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Die Finnin fängt Stimmungen ein, am liebsten die düsteren

Im Kunsthaus Wien zeigt Elina Brotherus eine eigenwillige Ausstellung, die sich vorwiegend um sie selbst dreht.

Caspar David Friedrich? Nein, Elina Brotherus schaut wie „Der Wanderer“ auf die Welt. SN/kunsthaus
Caspar David Friedrich? Nein, Elina Brotherus schaut wie „Der Wanderer“ auf die Welt.

Das Phänomen kennt jeder aus engen Badezimmern: Frisch aus der Dusche steigend, ist der Spiegel ob des Wasserdampfs blind geworden. Erst nach und nach wird der Blick auf das eigene Spiegelbild frei, sofern man sich aus Zeitgründen nicht mit einem Föhn behilft. Nach und nach wird das ganze, nachdenkliche Gesicht von Elina Brotherus sichtbar, auf einem Video und auf einer kleinen Fotoserie.

Die finnische Fotokünstlerin zieht es oft ins Badezimmer - oder andere Gewässer. Das führt dazu, dass man in der Ausstellung viel nackte Haut sieht. Und viel Landschaft, wie sie schon Maler wie Caspar David Friedrich sahen. Landschaft kann sich aber auch vor der Übermacht des Horizonts am unteren Rand der Bilder "zurückziehen". Wenn dann Elina Brotherus auf einem Langzeitvideo nackt, bei jedem Wetter, in einen See steigt und wieder heraus, wird einem geradezu kalt, abgesehen davon, dass die Landschaft trüb-melancholisch und unterkühlt wirkt. Mit Nordlichtern muss man nicht über Temperaturempfinden diskutieren.

In den allermeisten Fällen ist sie Fotografin und Model in einem, da wird sogar das Kabel sichtbar, mit dem Elina Brotherus den Fernauslöser per Fuß betätigt. Das Kunsthaus Wien widmet nun der innerhalb von wenigen Jahren berühmt gewordenen Finnin eine Ausstellung, "It's Not Me, It's a Photograph". Dieses Model zeigt viel von sich, nur darf man nicht erwarten, dass Brotherus einmal lächelt. Dazu sind die Themen und Zyklen allzu oft mit einer tragischen Note versehen. In der Serie "Annonciation", also Mariä Verkündigung, dokumentiert Elina Brotherus ihren Kinderwunsch - der unerfüllt blieb. Neben allerhand Porträts mit hoffnungslosem oder deprimiertem Gesicht oder gar Resignation sieht man auch die Medikamente und Hormontherapien, die dennoch nutzlos blieben. In einem Zyklus mit dem Schubert zitierenden Titel "Das Mädchen sprach von Liebe" beschäftigte sie sich mit ihrer gescheiterten Ehe, da lässt sich allerhand an Frust ablesen.

Und dann kommt Marcello ins Spiel - und ins Bild. Ein süßer Dackel, im "Doppelporträt" zeigt Brotherus den Stinkefinger, sie hat wohl das Schicksal der Mutterlosigkeit akzeptiert ("My dog is cuter than your ugly baby").

Übrigens scheinen sich nach der Anschaffung des Dackels auch künstlerisch neue Stimmungen zu ergeben, sollten die Bilder in chronologischer Folge hängen. Nicht, dass aus der düster wirkenden Elina Brotherus nun ein Spaßvogel geworden wäre, aber die Fotoserien in Reminiszenz zur Fluxus-Bewegung, oft gemeinsam mit der Tänzerin und Choreografin Vera Nevanlinna als Mitwirkender, wirken spielerisch in Aneignung und Nachstellung der auch schon wieder "altmodischen" Kunstrichtung. Witz haben die Fotos, in denen Elina Brotherus gemeinsam mit dem "Erfinder" Erwin Wurm dessen "One Minute Sculptures" auf eine neue Ebene hebt. Für das Kunsthaus Wien wurden extra neue Arbeiten gemacht, die auch Friedensreich Hundertwasser, den "Hausherrn", ins Gedächtnis rufen, wie mit der Nachstellung einer Baum-Action des grünen Meisters 1973 in Mailand - nur verpflanzt nach Wien. Auch Valie Export hat Brotherus beeindruckt.

Ausstellung:Elina Brotherus. "It's Not Me. It's a Photograph". Kunsthaus Wien; bis 19. August.

Quelle: SN

Aufgerufen am 19.09.2018 um 03:17 auf https://www.sn.at/kultur/allgemein/die-finnin-faengt-stimmungen-ein-am-liebsten-die-duesteren-25347433

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