Kultur

"Blume von Hawaii" entfaltet sich bei Ischler Lehar-Festival

Die erste Premiere des heurigen Lehar-Festivals unter der neuen Intendanz von Thomas Enzinger hat am Samstag im Kongress & Theater Haus Bad Ischl in mehrfacher Weise Mut bewiesen: Mit dem Stück "Die Blume von Hawaii" von Paul Abraham wurde ein in der Operetten-Hochburg des Salzkammergutes unbekanntes Werk aufgeführt. Sie entfaltete sich auf einer berührenden Meta-Ebene.

In Ischl wagte man sich an eine musikalische Rekonstruktion der lang verschollen gebliebenen Originalfassung. Diese erlebte sogar Österreich-Premiere. Zudem ließ Enzinger den Komponisten selbst als Figur auftreten. Herausgekommen ist eine zu Tränen rührende Hommage an einen Komponisten, der das Publikum durch seine ganz eigene Glitzer-Welt führt.

Die Idee des neuen Intendanten, der gleichzeitig auch Regie führt, fußt auf der traurigen Biografie Abrahams: Der ungarisch-deutsche Künstler erlebte Anfang der 1930er-Jahre seine Hochblüte. Nach zunehmender Popularität zog es ihn bald von Budapest nach Berlin. Dort wurde er zum gefragtesten Komponisten seiner Zeit. Zahlreiche Filmmusiken gehen auf ihn zurück. Die Karriere des jüdischen Musikers endete mit der Machtergreifung der Nazis jäh. Seine Werke wurden als entartete Kunst geächtet, er flüchtete über Umwege nach New York. Dort zeigte man kein Interesse für seine jazzigen Kompositionen. Zum Karriere-Knick gesellten sich schwere gesundheitliche Probleme: Abraham litt an Syphilis, die nach und nach seinen Geisteszustand beeinträchtigte. Verwirrt dirigierte er 1946 auf der Madison Avenue den Verkehr und wäre dabei beinah ums Leben gekommen. Einige Jahre verbrachte er daraufhin im Creedmoor-Psychiatric Center auf Long Island, ehe man ihn wieder entließ und er nach Hamburg zurückkehrte.

In der Psychiatrie auf Long Island setzt die Produktion Enzingers an: Abraham als Insasse, der in seiner eigenen Welt lebt. Im völlig abgedunkelten Theater erscheint im Lichtkegel Paul Abraham, der das ganze Stück hindurch von Mark Weigel durch seine charmante Unaufdringlichkeit glänzend in Szene gesetzt wird. Während das Lehar-Orchester unsichtbar im Graben leise die Titelmelodie "Blume von Hawaii" anspielt, dirigiert Abraham - offenbar wieder einmal - völlig geistig entrückt vor sich hin. Es erscheint eine in weiß gekleidete Figur namens Jim - wie sich am Schluss herausstellt, der behandelnde Arzt, der quasi als Vertreter des Publikums zwischen den einzelnen Tanz- und Gesangsnummern mit dem Komponisten im ständigen Dialog über das Bühnen-Geschehen steht. Was der gesamten Operette sehr gut tut - immerhin sollen in den rund drei Stunden vier Liebespaare in einer Abfolge von Verwechslungen oder unglücklichen Romanzen auf wundersame Weise zusammenfinden. Umso beachtenswerter die Idee Enzingers, hier einen roten Faden einzubauen, um im Liebes-Treiben nicht völlig die Übersicht zu verlieren.

Was folgt, ist die Einladung des jüdischen Künstlers, ihn nicht ob seiner Visionen zu verurteilen, sondern einen Schritt in seine Welt, die der Musik und des Werkes zu wagen. Was nach der sehr verhaltenen Szene auf der in dunkelblau beleuchteten Bühne folgt, ist ein echtes Feuerwerk an Farben, Tanz und Musik. Das Publikum wird hier förmlich hineingestoßen. Daher wird auch dem Arzt Jim die Rolle von Jim Boy, dem Jazz-Sänger zugewiesen. Gaines Hall wechselt hier immer wieder zwischen Beobachter, der mit dem Komponisten teils am Rande der Bühne sitzt und die romantischen Verwirrungen des Stückes erklärt bekommt, und dem dunkelhäutigen Jazz-Musiker. Ebenso lässt es sich natürlich Abraham alias Weigel nicht nehmen und spielt selber die Rolle des amerikanischen Gouverneurs Lloyd Harrison, der gerne seine Nichte mit dem hawaiianischen Prinzen verheiraten möchte. Eine Hochzeits-Politik, die wahrscheinlich vielen Bad Ischler Kaiser-Fans nicht ganz fremd sein dürfte.

Die quietschbunte Bühne strotzt vor Glitzer-Deko, blinkenden Lichtern und riesigen Hawaii-Blumen, die den Himmel behängen. Die für Bühnenbild und Kostüme zuständige Toto hat hier ganze Arbeit geleistet, eine surreal anmutende Kitsch-Welt zu erschaffen, die durch die Farbgebung fast schon psychedelische Züge annimmt. In Zusammenarbeit mit Sabine Wiesenbauer, die für die Beleuchtung zuständig zeichnet, wurde ein Bühnen-Setting geschaffen, das fast schon Gefahr läuft, epileptische Anfälle bei den Zuschauern auszulösen. Gerade das braucht es aber, um das Werk glaubhaft transportieren zu können.

Fast ebenso klischeeartig schön wie das Bühnenbild präsentieren sich die bekannten Evergreens der Operette. Stimmlich überragend präsentieren sich die Hauptdarsteller Clemens Kerschbaumer als Prinz Lilo-Taro und Sieglinde Feldhofer als Prinzessin Laya (und in Doppelrolle als Suzanne Provence). Bei getragenen Arien wie "Du traumschöne Perle der Südsee" oder "Will Dir die Welt zu Füßen legen" kommt Gänsehaut auf, wenn die beiden in der Höhe mit beachtenswerter Strahlkraft brillieren. Diese Kraft braucht es auch, um gegen das Lehar-Orchester anzukommen. Gerade Nina Weiß als Bessi Worthington hatte Mühe, mit ihrer Stimme über die sehr präsenten Bläser singen zu können. Da halfen auch die Headset-Mikros nichts, durch die gesungen wurde. So ging einiges an Textverständlichkeit verloren - sehr zum Nachteil mancher doppeldeutiger Frivolitäten in den Liedern, die für diese Vorkriegszeit so typisch waren. Dass sie in den starken Händen "happy enden" möchte, kam so im Gesang nicht sehr zur Geltung. Was ihr an stimmlicher Stärke gefehlt hat, machte Weiß mit schauspielerischem Können wett. Rene Rumpold als Kapitän Stone zeigte ebenso, dass er zwar diesen in strahlend weißer Marienuniform sehr gut auf der Bühne darstellen konnte, beim Gesang gibt es bezüglich Strahlkraft aber Punkteabzug. Nach seinem Solo-Stück "Wo es Mädels gibt, Kameraden" erntete er daher auch nur höflichen Anerkennungsapplaus des Publikums.

Als Pointenfeuerwerk im Stück tritt der gutherzige aber etwas trottelige John Buffy auf, der von Ramesh Nair so glaubhaft und überzeugend verkörpert wurde, dass er für viele herzhafte Lacher sorgte. Nair zeigte bei der Produktion nicht nur sein Talent als Darsteller - sämtliche Stepp- und Tanznummern wurden von ihm entworfen. Dabei verlangte er sowohl den Hauptdarstellern und dem Ensemble einiges ab. Wobei sich gerade hier die völlige Synchronität in der Bewegung aller Beteiligten als Tanzdarbietung auf höchstem Niveau entpuppte.

Neben all dem Klamauk schaffte Enzinger auch zwei sehr berührende Momente: Einerseits als Paul Abraham mit Jim Boy den "Niggersong" anstimmt. Schön gelöst ist übrigens das anrüchige "Black Face"-Problem der Aufführung - Abraham lässt seinen Jim nur die Mundpartie und die Augenbrauen mit schwarzer Farbe nachziehen. Im Zusammenhang mit Jim Boy wird quasi auf der Metaebene wieder die Biografie des Komponisten beleuchtet. Er, der als Jude plötzlich zum Außenseiter wurde und fliehen musste. Eindringlich still wurde es, als er sein Resümee sog: Das Flüchten aus der Heimat, dem Vertrauten sei schon schlimm. "Aber demütigend ist das Niemals-Ankommen." Ein Brückenschlag zur Gegenwart drängt sich unweigerlich auf. Am Schluss der Vorführung ein zweiter Moment, der für feuchte Augen sorgt: Der jüdische Komponist wird vor den Vorhang geholt. Sprichwörtlich. Der seidig durchsichtig schimmernde Vorhang fällt, der Lehar-Chor dahinter stimmt seine Operetten-Evergreens ein letztes Mal an und auf einer Leinwand, die vor dem Vorhang runterfährt, werden Original-Fotos des Künstlers zeigt. Ungeschönt auch aus seinen letzten Jahren: gestützt von zwei Männern mit leerem Blick in das Foto-Objektiv. Das Publikum dankte mit minutenlang anhaltendem Applaus,

(S E R V I C E - Die Blume von Hawaii, Operette von Paul Abraham. Musikalische Leitung: Marius Burkert, Inszenierung: Thomas Enzinger, Ausstattung Toto, Choreografie: Ramesh Nair, John Buffy: Ramesh Nair, Raka: Susanne Hirschler, Prinzessin Laya: Sieglinde Feldhofer, Prinz Lilo-Taro: Clemens Kerschbaumer, Reginald Harold Stone: Rene Rumpold, Jim Boy: Gaines Hall, Bessi Worthington: Nina Weiß, Paul Abraham: Mark Weigel, Kongress & Theaterhaus Bad Ischl, weitere Aufführungen bis 1. September. Infos und Karten unter www.leharfestival.at/programm/die-blume-von-hawaii)

Quelle: APA

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