Kultur

Junge Wiener Szene als Herz der Messe viennacontemporary

Aus der Vogelperspektive sieht das Innere der Marx-Halle wohl aus wie ein Setzkasten: Kubus für Kubus - 118 an der Zahl - mit Kunst im Kaufformat, aus verschiedensten Materialien, mit eiligen Galeristen und kauffreudigen Sammlern. Die Kunstmesse viennacontemporary ist von Donnerstag bis Sonntag (30.9.) geöffnet. Bei ihrer vierten Ausgabe ist der Aufstieg der jungen Wiener Szene unübersehbar.

"Marx Halle" neue Heimat für viennacontemporary (früher: Viennafair).  SN/APA/GEORG HOCHMUTH
"Marx Halle" neue Heimat für viennacontemporary (früher: Viennafair).

Ihren Schwerpunkt auf Osteuropa hat die Messe über die Jahre behalten und ausgebaut. "Wir arbeiten uns immer tiefer durch die Regionen, in denen wir tätig sind, und finden neue Partner", berichtete die künstlerische Leiterin Christina Steinbrecher-Pfandt heute, Mittwoch, bei der Auftaktpressekonferenz zu ihrer letzten Ausgabe - und kam bei Dank- und Abschiedsworten nicht ohne Tränen davon. Ihre Nachfolge soll bis Jahresende bekanntgegeben werden, so Vorstandsvorsitzender Dmitry Aksenov. In ihrem letzten Jahr präsentiert Steinbrecher das Fokusland Armenien, mit den "Explorations" eine von Nadim Samman unterstützte kuratierte Galeriensektion und in der Zone 1 erneut Solopräsentationen von jungen österreichischen Künstlern.

In dieser vierten Ausgabe sei der Aufstieg der jungen Wiener Szene unübersehbar, so Steinbrecher. Und tatsächlich schlägt das Herz der Messe nicht nur in der kraftvollen Präsenz heimischer Nachwuchskünstler, sondern auch in der Tatsache, dass zahlreiche junge Wiener Galerien teilnehmen, die erst in den vergangenen zwei bis drei Jahren aufgemacht haben. Erstmals dabei ist etwa Sophie Tappeiner, die mit Skulpturen von Angelika Loderer und Gemälden von Anna Schachinger ein ebenso starkes wie junges heimisches Statement abgibt. Schon das dritte Jahr macht Lisa Kandlhofer mit: bei ihrer ersten Teilnahme vor zwei Jahren bereits für den besten heimischen Stand ausgezeichnet, darf sich die Junggaleristin heuer wieder über einen Preis freuen: "Ihre" Künstlerin Nana Mandl erhielt den Bildrecht Solo Award.

Der Mix aus etablierten und jungen Galerien wirkt heuer ausnehmend organisch. Neue alte Meister wie Hermann Nitsch - Klaus und Elisabeth Thoman bieten beispielsweise die handgekritzelte "Partitur" des Orgien-Mysterien-Theaters 2005 im Burgtheater feil - oder Herbert Brandl (bei Rosemarie Schwarzwälder) sind vorhanden, aber nicht dominant, internationale Big Names - Thaddaeus Ropac bietet etwa Tony Cragg oder Georg Baselitz, Ursula Krinzinger hat neben einem Martin-Walde-Kabinett eine Video-Reihe mit Arbeiten von Marina Abramovic, Hans Op de Beeck oder Kader Attia im Angebot - sorgen für den wohltuenden hochkarätigen Rahmen, sind aber nicht die USP dieser Messe.

Dies sind neben dem üppigen heimischen Angebot vor allem die mehr als dreißig Teilnehmer aus Osteuropa, von denen sich viele über die Jahre eine Stammklientel bei der Wiener Messe erworben haben. Ungebrochen stark ist etwa die ungarische Präsenz mit zehn Galerien, fünf kommen aus Rumänien, vier aus Polen, drei aus Litauen. Unter den westeuropäischen Ländern ist neben Deutschland (14 Aussteller) vor allem Belgien mit fünf Galerien stark vertreten. Unter ihnen ist etwa Nadja Vilenne aus Liege, die mit einer Installation aus Dutzenden lebensgroßen Keramik-Köpfen von Maen Florin auch für einen Hingucker sorgt.

Aufsehenerregende Objekte halten sich in Summe zumindest in puncto Größe im Zaum, auffallend ist aber der Materialmix, bei dem - unter weitgehendem Verzicht auf Digitales - wenig ausgelassen wird. Neben Keramik (auch mit Polly Apfelbaum nächst St. Stephan), besprayte Acrylplatten (etwa Julio Ronda bei Andreas Binder München), Möbel (etwa bei Krobath), Metallplatten (Rudolf Polanszky bei Konzett) oder dicke Textilien (mittels derer etwa Claudia Märzendorfer einen gewaltigen Motor nachgebaut hat).

In der Marx-Halle fühlt sich die Messe im vierten Jahr jedenfalls gut angekommen - und wird bleiben. "Bis 2027 sind die Daten jeweils in der zweiten Septemberhälfte fixiert", berichtete Geschäftsführer Renger van den Heuvel heute. Diese Langzeitplanung erleichtere nicht nur die Kooperationen vor Ort, etwa mit den zahlreichen Rundum-Events zwischen MQ Night und curated_by, sondern auch die internationale Zusammenarbeit. Einen Faux-pas wie den diesjährigen, dass die Messe gleichzeitig mit der Art Berlin stattfindet, könne man so für die Zukunft ausschließen. Im Vorjahr hatte die viennacontemporary 29.767 Besucher gezählt.

(S E R V I C E - Kunstmesse viennacontemporary, von 27. bis 30. September in der Marx Halle, Karl-Farkas-Gasse 19, 1030 Wien; weitere Infos unter www.viennacontemporary.at)

Quelle: APA

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