Kultur

Bernard-Henri Levy über den "kleinen Prinz des Populismus"

Es war eher ein Abgesang als ein Aufruf, eine One-Man-Show als ein Gemeinschaftserlebnis. "Looking for Europe" nennt der französische Publizist und Philosoph Bernard-Henri Levy sein Soloprogramm, mit dem er vor den Europa-Wahlen durch europäische Städte tourt. Die einzige Erkenntnis aus seinem Wien-Gastspiel, mit dem er gestern das Theater Akzent füllte: BHL weiß auch nicht, wie's geht.

Der französische Philosoph gastierte mit einer One-Man-Show in Wien SN/APA (AFP/Archiv)/Riccardo Savi
Der französische Philosoph gastierte mit einer One-Man-Show in Wien

Der Tour-Plan ist dicht. Da ist es praktisch, dass die Bühne nur aus der Projektion einer Rückwand und einigen Möbel-Überwürfen besteht, die in schwarz-weißem Comic-Design ein gehobenes Hotelzimmer vorstellen: ein Tisch, eine "canapé freudien", eine Badewanne. Dazu dekorativ arrangiert: Bücherstapel, Wasserkaraffen, Whiskeyflaschen, zwei Notebooks, eine Stehlampe. Der hagere 70-Jährige wandert, meist das Smartphone in der Hand, unruhig wie ein eingesperrter Tiger im Käfig, durch dieses Ambiente und liefert via Mikroport einen über 100-minütigen ebenso pausen- wie atemlosen Monolog.

Die Fiktion der Bühnenrealität stellt eine Mischung aus Sarajevo, wo der viel gefragte Intellektuelle in zwei Stunden einen Vortrag über Europa halten soll, und der gerade aktuellen Gastspielstadt dar - ein Spagat, der Levy einiges abverlangt. Immerhin hat er sich zum Ziel gesetzt, sein Programm für den jeweiligen Schauplatz zu adaptieren. Also begrüßt BHL seine Wiener Freunde, die einst mit ihm am Heldenplatz gegen Haider demonstrierten, erwähnt namentlich Robert Menasse und Elfriede Jelinek (zumindest Ersterer war tatsächlich unter den Besuchern), erinnert an die Errungenschaften der österreichisch-ungarischen Monarchie ebenso wie an ihre antisemitischen Traditionen und zeigt sich auch über Burschenschafter und ihre Lieder informiert.

Keine Frage, BHL hat seine Hausaufgaben gemacht - doch was er zur österreichischen Innenpolitik zu sagen hat, besitzt weder Tiefe in der Analyse noch Schärfe in den Formulierungen. "Sebastian Kürz" (die Aussprache des Kanzlernamens ist die charmanteste Pointe des Abends) sei "der kleine Prinz des Populismus", doch sein Flirt mit der FPÖ und den Visegrad-Staaten sei schädlich und naiv. Schon die Fabel vom Skorpion und dem Frosch lehre, wie dumm es sei, an Zweckbündnisse zu glauben. Vergleiche zwischen "Monsieur Kürz" und Emmanuel Macron seien idiotisch: "Es sind zwei Arten, jung zu sein." Auch Vizekanzler Strache und Außenministerin Kneissl bekommen ein paar Seitenhiebe ab.

Nur sehr kursorisch geht Levy auf die aktuelle Situation in Deutschland, Großbritannien und Frankreich ein, denn hauptsächlich geht es ihm - unterbrochen nur von unmotivierten kurzen Musikeinspielungen, kleinen Videoclips mit Dokumentaraufnahmen aus Sarajevo oder von Flüchtlingsschiffen, und vorgetäuschten "Störungen" auf seinen unterschiedlichen elektronischen Devices, um ein immer absurder werdendes Namedropping, das sich zum Stakkato steigert. Einerseits soll dabei deutlich werden, mit wem BHL aller gut bekannt ist oder war (Thatcher und Kissinger haben ihn eingeladen, Salman Rushdie wird gar per Videotelefonie eingespielt), andererseits reicht offenbar schon die Aufzählung von Künstlern und Geistesgrößen, um die Werte europäischer Kultur in Erinnerung zu rufen: Husserl und Heidegger, Mahler und Mozart, Kafka und Thomas Bernhard...

Der ungehemmte Redefluss tritt schließlich über die Ufer. Folgerichtig endet die Vorstellung in Bildern von Naturkatastrophen. Stürme, Lawinen und Riesenwellen zerschmettern das von Menschen sorgsam Aufgebaute. Der Philosoph ruft die Europäer in einer Schlussapotheose zur Einigkeit auf. Zu spät. Wer an diesem Abend auf nachvollziehbare Argumente, auf das Aufzeigen möglicher Auswege aus einer europäischen Krise gehofft hat, wurde bitter enttäuscht. "Looking for Europe"? Als intellektueller Pfadfinder hat Bernard-Henri Levy glatt versagt.

Quelle: APA

Aufgerufen am 17.09.2019 um 12:36 auf https://www.sn.at/kultur/allgemein/bernard-henri-levy-ueber-den-kleinen-prinz-des-populismus-67480981

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