Kultur

Festival mit Stimmkünstlerin Namtchylak in St. Petersburg

Bis zum Mittwoch dauert ein musikalisch-künstlerisches Minifestival in St. Petersburg, bei dem sich alles um die aus dem Südosten Sibiriens stammende und seit fast 30 Jahren in Österreich lebende Sängerin Sainkho Namtchylak dreht. Auftritte an fünf Tagen sollen eine Schallplatte ankündigen, auf der Namtchylak mit renommierten Vertretern der elektronischen Musikszene Russlands zu hören sein wird.

Ein Konzert mit dem legendären Moskauer Jazzsaxophonisten Sergej Letow sowie dem namhaften Elektronik-Musiker Aleksej Borissow im Petersburger Klub Fischfabrik war am Samstagabend einer der Höhepunkte dieses Minifestivals mit der österreichischen Staatsbürgerin. Zu verrauschten Beats von Borisow sowie Improvisationen von Letow interpretierte Namtchylak eigene Texte. Sie produzierte mit ihrer äußerst umfangreichen Stimme gleichzeitig aber auch experimentelle Klänge und sorgte für Begeisterung bei etwa 100 Zuhörern, die ein Namtchylak-Konzert der ersten Halbzeit des Fußballspiels Russland-Kroatien vorgezogen hatten.

Die in ihrem exzentrischen Auftritt durchaus an die Isländerin Björk erinnernde Sängerin unterstrich am Samstag nicht nur musikalisch, sondern auch mit Gestik und Mimik ihre östlichen Wurzeln. Ihre musikalische Karriere hatte Namtchylak in den letzten Jahren der Sowjetunion mit Volksmusik ihrer weltweit für Kehlkopfgesang bekannten Heimat begonnen, der kleinen russischen Republik Tuwa an der Grenze zur Mongolei. Nach der Übersiedlung nach Österreich Anfang der 1990er-Jahre hatte die Künstlerin, die zudem auf Englisch, Russisch und in der Turksprache Tuwinisch dichtet und schreibt, ihr Repertoire aber insbesondere in Richtung experimenteller Spielarten des Jazz erweitert.

Bereits am Freitag war in der Petersburger Galerie Borej, einer der wichtigsten Adressen für die alternative Kunstszene der Stadt, eine Ausstellung Namtchylaks eröffnet worden. Die Sängerin, die sich zuletzt insbesondere auch mit chinesischer Kultur beschäftigte, hat einerseits bekannte Sujets der zeitgenössischen Kunst Chinas um Krokodile und Haifische ergänzt. Anderseits zeigt sie in Petersburg Zeichnungen, die Anklänge an die Aktionsmalerei des abstrakten Expressionismus erkennen lassen. Derartige Bilder fertigt sie insbesondere auch während Performances an - bereits am Freitag improvisierte sie zur Musik von Borissow sowohl mit ihrer Stimme als auch auf chinesischen Papier mit Ölkreidezeichnungen.

"Ich habe bemerkt, dass ich bei ehrlichen Improvisationen begonnen habe, mich selbst zu wiederholen. Um Neues zu machen, muss man Zen-buddhistisch vorgehen - auch für sich selbst etwas Unerwartetes machen", erklärte Namtchylak am Freitag gegenüber der APA. Während bei Konzerten in Klubs trotz eines radikalen Klangs letztendlich doch Kompositionen mit Elementen von Improvisation aufgeführt würden, sehe sie Galerien als jenen Ort, wo man eine Lebendigkeit erhalten könne, erläuterte die 61-Jährige. In unterschiedlichen Formaten tritt die Österreicherin noch bis Mittwoch jeden Nachmittag in der Galerie Borej auf. Abgesehen von Soloperformances steht für Montag etwa ein kleines Konzert mit Wjatscheslaw Gajworonski, dem wohl bedeutendsten Jazztrompeter Russlands, am Programm.

Anlass für das Minifestival ist eine Vinylplatte der Sängerin, die der auf elektronische Musik spezialisierte Produzent Oleg Jurtschenko im Herbst in St. Petersburg herausgeben möchte und die es teilweise noch mittels Crowdfunding zu finanzieren gilt. Namtschylaks Stimme soll dabei gemeinsam mit elektronischer Musik aus Russland erklingen. Dass eine derartige Kombination musikalisch gut funktioniert, bewiesen dieser Tage die gemeinsamen Auftritte der Sängerin mit dem "Elektroniker" Borissow. Aber auch konzeptuell ergänzen sich archaische Stimmen und hyper-zeitgenössische Sounds vorzüglich: Der von Namtchylak praktizierte Kehlkopfgesang wird unter anderem als freier Ausdruck von Emotionen interpretiert, die vor der Entstehung der Sprachen üblich gewesen sein soll. Andererseits kehrt aber auch elektronische Musik zu bisweilen archaisch anmutenden Klängen zurück, die zuvor angesichts des Vergessens solcher Gesangstechniken lange Zeit im aufgeklärten Westen nicht mehr produziert werden konnten.

Quelle: APA

Aufgerufen am 18.11.2018 um 03:50 auf https://www.sn.at/kultur/allgemein/festival-mit-stimmkuenstlerin-namtchylak-in-st-petersburg-31427338

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