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Alja Rachmanowa

Alja Rachmanowa, ca. 1931
Familienbild, aufgenommen ca. 1928
Alja Rachmanowa mit Sohn Jurka, ca. 1930
Wohnhaus der Familie in der Erzherzog-Eugen-Str. Nr. 32
Villa Gisela-Kai Nr. 41
Grabstätte der Familie am Salzburger Kommunalfriedhof, Gruppe 42

Alja Rachmanowa-Hoyer (* 27. Juni 1898 in Kasli, Russland; † 11. Februar 1991 in Ettenhausen, Schweiz) war eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen der 1930er-Jahre.

Inhaltsverzeichnis

Frühe Jahre

Geboren wird Alja Rachmanowa als Galina Djurjagina in Kasli in der Nähe von Perm im Ural als erste von drei Töchtern einer adeligen Beamtenfamilie. Das Pseudonym Alja Rachmanowa, unter dem sie später berühmt wird, wählt sie erst im österreichischen Exil, um ihre in Russland verbliebenen Verwandten nicht zu gefährden. Von ihrer relativ unbeschwerten Kindheit in großbürgerlichem Luxus, Kontakt zur archaischen Lebensweise der Tataren, abenteuerlichen Ausflügen und Erlebnissen, der Weissagung eines Einsiedlers („Sie werden sehr glücklich werden, Fräulein, aber Sie werden auch viel Unglück und Kummer haben“) und Geschichten ihrer Gymnasialzeit handelt ihr 1932 erschienenes Buch „Geheimnisse um Tataren und Götzen“. Im Vorwort schreibt die Autorin: „Ich habe das große Glück gehabt, meine Kindheit und Jugend in den felsigen Bergen und an den verzauberten Seen des Ural zu verbringen, in einer eigenartigen Welt, die mir sowohl die geheimen Kräfte der Natur, als auch die des Menschenlebens besonders nahe brachte, die meinem leidenschaftlichen Wunsche, ihren Rätseln auf den Grund zu kommen, immer neue Nahrung gab, und meine Liebe zu Gott, zu den Menschen und zum Guten immer mächtiger werden ließ.“ Alja Rachmanowa, der einmal gesagt wurde, ihre Seele sei wie ein Schwamm, hat das Führen eines Tagebuches „immer als unumgängliche Lebensnotwendigkeit angesehen“, und die Bücher, die daraus entstanden sind, zeugen von ihrer wunderbaren Beobachtungsgabe und ihrem tiefen Einfühlungsvermögen. (Von den Tagebüchern bis 1937 ist im Nachlass lediglich eines erhalten.)

„Studenten, Liebe, Tscheka und Tod“ erscheint als erster Band einer Trilogie und behandelt die historischen Ereignisse in Russland nach der Oktoberrevolution anhand des Schicksals der Djurjagins. Was als Schilderung der Gefühlszustände eines Mädchens im Backfischalter beginnt, entwickelt sich im Lauf der Geschichte bald zu einem Höllenszenario. Der Zar wird gestürzt, die Bolschewiken sind an der Macht, der Staretz wird zum Beweis, dass es keinen Gott gibt, öffentlich gepfählt, Erschießungen, Hausdurchsuchungen, Verhaftungen, Plünderungen, Krankheit, Angst und Schrecken stehen an der Tagesordnung. „Wir können uns schon gar nicht mehr vorstellen, daß man ausgekleidet schlafen, anders als flüsternd sprechen, auch nur eine Minute leben kann, ohne zu fürchten, man werde erschossen“, vertraut die Studentin ihrem Tagebuch an, das sie sich kaum noch aus ihrem Versteck hervorzuholen getraut. Eigenartig muten zwischendurch die Eintragungen über ihre Examensnoten an, die Welt der Wissenschaft wird ihr in diesen grauenvollen Zeiten zu einem Zufluchtsort, der sie wohl auch den Tod ihrer Jugendliebe vergessen lassen soll. Die Eintragungen enden mit dem Vorsatz, die bisherigen Tagebuchseiten einem ehemaligen „deutschen“ Kriegsgefangenen übergeben zu wollen, da sie für die Schreiberin im Falle einer Entdeckung den sicheren Tod bedeuten würden.

Doch der Mann erklärt der verwunderten Russin, dass er aus Liebe zu ihr in Sowjetrussland bleiben will, und nicht einmal fünf Monate darauf erfolgt die Hochzeit im sibirischen Omsk, wohin die Familie nach ihrer Enteignung geflüchtet ist.

Die Ehe mit einem Österreicher

„Ehen im roten Sturm“ schließt unmittelbar an den ersten Band an und schildert die ersten Ehejahre der Autorin mit ihrem aus Salzburg stammenden Mann Arnulf Hoyer (geboren als Anulf von Hoyer), die überschattet sind von Hunger, Kälte und der Angst vor der Liquidierung durch die bolschewistische Geheimpolizei, die Tscheka. Ihre Ehe wird zu einer stillen Insel des Glücks inmitten des nachrevolutionären Chaos, der Wirren und Schrecken einer Zeit, die im blutigen Umbruch begriffen ist und in der alles verpönt ist, was einst Besitz, Lebensart und Kultur war. In der Sowjetküche schwimmen jetzt ganze Kuhaugen in der Suppe, die Schwangere liest Rezepte für Gebratenes Spanferkel mit Buchweizenkascha, um ihren Hunger zu „stillen“. Auf der Rückfahrt von Omsk treffen sie auf ganze Züge voller Verhungernder. In ihrer Heimatstadt angelangt, hat das ehemalige Dienstmädchen auf Anraten eines Kommissärs alle Zimmer ihres Hauses vermietet und will keines mehr zurückgeben. Galinas Mann erhält eine Stelle als Englischlektor, sie selbst hält Vorlesungen über Psychologie der Kindheit und Kinderliteratur. 1922 kommt Sohn Jurka in einem sowjetischen Gebärhaus zur Welt. Doch über dem jungen Glück liegt ein dunkler Schatten: Arnulf Hoyer ist Österreicher und somit aus ehemaligem Feindesland und entstammt darüber hinaus einer Aristokratenfamilie, ist also für die Bolschewiken ein Klassenfeind. 1925 wird die dreiköpfige Familie ohne Angabe von Gründen aus der Sowjetunion ausgewiesen und versucht, im von Arbeitslosigkeit und Not gebeutelten Wien Fuß zu fassen.

Galina bietet einer Redaktion eine Erzählung aus dem russischen Leben an, diese wird jedoch mit der Begründung, sie sei zu schwer, abgewiesen. Da kommt dem Paar die rettende Idee, es mit dem Betreiben eines Lebensmittelgeschäftes zu versuchen. Ein Freund ist bereit, ein Darlehen zum Erwerb eines Geschäftslokals zu gewähren, ein dem Geschäft angeschlossener kleiner Raum dient als Unterkunft. Während Arnulf auf der Universität die in Russland abgelegten Prüfungen, die in Österreich nicht anerkannt werden, nachholen muss, sorgt Galina eineinhalb Jahre lang als Milchfrau für den Unterhalt der Familie. Frühmorgens zieht die Akademikerin, die anfangs nur gebrochen Deutsch spricht, auf den Markt, um Brot, Butter, Käse und Wurst einzukaufen. Ihre Kundschaft besteht aus einem recht gemischten Völkchen, und Galina nützt jede freie Minute, um die Geschichten, die ihr die Leute erzählen, aufzuschreiben. Noch wichtiger aber ist es, keine einzige Kundschaft zu verlieren, und so muss sie so manche Anfeindung und Anschuldigung unerwidert über sich ergehen lassen. Ganz nebenbei will auch noch Sohn Jurka beaufsichtigt werden, dessen Leben auf der Gasse seine zweifelhafte Bereicherung erfährt.

„Sie sind viel zu mager und zu blaß für eine Milchfrau. Da sieht man gleich, daß es Ihnen schlecht geht. Eine Milchfrau, deren Geschäft gut geht, ist immer dick!“, belehrt sie eine Kundin, und so besteht ihre nächste Aufgabe nicht darin, vom Nobelpreis zu träumen, sondern dick zu werden, um den Kunden zu beweisen, dass das Geschäft gut geht. „Zu dem, der fröhlich und gesund ist, gehen die Leute lieber. Bei einer mageren Milchfrau kaufen sie nicht ein“, resümiert sie in ihrem Tagebuch. Nachts träumt sie ganze Etappen ihrer Jugendzeit in stets chronologischer Reihenfolge. Die Geschichte von der Mutter Dorofeja erfahren wir da, die ausgetrocknet wie ein dürrer Ast war und ebenso unerwartet, wie sie aufgetaucht war, auch wieder verschwand. Die Alte hatte es sich zur Aufgabe gemacht, über die weite russische Erde zu wandern und das Leiden der Menschen zu sammeln und für sie um Vergebung zu bitten.

Die junge Russin kämpft mit dem Heimweh, die Briefe ihrer Eltern sind allesamt bedrückend und zwischendurch wird sie auch noch vom sowjetischen Geheimdienst beschattet. „Das Geschäft m u ß gehen“ lautet Galinas Devise zum täglichen Überlebenskampf, was ihren willensstarken Charakter wohl am besten bekundet.

Alja Rachmanova-Hoyer in Salzburg

Als Arnulf 1927 eine Stelle als Lehrer in Aussicht hat, übersiedelt die Familie nach Salzburg in seine Heimatstadt und lebt zunächst in dürftigen Verhältnissen. Johanna Schuchter schreibt in ihren Lebenserinnerungen über einen Besuch bei den Hoyers in dem damals noch bescheidenen Vorort Maxglan: „Auf mein Klingeln öffnete sich ein Türspalt, eine Frauengestalt in Schlafrock hielt zögernd die Türklinke in der Hand und schaute mich mit dunklen, fremdartigen Augen forschend an. (...) Das Zimmer, in das sie mich führte, war einfach möbliert, eigentlich überhaupt nicht möbliert: ein Bett, ein Tisch, zwei Stühle und auf dem Boden ein russischer Pelz als zweites Lager. Im anschließenden Kabinett saß ihr fünfjähriger Sohn auf einem Schemel vor einer großen Landkarte, die an der Wand hing. ‘Damit beschäftigt er sich stundenlang’, sagte seine Mutter. Ich sah mich in dem schmalen Raum um. Er war leer. Auch nicht das kleinste Spielzeug war zu sehen. Beim Anblick des einsamen Kindes vor der Landkarte fühlte ich die Bitterkeit des Schicksals heimatloser Menschen.“

Es sollte sich jedoch bald einiges zum Guten wenden. Der Pustet Verlag entschließt sich, Galinas überarbeitete Tagebücher, die von ihrem Mann vom Russischen ins Deutsche übersetzt wurden, in Buchform herauszugeben. Besonders „Milchfrau in Ottakring“, das übrigens 1997 im Amalthea Verlag neu erschienen ist, wird ein Sensationserfolg. Die nun folgenden Jahre in Salzburg zählen wohl zu den glücklichsten der Schriftstellerin.

Die Familie erwirbt 1938 eine Villa am Giselakai, Arnulf Hoyer bekommt eine Stelle als Gymnasiallehrer. Die als scheu und zurückhaltend beschriebene Frau knüpft freundschaftliche Beziehungen zu Familien des Salzburger Bürgertums. „Rang und Namen bedeuteten ihr wenig. Vielmehr stand (...) das rein Menschliche im Vordergrund“, stellt Lieselotte von Eltz-Hoffmann fest.

Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich ist die Schriftstellerin in die Reichsschrifttumskammer aufgenommen worden – allerdings mit einiger Verzögerung im November 1942.[1] Im Tagebuch notiert sie: „Einer der glücklichsten Tage meines Lebens.“

Sie hat aktiv an der Bücherverbrennung 1938 teilgenommen, und sie hat nach 1939 für die „Informationsstelle I“ des Auswärtigen Amtes zwei (wohldotierte) “Berichte“ geschrieben, die als propagandistische Broschüren gedruckt und auch in Übersetzungen in den besetzten Ländern verbreitet wurden. Spätestens seit der Edition ihrer Tagebücher aus den Kriegsjahren („Hilf, Herr, Hitler in seinem Kampf!“) ist die nach 1945 verbreitete geschichtsfälschende Legende vom Nazi-Opfer Rachmanowa nicht mehr aufrecht zu halten.

Flucht in die Schweiz

Als im April 1945 ihr einziges Kind in den letzten Kämpfen um Wien von ihren eigenen Landsleuten erschossen wird und ihr Leben im Anbetracht der vorrückenden Roten Armee erneut bedroht ist, flüchtet sie mit ihrem Mann in die Schweiz. Das nächste Buch „Einer von Vielen“ ist dem Andenken ihres Sohnes gewidmet und schildert die Ereignisse nach der Übersiedlung nach Salzburg 1927 bis zum Tod des Sohnes 1945. „Dreiundzwanzig Jahre haben wir (...) unser Kind gehegt und gepflegt, haben es vor allem zu bewahren gesucht, was ihm schaden könnte, haben es mit einem Strom von Liebe umgeben, für den es keine Grenzen gab, der unsere Herzen ganz erfüllte. Nun ist unser Kind tot, weil es in einer Welt sein mußte, in der Hass stärker ist als die Liebe, und uns, seinen Eltern, ist der eigentliche Sinn ihres Erdendaseins für immer genommen“, so beschreibt die Autorin im Vorwort des Buches ihren Schmerz über den Verlust. Und Arnulf Hoyer schreibt 1946 in einem Brief an Freunde in Salzburg: „Es ist für uns natürlich sehr traurig, daß wir immer wieder von vorne anfangen müssen und wir sind, offen gestanden schon s e h r müde. Das Alleinsein, ohne unser einziges Kind, fällt uns sehr schwer und das Heimweh macht uns das Leben auch nicht leichter“. Die Hoyers beziehen in Ettenhausen im Kanton Thurgau in der Nähe von Winterthur ihren Alterswohnsitz. Die bekannteste Schriftstellerin der Nachkriegszeit verfasst in ihrem Alterswerk Romanbiographien über Schriftsteller ihrer Heimat, die wie immer von ihrem Mann ins Deutsche übersetzt werden. Nach dessen Tod ist Alja Rachmanowa auf die liebevolle Pflege einer Nachbarin angewiesen. Sie überlebt ihren Mann um zwanzig Jahre und stirbt am 11. Februar 1991 im 93. Lebensjahr in Ettenhausen.

Am Salzburger Kommunalfriedhof finden sie und die Ihren ihre letzte Ruhestätte. Ihre Bücher sind Dokumente einer bewegten Zeit und legen ergreifendes Zeugnis davon ab, wie ein Leben, das mit ihren eigenen Worten „voll von Heimsuchungen und Katastrophen“ war, dennoch gemeistert werden kann.

Werke

  • Die Fabrik des neuen Menschen, Roman, Verlag Anton Pustet, Salzburg - Leipzig, 1935, 1.-8. Auflage
  • Jurka, Tagebuch einer Mutter, Verlag Otto Müller, Salzburg - Leipzig, August 1938, 1.-4. Auflage
  • Auch im Schnee und Nebel ist Salzburg schön. Tagebücher 1942 bis 1945. Übersetzt und herausgegeben von Heinrich Riggenbach. Otto Müller Verlag, Salzburg-Wien 2015

Literatur

  • Stahr, Ilse 2012: Das Geheimnis der Milchfrau in Ottakring, Alja Rachmanova. Ein Leben, Almathea Signum Verlag Wien
  • Stadler, Franz: Die unterschlagenen Geheimnisse der Milchfrau in Ottakring. In: Zwischenwelt, 35.Jg., Nr.3/2018, 8 – 12

Quellen

  • Artikel von Mag.a Ursula Schliesselberger, Salzburg, 2004.
  • Milchfrau in Ottakring, Vorwort von Dietmar Grieser, 1997, Amalthea. Der Rückseite des Einbandes ist auch die Kopie der Gedenktafel entnommen (Foto Votava).
  • Johanna Schuchter, So war es in Salzburg, 1976, Verlag der Salzburger Druckerei.
  • Lieselotte v. Eltz-Hoffmann, Salzburger Frauen, 1997, Colorama Verlag. Diesem Buch entstammt das große Portraitfoto mit Kopftuch, das im MCA archiviert ist.
  • Der Salzburger Kalender 1995, hrsg. von Eva Maria Schalk, Ilse Stahr, Unipress Verlag. Familienfoto.
  1. Berlin Document Centre, RKK-KP-4010-04/42-64, 21.11.1942)