Kultur

Helden des Widerstands: "Edelweiß" von Günter Wels

Drei österreichische Soldaten springen im Frühjahr 1945 als Fallschirmagenten des US-Nachrichtendienstes OSS über deutschem Gebiet bei Salzburg ab, um Informationen über die angeblich geplante Alpenfestung zu sammeln. Die Geschichte, die Günter Wels in seinem Roman "Edelweiß" erzählt, ist eng an historischen Fakten orientiert. Am Dienstag wird das Buch im Wiener Kreisky Forum präsentiert.

Günter Wels ist das literarische Pseudonym des Kulturjournalisten Günter Kaindlstorfer, der seinem 2010 veröffentlichten literarischen Debüt, dem Erzählband "Maitage", nun seinen ersten Roman folgen lässt. Die titelgebenden Maitage bezeichneten das Kriegsende im Mai 1945, das er in einer der Erzählungen schilderte. Bis im neuen Buch seine Hauptfigur Friedrich Mahr, Deckname Edelweiß, am 5. Mai 1945 die Befreiung der Stadt Salzburg durch amerikanische Truppen erlebt, passiert außerordentlich viel. Und nicht nur die packende Schilderung des erlösenden Endes des "1.000-jährigen Reiches" gelingt dem Autor plastisch und detailreich. Kaindlstorfer hat lange an seinem Roman gearbeitet, sich in regionalen Archiven vergraben, mit Zeitzeugen und Historikern gesprochen und akribisch den Alltag der Menschen zwischen größten Entbehrungen, Bombenhagel, Tieffliegerangriffen und Angst vor den letzten Säuberungen durch SS-Streifen und Feldgendarmen beschrieben.

Mission und Schicksal Friedrich Mahrs sind keine Erfindung. "Die Handlung dieses Romans beruht auf historischen Fakten", schreibt der Autor in einer Nachbemerkung, die auch seitenweise herangezogene Quellen auflistet. Dem Buch "Subversion deutscher Herrschaft" von Peter Pirker habe er die Geschichte von Josef Hemetsberger und Hans Prager entnommen, die für den britischen Geheimdienst SOE am 17. Februar in der Steiermark abgesprungen sind und Vorbilder für die Figuren von Mahr und seinem Kollegen Willi wurden. Beide wurden gefasst, überlebten jedoch Gestapo-Folter und KZ-Aufenthalt. Rund 150 österreichische Widerstandskämpfer hätten sich den Alliierten als Funk- oder Fallschirmagenten zur Verfügung gestellt, schätzt Pirker. An diese tapferen Männer und Frauen zu erinnern, ist das vordringliche Anliegen des Romans.

Kaindlstorfer erzählt bei aller bewussten Einfachheit der Sprache keineswegs konventionell linear, sondern entwickelt seine Geschichte auf zwei Ebenen und beginnt mit einem Prolog, der seine Auflösung erst am Ende erfahren wird. Denn im dreiköpfigen Einsatzkommando befand sich ein unerschütterlicher Nationalsozialist, der nur zum Schein überlief und seine Kameraden sofort nach dem Absprung bei den deutschen Behörden anzeigte. Nach dem Krieg gelingt es Mahr und Willi, den Untergetauchten ausfindig zu machen. Sie nehmen die Abrechnung selbst in die Hand - etwas was Mahr später sein Leben lang belasten wird. Seine Aufzeichnungen wird seine Tochter Christine im Jahr 2011 finden, als ihr Vater im Alter von 86 Jahren nach einem Sturz ins Krankenhaus eingeliefert wird. Mit ihr schlägt Kaindlstorfer die Brücke in die Gegenwart.

Wie wenig eine durchgehend in Frieden und Freiheit aufgewachsene Generation die Umstände des einstigen Kampfes gegen eine mörderische Diktatur heute adäquat beurteilen kann, ist eines der zentralen Themen von "Edelweiß", das in eine erregte Auseinandersetzung mündet, die Christine nach dem Tod ihres Vaters mit seinem einstigen Kameraden führt. Man hätte den Verräter der Justiz übergeben müssen, fordert sie und erregt den alten Mann mit ihrem "besserwisserischen Ton": "Ich kann dir sagen, was passiert wäre, wenn wir das getan hätten, Christine: Wir, dein Vater und ich, wären in Wirklichkeit vor Gericht gestanden. Wir hätten uns rechtfertigen müssen als Vaterlandsverräter und Kameradenschweine, nicht er." Wer die Rechtsprechung der österreichischen Nachkriegsjustiz kennt, weiß, dass diese Einschätzung nicht unrealistisch ist.

Quelle: APA

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