Salzburg - vom Betteldorf zum reich gesegneten Land

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Salzburg - vom Betteldorf zum reich gesegneten Land - 18162016: 200 Jahre bei Österreich

Für undifferenzierten Jubel besteht kein Grund

Nach Kurfürstentum, Besetzung durch Franzosen und Bayerischer Herrschaft wurde Salzburg 13 Jahre nach Ende des Fürsterzbistums Teil von Österreich. Manfred Perterer von den Salzburger Nachrichten ging im Leitartikel der Ausgabe vom 31. Dezember 2015 der Frage nach, ob für undifferenzierten Jubel ein Grund bestünde - nein, meint er.

Für gute Gedanken an einst, jetzt und schon morgen

Das Klima passte zum Zustand, in dem sich das Land Salzburg und seine Bürger damals befanden. 1816 ging als das "Jahr ohne Sommer" in die meteorologische Geschichte ein. Vor allem in Nordamerika sowie im Westen und Süden Europas schneite es im Juni und Juli, in der Folge kam es zu Überschwemmungen und Missernten. In Deutschland erhielt das Elendsjahr den Beinamen "Achtzehnhundertunderfroren". Schuld an der dramatischen Klimaveränderung war der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora ein Jahr zuvor (1815). Seine gigantische Aschewolke hatte sich um den gesamten Erdball gelegt und die Sonne drei Jahre lang verschleiert.

In Salzburg hatte sich ein politischer Vulkanausbruch ereignet. Das einst stolze geistliche Reichsfürstentum (Erzstift Salzburg) war nach einigen Jahren französischer und später bayerischer Abhängigkeit ausgeplündert und ausgezehrt dem österreichischen Kaisertum zugeschlagen worden. Der Wiener Hof wussste mit dem auf Selbständigkeit bedachten Land nicht viel anzufangen und verleibte es als fünften Kreis der Provinz Österreich ob der Enns und Salzburg ein. Quasi als fünftes Rad am Wagen. Politischer Bedeutungsverlust und wirtschaftliche Not kommen in einem Bittbrief von der Salzach an die Donau zum Ausdruck. In seiner Kleinen Geschichte Salzburgs zitiert der Historiker Heinz Dopsch daraus die verzweifelte Selbsteinschätzung der Bewohner, die ihre Stadt als "ein Betteldorf mit leeren Palästen" charakterisieren. Die Hauptstadt reagiert ähnlich wie heute und ging erst gar nicht auf den Inhalt ein, sondern kritisiert scharf die "unziemende Schreibart".

Sollen wir also das Jubiläumsjahr, in dem Salzburg 200 Jahre bei Österreich sein wird, überhaupt groß feiern, wenn schon der Start in die neue Epoche mehr als holprig verlief?

Die Antwort lautet:

Ja. Nicht gemeint ist damit undifferenzierter Jubel um seiner selbst willen. Angesichts drängender Probleme (Flüchtlinge, Arbeitslosigkeit, wirtschaftliche Stagnation, Wohnungsnot, Finanzen, usw.) brauchen Land und Leute keine alles zudeckende Gedenk-Folklore. Landeshauptmann Wilfried Haslauer hat dies erkannt: "Keine Geschichtsverklärung, keine Huldigungspose, kein inhaltsleeres Beschwören eines Wir-Gefühls".

Wenn wir also jubilieren, gedenken und auch feiern, dann mit dem Hintergrund der kritischen Selbstreflektion. Das heißt nicht Selbstgeißelung. Davon ist unsere zur Bewissserei neigende Gesellschaft genug zerfressen. Wir brauchen Konstruktivität. Wir lernen aus dem, was war, für eine bessere Zukunft.

Eine florierende soziale Marktwirtschaft ist die Basis für Wohlstand, sozialen Frieden und Sicherheit. In den 200 Jahren bei Österreich hat Salzburg mehrere Perioden der absoluten Not durchlaufen. Immer waren sie geprägt von hoher Arbeitslosigkeit. Nur zwei Beispiele: 1820 musste jeder vierte Stadtbewohner von einer Armenstiftung durchgefüttert werden. 1933 waren 41 Prozent der Arbeiter ohne Beschäftigung. Heute sind - freilich unter unvergleichlich besseren Bedingungen - ebenfalls viele Menschen im Land arbeitslos, mehr als 18 000.

Die Politik muss alles unternehmen, um die Wirtschaft in Salzburg wieder in Schwung zu bringen. Sie hat diese Aufgabe in der Vergangenheit vernachlässigt, ja sogar konterkariert. Die Rahmenbedingungen für die Unternehmen und ihre Mitarbeiter sind schlechter geworden. Politik braucht klare Prioritäten. Arbeit für möglichst alle, und zwar solche, von er auch alle leben können, ist ein klares Ziel.

Dazu gehören untrennbar Ausbildung und Bildung. Salzburg hat sich lange nicht von seiner bayerischen Phase (1810 bis 1816), in der die Universität geschlossen wurde, und in seinen ersten Jahren in Österreich erholt. Heute haben wir noch immer nur den Torso einer Alma Mater. Die Privatmedizinische Universität konnte eine Lücke halbwegs schließen. Doch es fehlt noch eine technische Fakultät. Und es fehlen internationale Schulen. Das wären lohnenswerte Ziele für die nächsten Jahre.

Insgesamt steht Salzburg im Jubiläumsjahr gut da. Die Bewohner können stolz sein auf das Erreichte. Salzburg hat sich vom "Betteldorf" zum reich gesegneten Land entwickelt.

Damit es noch besser wird, muss das Bundesland seine Politik in Österreich stärken. Politik und Bürger sind hier gleichermaßen gefordert. Die Hoffnung, dass große Unterstützung bei der Bewältigung der anstehenden Herausforderungen aus Wien kommt, ist gering.

Schon einmal, am 7. Juni 1816, beim Besuch von Kaiser Franz I. in seiner neuen Provinz, wurde dem Land eine "väterliche Regierung" in Wien in Aussicht gestellt. Doch was Salzburg heute ist, hat es zum großen Teil sich selbst und seinen Menschen zu verdanken.

Siehe auch

Quelle

  • Wörtlich zitiert nach Manfred Perterer: Salzburg-vom Betteldorf zum reich gesegneten Land. In: Salzburger Nachrichten vom 31. Dezember 2015, Seite 1, Leitartikel.