Kultur

Holzingers "Apollon": Spiel mir das Lied vom Kot

Es ist einer jener Theaterabende, bei denen man bereits nach den ersten Minuten drei Kreuze macht, dass man keinen Platz in den vorderen Reihen hat. Wenn Florentina Holzinger als Impresaria des Abends auf die Bühne tritt und sich einen Nagel ins Nasenloch klopft. Oder wenn Evelyn Frantti sich einen Ballon aus der Scheide zieht und ins Publikum wirft. Dabei ist das erst der Anfang von "Apollon".

Die erste Zuschauerin geht bereits nach sechs Minuten. So entgeht ihr ein Abend, bei dem die in den Niederlanden sozialisierte Wiener Choreografin Holzinger sich mit George Balanchines Ballettklassiker "Apollon Musagete" aus 1928 auseinandersetzt.

Das auf einer Strawinski-Partitur beruhende Ballett dient dabei nicht als Folie, sondern allenfalls als Bezugspunkt der Abgrenzung. Bei Holzinger steht nicht Apollon im Zentrum, sondern seine Musen - die keine sind.

Jedenfalls nicht im Sinne einer auf den Mann bezogenen Inspirationsquelle. Holzingers Performerinnen sind selbstbestimmt und besiegen den Gott, der als Derivat in Form eines Rodeoroboters den Bühnenhintergrund dominiert.

"Apollon" ist das Werk einer Selbstermächtigung.

Nach der Erstaufführung beim steirischen Herbst im Vorjahr, gastierte die Arbeit am Donnerstag im Rahmen des ImPulsTanz im Volkstheater. Schließlich ist Holzinger mit ihrem Markenzeichen der extremen Performance durchgängig seit 2012 beim ImPulsTanz vertreten, wobei "Apollon" vom bisher eingeschlagenen Weg abweicht.

So ist die Arbeit in einem eigenartigen Zwischenland angesiedelt, das zwischen Happening, was die reale Durchführung von Handlungen impliziert, und dem dezidierten Bühnenfake changiert - zwei an und für sich orthodox voneinander geschiedene theatrale Arbeitsweisen.

Trash, Fake, ein Zitatereigen von Bond bis "Spiel mir das Lied vom Tod", ernstes Ritual und kontemplative Momente lässt Holzinger nahtlos zusammenfließen, was nicht zuletzt durch das hervorragende Sounddesign von Stephan Schneider unterstützt wird.

"Echtes Blut, echter Schweiß, echte Tränen - echte Unterhaltung", verspricht zum Auftakt Evelyn Frantti, Freakshow-Expertin - um dieses Diktum sogleich Lügen zu strafen.

Ein gigantischer Luftballon verschwindet in der Luftröhre der Performerin - um dann am anderen Ende vermeintlich wieder herausgezogen und anschließend ins Publikum geworfen zu werden. Die langen Nadeln, die sich die Körperkünstlerin in die Arme oder die Stirn treibt, bis das Blut in Strömen rinnt, sind hingegen echt. Auch führt sich Frantti einen Strohhalm durch Nase und Mund und lässt daraus einen Gast Gintonic trinken.

Man ist bei jedem Requisit, das auf der Bühne auftaucht, zunehmend beunruhigt, in welcher Körperöffnung es verschwinden oder wo es angetackert werden könnte. Zugleich bricht Holzinger ihr Konzept immer wieder mit Humor, wenn Frantti mit brennenden Kerzen, die sie sich durch die Arme getrieben hat, in einem durchaus ästhetischen Bild im Monroe-Zitat ein "Happy Birthday" singt, während im Hintergrund "I'm on Fire" läuft. Oder wenn die einstige Jan-Fabre-Performerin Renee Copraij mit Darth-Vader-Maske zwei Performerinnen erklärt: "Ich bin eure Mutter".

Und nicht zuletzt wäre da Xana Novais' dann schon wieder durchaus beeindruckende Leistung, auf die Minute passend zunächst in ein Glas zu pinkeln und dann in das nächste zu kacken.

Wenn dann am Ende des Abends der (vermeintliche) Glasbehälter mit dem kurz zuvor frischproduzierten Kot wieder auf die Bühne gebracht und Löffel an die Performerinnen verteilt werden, schwant einem Böses. Und das zu Recht.

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Aufgerufen am 05.12.2021 um 05:47 auf https://www.sn.at/kultur/allgemein/holzingers-apollon-spiel-mir-das-lied-vom-kot-37216930

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