate war, heiratete am 2. Mai 1669 in Salzburg (Dompfarre) Sibille Eberlin.
  8. Des Bildhauergesellen Franz Ferdinand Ertinger Reisebeschreibung durch Österreich und Deutschland. Nach der Hs. cgm. 3312 der Staatsbibliothek in München herausgegeben von E. Tietze, Conrad (Quellenschriften für Kunstgeschichte, Bd. XIV, 1907).
  9. Franco Cavarocchi: Künstler aus dem Valle Intelvi in Salzburg und Österreich, in MGSLK 119 (1979) S. 281-304 [285 f].
  10. nördlich von Como, Lombardei, Italien, in Richtung Luganer See, Schweiz
  11. Glossar zum Projekt „Domenico dell'Allio“ unter Bezug auf eine Quelle „Sacardo, 1981“.
  12. DEHIO Salzburg. Die Kunstdenkmäler Österreichs. SALZBURG Stadt und Land. Verlag Anton Schroll & Co, Wien 1986. ISBN 3-7031-0599-2 (hier: S. 607).
  13. Dehio (aaO) S. 528.