Kultur

Opern-Debüt: Karl Markovics und das "komplexe Klangszenario"

Es ist nicht Teil der mit viel Aufmerksamkeit bedachten Auftakt-Tage der Bregenzer Festspiele und doch ein Prestigeprojekt der diesjährigen Festspiel-Ausgabe: Am 15. August kommt Thomas Larchers Auftragswerk "Das Jagdgewehr" zur Uraufführung. Karl Markovics unterbricht dafür die Arbeit an seinem dritten Film, "Nobadi", und gibt sein Debüt als Opernregisseur.

Karl Markovics gibt in Bregenz sein Debüt als Opernregisseur SN/APA/HELMUT FOHRINGER
Karl Markovics gibt in Bregenz sein Debüt als Opernregisseur

APA: Herr Markovics, wie groß ist das Wagnis für einen in so vielen Genres beheimateten Künstler, eine Opernregie zu übernehmen?

Karl Markovics: Wagnis ist relativ, denn ich habe mein ganzes berufliches Leben als ein Abenteuer mit unbekanntem Ausgang gesehen. Für mich ist das Risiko überhaupt eine Triebfeder in meinem ganzen Schaffen. Insofern ist es fast logisch, dass ich früher oder später ein bis dato unbekanntes Feld wie die Oper zu bearbeiten versuche.

APA: Musik hat Sie beruflich immer wieder beschäftigt. Wie kamen Sie mit dem Komponisten Thomas Larcher in Kontakt?

Markovics: Er hat mich irgendwann einmal angemailt, nachdem er meinen ersten Film gesehen hat und gemeint, er fände es spannend, wenn wir einmal etwas gemeinsam unternehmen könnten. Dass daraus mal eine Oper wird, hätte ich mir damals nicht träumen lassen. Aber auf der anderen Seite: Warum soll man immer klein anfangen?

APA: Sind Sie Opernbesucher, und wie geht es Ihnen mit der an der Wiener Staatsoper gepflegten Operntradition?

Markovics: Ich habe in Wien oft meine Probleme. Ich war schon oft enttäuscht von Repertoirevorstellungen, bei denen man wirklich wissen muss, dass da unten Mitglieder der Wiener Philharmoniker sitzen und oben Weltstars singen, weil da wurde nur runtergenudelt. Umgekehrt erlebt man natürlich auch immer wieder Sternstunden, aber ich finde es nicht in Ordnung, wenn diese auf Premieren und Festivals beschränkt sind. Ich finde es eine verdammte Pflicht, dass ein Künstler, der das Glück eines Engagements an einem der sogenannten ersten Opernhäuser der Welt hat, sein Können an jedem einzelnen Abend zeigt.

APA: Thomas Larcher hat sich als Grundlage eine Briefnovelle eines japanischen Autors ausgesucht. Das Thema ist eines, das sich durch die ganze Menschheit zieht: Eifersucht, Seitensprung, Dreiecksbeziehung. Wie lässt die Art der literarischen Beschreibung diese allgemeinen Erfahrung uns zunächst einmal so fremd erscheinen?

Markovics: Ich würde gar nicht mal sagen, dass es so fremd ist. Es ist eher ungewohnt oder überraschend. Wir würden eine Geschichte so nicht erzählen: Ein Autor veröffentlicht ein Gedicht in einer Jagdzeitschrift, ein Gedicht über einen Mann, den er tatsächlich bei einem Spaziergang beobachtet hat, wenn auch nur von hinten, wie er mit einer Flinte und zwei Hunden durch einen winterlichen Wald marschiert ist. Ein paar Monate später bekommt er den Brief eines Mannes, der sich in diesem Gedicht wiederzuerkennen glaubt. Er liefert ihm auch gleich drei weitere Briefe mit, nämlich einen Brief seiner Ehefrau, einen Brief seiner ehemaligen, mittlerweile verstorbenen Geliebten und den Brief der Tochter dieser Geliebten. So erschließt sich erst nach und nach diese Tragödie, diese Geschichte von gescheiterten Sehnsüchten, von der Unmöglichkeit, absolut glücklich zu sein. Es sind Themen, mit denen sich Literatur immer beschäftigt, aber die Perspektiven spalten sich in dieser kleinen Novelle kaleidoskopartig auf. Das macht diese Geschichte so aufregend.

APA: Wie kann man die Musik, die Thomas Larcher dazu eingefallen ist, beschreiben?

Markovics: Extrem vielschichtig, extrem komplex. Er verwendet zum Beispiel einen siebenstimmigen Chor, der zusammen mit den fünf Sängern der Protagonisten die zwölf Töne unseres gängigen Tonumfangs repräsentiert. Der Chor wird aber auch immer wieder als Instrumentarium eingesetzt - mit Klangstöcken, mit Ratschen, mit allen möglichen Dingen, die ein sehr komplexes Klangszenario aufbauen, mit dem versucht wird, dieser vielschichtigen Seelenlandschaft eine tonale Gestalt zu geben. Als Regisseur muss ich im Gegensatz dazu eine sehr einfache, sehr klare, sehr ablesbare Bewegungs- oder Raumstruktur für die Sänger ermöglichen. Damit man nicht überfordert und erschlagen wird, versuche ich, eine gewisse Ruhe, ja fast etwas Zeremonielles dazuzugeben.

APA: Wollen Sie damit bewusst Assoziationen zu der japanischen Kultur wecken?

Markovics: Ich würde nicht so weit gehen, dass ich diese Assoziationen bewusst wecken will. Wenn Sie sich auf die eine oder andere Art einstellen, ist es aber mit Sicherheit nicht falsch. Auch als Filmregisseur oder als Schauspieler ist es ja viel interessanter, wenn man etwas in den Raum stellt und dann Antworten von Leuten bekommt auf Fragen, die man überhaupt nicht gestellt hat. Dann ist man überrascht, was ein Mensch in einer Arbeit alles sehen kann. Erst dann wird ein Werk spannend: Wenn es größer ist als derjenige, der es erschaffen hat.

APA: Wie konkret sehen sich bereits vor sich, was den Zuschauer am 15. August erwarten wird?

Markovics: Ich habe tatsächlich kein einziges Bild in meinem Kopf. Ich weiß, wie ich den Raum bespielen möchte mit den Schauspielern. Aber welche Bilder sich daraus ergeben, welche Situationen, wie nahe die Schauspieler zueinander kommen, in welcher Geschwindigkeit und Art - da gibt erstens die Musik sehr viel vor, und zweitens sind auch die ersten Reflexe von Schauspielern sehr wichtig. Wir bringen zum ersten Mal ein Werk in die Welt. Das ist etwas sehr Aufregendes, etwas sehr Kostbares, etwas, vor dem ich sehr große Achtung habe, etwas, das ich nicht mit einem kleinen, individuellen Egoismus zerstören will.

APA: Ist Ihr Film "Nobadi" abgeschlossen?

Markovics: Nein, ich bin eigentlich mitten drinnen. Er ist abgedreht, und ich bin gerade im Rohschnittprozess. Ich habe meinen Schnittplan in zwei Teile gelegt, das heißt, ich habe einen Rohschnitt, bevor ich in die Proben gehe, und ich werde die zweite Schneidephase im September beginnen und dann vermutliche Ende September mit dem Schnitt fertig sein.

APA: "Nobadi" wird nach "Atmen" und "Superwelt" Ihr dritter Film sein. Gibt es etwas, das Sie als Filmregisseur mit dieser dritten Arbeit weitergebracht hat?

Markovics: Ich merke, dass ich jetzt ab meinem dritten Film beginne, eine Art von Erfahrung zu haben, auf die ich zurückgreifen kann, und die mir eine viel größere Ruhe bringt. Ich bin im Schneideraum viel weniger ungeduldig, viel weniger nervös über Dinge, die ich möglicherweise nicht gedreht habe. Warum soll ich über etwas verzweifeln, das nicht da ist? Es ist ja viel spannender, mit dem, was da ist, eine Geschichte so zusammenzustellen, dass sie erzähl- und erlebbar wird. Dieses gewisse Grundvertrauen, das ich nun in meine eigenen Möglichkeiten habe, ist sicher ein großer Unterschied zu den ersten beiden Arbeiten.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

ZUR PERSON - Die Aufnahmeprüfung am Max-Reinhardt-Seminar hatte Karl Markovics (54) nicht geschafft - das tat seinem Berufswunsch keinen Abbruch. Markovics heuerte 1982 zunächst beim Serapionstheater an, 1987 wechselte er zum Wiener Ensemble. Vier Jahre später übernahm er in "Hund und Katz" von Michael Sturminger seine erste kleine Kinorolle, viele weitere - etwa in "Indien", "Hinterholz 8", "Wanted" oder "Komm, süßer Tod" - sollten folgen. Als menschenscheuer Bezirksinspektor Stockinger erlangte er in "Kommissar Rex" breite TV-Popularität, in Stefan Ruzowitzkys Oscar-gekröntem Film "Die Fälscher" eroberte er sogar Hollywood. "Atmen", sein Debütfilm als Regisseur, hatte 2011 in der Quinzaine des réalisateurs in Cannes Premiere, sein Zweitling "Superwelt" startete 2015 bei der Berlinale. Wo "Nobadi", ein Film über die "Verletzlichkeit der menschlichen Existenz", seine Weltpremiere feiern wird, steht noch nicht fest. In die österreichischen Kinos kommt der Film 2019.

Quelle: APA

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