Kultur

"Schweigekanzler" und Co - was hinter den Wörtern des Jahres steckt

Wörter des Jahres: Ein "kollektives Unbehagen" habe zur Kür von "Schweigekanzler" geführt, sagt der Grazer Germanist Rudolf Muhr. In der Schweiz traf eine Geste zweier Fußballer den Nerv der Gesellschaft , "Merkel-Nachfolge" und "Vorrundenaus" sind in Deutschland die Favoriten.

Und wieder gibt es in Österreich ein politisches „Wort des Jahres“. SN/apa (hochmuth)
Und wieder gibt es in Österreich ein politisches „Wort des Jahres“.

Das von einer Grazer Jury vorausgewählte und via Internetwahl gekürte "Wort des Jahres" stammt - mittlerweile wenig überraschend - wieder aus dem Bereich der Politik. Die Novität: Das gekürte Wort - "Schweigekanzler" - war bereits im Jahr 2005 auf dem ersten Platz gelandet. Was sich damals auf ÖVP-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, der weiland wochenlang öffentlich nicht präsent war, bezogen hatte, verweist nun auf den aktuellen ÖVP-Kanzler Sebastian Kurz. "Schweigekanzler 2.0" - diesen Begriff prägte der Politologe Peter Filzmaier, er hatte Kurz in einem ORF-Interview attestiert, sich auf den Spuren Wolfgang Schüssels zu profilieren. "Schweigekanzler" wird fallweise von politischen Kommentatoren und mehrfach von Oppositionsparteien verwendet. Ein im Alltag fest verankertes, repräsentatives "Wort des Jahres" für 2018 ist es nicht.

Die schwarzblaue Regierung ist omnipräsent

Die Gesamtergebnisse der Wahl des österreichischen "Wort des Jahres" haben eine eindeutige politische Schlagseite: Worte und Sager der schwarzblauen Regierungskoalition finden sich gleich mehrfach. So ist "Man kann sicher von 150 Euro im Monat leben" -- eine Aussage von Sozialministerin Beate Hartinger-Klein (FPÖ) - der heurige "Unspruch des Jahres". Auch der blaue Regierungskollege Herbert Kickl ist mit einer Formulierung vertreten. Die von ihm vorgebrachte "konzentrierte Unterbringung" von Asylbewerbern schaffte es auf Platz zwei im Unwort-Ranking. Eine Kickl-Idee hat zudem zu zwei Wortschöpfungen geführt, die es in die Top 5 in der Kategorie "Wort des Jahres" gebracht haben: "Ponyzei" und "Gaulreiter". Diese Begriffe thematisieren auf ironische Weise die Anschaffung von Pferden für die Polizei. Die Jury attestiert dem Wortduo "Originalität". Mit "Arbeitszeitflexibilisierung" ist schließlich noch ein Wort vertreten, dass die von der Bundesregierung beschlossene 60-Stunden-Woche umschreibt.

Die Ergebnisse der Wahl stellen die Frage nach der Relevanz der vom Grazer Germanisten Rudolf Muhr seit 1999 durchgeführten Wörterwahl. "#MeToo" beispielsweise, jener Begriff, der für die Aufdeckung des Machtmissbrauchs und sexueller Übergriffe durch Männer in Spitzenpositionen gegenüber Frauen steht, schaffte es im Vorjahr in Österreich nicht einmal unter die ersten Drei - in der Schweiz wurde es hingegen zum Wort des Jahres gewählt, in Deutschland belegte es Platz zwei. Die Erklärung von Muhr: "Das Wort ,#MeToo' ist für beide Geschlechter mit unangenehmen Gefühlen verbunden. Außerdem wird in Österreich lieber geschwiegen als geredet."



"Ein Leerhülsenredner ersten Ranges"

Der Begriff "Schweigekanzler", dieser "terminologischen Wiedergänger" kam im heurigen Jahr bislang in allen österreichischen Zeitungen und in der österreichischen Nachrichtenagentur APA exakt 83 Mal vor. Zum Thema "#MeToo" scheinen hingegen 2631 Meldungen und Berichte auf. Bei der heurigen Wahl zum Wort des Jahres landete "#MeToo" stimmenmäßig weit abgeschlagen auf Platz drei. Hinter "Nichtrauchervolksbegehren". "Wie oft ein Wort in der Praxis verwendet wird, ist nicht ausschlaggebend für die Wahl", erklärt Rudolf Muhr im SN-Gespräch. Sonst würde ja jedes Jahr "und" gewählt werden. Die Fokussierung der insgesamt über 11.000 abgegebenen Stimmen auf "Schweigekanzler" dokumentiere ein "in der Luft liegendes kollektives Unbehagen" in diesem Land. Für ihn, Muhr, sei der ÖVP-Politiker einer, der zwar viel redet, aber oft ohne dabei wirkliche Inhalte von sich zu geben: "Ein Leerhülsenredner ersten Ranges".

Der Germanist betont aber mit Nachdruck, dass das "Wort des Jahres" nicht von der Jury bestimmt, sondern von den Wählerinnen und Wählern. Die Jury greift nur dann ein, wenn es zu einem sehr knappen Abstimmungsergebnis komme. Vorwürfe, die Wahl komme unter dem germanistischen Deckmantel einer parteipolitischen Abrechnung gleich, weist der 68-jährige Wissenschafter zurück: "Ob man das Ergebnis mag oder nicht: Das ist Demokratie", betont der Germanist, der die Wahl 1999 in der Alpenrepublik ins Leben gerufen hat und seither als Juryvorsitzender fungiert und am Modell der Internet-Wahl festhalten will. Diese verfolge das Ziel, ein kritisches Korrektiv zum öffentlichen Sprachgebrauch in Österreich zu schaffen. Die Bevölkerung solle über spezifische Erscheinungen des öffentlichen Sprachgebrauchs sensibilisiert und zum Nachdenken über unakzeptables Sprachverhalten angeregt werden.

Nur fünf Wörter ohne Polit-Hintergrund

Die Politiklastigkeit in der heimischen Wortauswahl ist traditionell. Nur fünf der bisher 20 gekürten Jahreswörter entstammen nicht dem Betriebssystem Politik: "Rettungsgasse" (2012), Euro-Rettungsschirm (2011), "fremdschämen", "Bundestrojaner" (2007) und "Teuro" (2002). Begonnen hat alles mit "Sondierungsgespräche" im Jahr 1999. Bis dahin gab es nur das Deutsche Wort des Jahres, das auch für Österreich als gültig erklärt wurde. "Allerdings waren (und sind) viele der in Deutschland ausgewählten Wörter in Österreich unbekannt oder einfach nicht relevant, da in Österreich andere politische Verhältnisse oder Themen während des jeweiligen Jahres wichtig und bestimmend sind", heißt es in einer Grundsatzerklärung von Rudolf Muhr. "Mit der Wahl des österreichischen Wortes des Jahres ist die Hoffnung verbunden, dass die Diskussion über Sprache in Österreich angeregt wird", sagt der Germanist.

"Doppeladler" ist 2018 das Schweizer "Wort des Jahres"

In der Schweiz, wo seit 2003 ein "Wort des Jahres" gewählt wird, ist die Politik nur ein Nebenthema. In der Liste der ausgewählten Begriffe finden sich etwa "Aldisierung" (Synonym für die Bereitschaft zur Schnäppchenjagd), "Einkaufstourist", "Rauchverbot", "Sterbetourismus", "Shitstorm", "#" oder "Filterblase". Das "Wort des Jahres 2018" in der Schweiz ist "Doppeladler". Dies geht auf die Geste der Schweizer Fußballer Granit Xhakas und Xherdan Shaqiri im Fußballweltmeisterschafts-Spiel gegen Serbien zurück. Die albanischstämmigen Kicker formten bei ihrem Triumph mit ihren Händen den auf der Flagge Albaniens abgebildeten Doppeladler und initiierten damit Diskussionen über Polarisierung und Ausgrenzung, Nationalismus und die Loyalität von Doppelstaatsbürgern. In der Schweiz wird das "Wort des Jahres" von Fachleuten der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften im Dialog mit einer Jury von Sprachprofis ermittelt.

In Deutschland werden die "Wörter des Jahres 2018" am 14. Dezember von der "Gesellschaft für deutsche Sprache" bekannt gegeben. Aus einer Sammlung von mehreren tausend Belegen aus verschiedenen Medien und Einsendungen wählt eine Jury insgesamt zehn Wörter, die die öffentliche Diskussion dominiert und ein Jahr wesentlich geprägt haben. Für die Auswahl der Wörter des Jahres entscheidend sei dabei dabei nicht die Häufigkeit eines Ausdrucks, sondern vielmehr seine Signifikanz und Popularität. Für 2018 werden drei Favoriten genannt: "Merkel-Nachfolge", "Diesel-Nachrüstung" oder doch "Vorrundenaus"?

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Aufgerufen am 13.12.2018 um 02:31 auf https://www.sn.at/kultur/allgemein/schweigekanzler-und-co-was-hinter-den-woertern-des-jahres-steckt-62110870

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