Kultur

"König Lear" voll düsterer Symbolik in Klagenfurt

Mit einem weiblichen Narren in Zwangsjacke und einer zerbrechenden Festtafel als schräge Bühne zeichnen Regisseurin Stephanie Mohr und ihre Bühnenbildnerin Miriam Busch das starke Psychogramm eines an der Welt verzweifelnden Königs Lear. Die mehr als drei Stunden lange, freundlich beklatschte Premiere Donnerstagabend forderte vom Publikum hohe Konzentration und Sinn für verrätselte Symbolik.

Stephanie Mohr inszeniert das Shakespeare-Stück SN/APA/HERBERT NEUBAUER
Stephanie Mohr inszeniert das Shakespeare-Stück

Alles geht zu Bruch rund um und in dem alternden König, der sich von seinen Geschäften zurückziehen und das Erbe an seine Töchter übergeben will. Dass er zuvor eine Bekundung ihrer Liebe einfordert, wird zum Auslöser von Verschwörung, Verrat und Mord. Cordelia, die Lieblingstochter, weigert sich, bei den Schmeicheleien ihrer Schwestern Goneril und Regan mitzumachen, woraufhin sie vom enttäuschten und jähzornigen Vater verstoßen wird und die Abwärtsspirale beginnt. Am Ende sind fast alle tot. Was mit dem harmlos scheinenden Märchenmotiv von den zwei bösen Schwestern und der einen guten beginnt und mit dem vom Narren gesungenen, grausamen Kinderlied "Ein Hund kam in die Küche" heranziehendes Unheil ahnen lässt, wird zum Stakkato aus Niedertracht, Machtrausch und Verblendung.

Blind stirbt Graf Gloucester (stark: der 75-jährige Heiner Stadelmann), der treue Gefolgsmann König Lears. Desillusioniert hält der sterbende Lear am Ende seine tote Lieblingstochter in den Armen (Raphaela Möst als aufrechte Cordelia). Roman Kaminski ist der zu Beginn vor Vitalität strotzende, am Ende gebrochen in den Wahnsinn getriebene alte König. Überdimensionale Augen finden sich am Bühnenboden, der Akt für Akt auseinanderdriftet, ebenso wie auf der stückweise aufgezogenen, raumhohen Leinwand, die von Ruth Brauer-Kvam mit den Händen bemalt wird. Sie ist eine der stärksten Figuren des Stückes: Zu Beginn der irrlichternde Narr in offener Zwangsjacke und Narrenkappe, der als einziger die Wahrheit ausspricht, kommentiert, mahnt. Im letzten Akt ist sie die gespenstische, stumm in ihre comicartige Art-brut-Malerei versunkene Chronistin des tiefen (Zer-)Falls der Welt.

Alle menschliche Bindungen zerreißen, sowohl in der Familie Lears als auch in der des zweiten Vaters des Dramas, Graf Gloucesters. Hier stehen einander der legitime Sohn Edgar (liebend und listig: Sami Loris) und der Bastard Edmund (Dennis Cubic als etwas zu braver Bösewicht) gegenüber. Mit ihm haben gleich beide ehrgeizigen Lear-Töchter, Goneril (kalt und streng: Isabel Schosnig) und Regan (Valerie Koch im Machtrausch) ein erotisches Verhältnis. Doch von Liebe war nur am Anfang des vielschichtigen Stückes die Rede, als Lear Liebesbeweise von seinen Töchtern forderte.

Schwarz und resignativ ist der Grundcharakter dieses komplexen Stückes von William Shakespeare, das 1606 in England uraufgeführt wurde. Die Klagenfurter Inszenierung setzt mit zugespieltem Elektronik-Sound (Stefan Lasko) und vielsagenden Details (Kopf-Verhüllung wie bei einem IS-Kämpfer, Gummi-Schutzkleidung wie im Schlachthaus) die monologischen Reflexionen ins Bild und fordert das Publikum zum genauen Hinschauen und Nachdenken auf. Interpretationshilfen bietet sie bewusst nicht. Und das ist gut so.

Quelle: APA

Aufgerufen am 14.11.2018 um 06:36 auf https://www.sn.at/kultur/allgemein/koenig-lear-voll-duesterer-symbolik-in-klagenfurt-41254357

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