Kultur

Wiener Spritzwein auf Sizilien: "Gasparone" an der Volksoper

Carl Millöckers Operette "Gasparone" schaffte es nie ganz aus dem Schatten des berühmtesten Werks seines Schöpfers, des "Bettelstudenten". Die neue Inszenierung von Oliver Tambosi an der Wiener Volksoper, die am Samstag Premiere feierte, wird dies leider auch nicht ändern. Dazu fehlt die nötige Prise Ernst, auch wenn die Neuproduktion musikalisch und schauspielerisch einige Diamanten birgt.

"Gasparone" in der Wiener Volksoper SN/APA (VOLKSOPER WIEN)/BARBARA PAL
"Gasparone" in der Wiener Volksoper

Geografisch nimmt es Tambosi nicht ganz so genau. Der Schauplatz Trapani, ein verschlafenes sizilianisches Örtchen, liegt dem offensichtlich zur Schau gestellten Dialekt seiner Bewohner nach nicht auf einer Insel im Mittelmeer, sondern im tiefsten Wien. Eine von mehreren Diskrepanzen, die sich durch die Regiearbeit ziehen. Will "Gasparone" eine Revue sein, oder eine liebevolle Hommage an das Genre, das zu Unrecht oft als kleine Schwester der großen Nummernoper degradiert wird? Elemente aus beidem sind zu finden, keines jedoch konsequent durchgezogen.

Doch von Anfang an: Der wilde Räuber Gasparone treibt sein Unwesen in der Gegend, wie man dank Lebenskünstler Luigi (Christian Graf) erfährt, der wie ein Conferencier durch die Operette führt und dabei im besten Sinne an den Frosch aus Johann Strauss' "Fledermaus" erinnert. Das Märchen vom Räuber hat sich Benozzo (Marco di Sapia) allerdings nur ausgedacht, um die Aufmerksamkeit von seinen Schmugglergeschäften abzulenken. Als dann noch ein Fremder (Sebastian Geyer) auftaucht, scheint die Täuschung perfekt. "Woher kommt der Fremde?", singen die Bewohner Trapanis. Seiner Kleidung nach zu urteilen aus einem längst vergangenen Jahrhundert. Der Fremde ist nämlich der einzige, der keine moderne Kleidung trägt, sondern aussieht, wie die Kreuzung aus einem Musketier mit Captain Morgan. Der Rest ist, typisch italienisch, bunt und modisch gekleidet, bis auf Bürgermeister Baboleno Nasoni (Gerhard Ernst), der trägt Lederhose und Janker und ist Gestik und Sprache nach zu urteilen an Wiens jüngst zurück demissioniertem Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) orientiert. Wer das nicht erkennen will, dem wird dies noch einmal mit Häupls berühmten Spritzwein-Zitat deutlich gemacht.

Solche überstrapazierten Andeutungen tauchen nicht selten auf, wie sich bei der Generalprobe zeigte (auf der diese Kritik beruht). Wenn der Fremde Benozzo das Räuberlied singt, hüpft eine Reihe aufreizend gekleideter Showgirls hinter ihm über die Bühne, die danach allerdings nicht wieder kommen, und als er Gräfin Carlotta in einem intimen Moment seine Liebe gesteht, holt die erst einmal zu Pirouette aus und choreografiert ihre Gefühle, während ihr Verehrer sie statisch ansingt. Dies tut er allerdings mit viel Gefühl und butterweichen Liebesmelodien. Überhaupt gibt es an der musikalischen Umsetzung rein gar nichts auszusetzen. Mara Mastalir singt die Carlotta mit gräflicher Anmut, und gerade die Spitzentöne scheinen ihr ganz leicht von den Lippen zu gehen. Johanna Arrouas gibt die rassige Spanierin Sora die ihren Benozzo in die Schranken zu weisen weiß. Marco Di Sapia singt und mimt ihn mit Freude am Spiel mit dem italienischen Machoklischee. Gerhard Ernst gibt den Bürgermeister so, wie man sich den typischen Operettendarsteller wünscht: mit schmissigem Textumgang und Gespür für Komik. Und dieses Gespür dafür, wie weit man sich mit dem Reißerischen in einer Operette aus dem Fenster lehnen darf, beweist auch Dirigent Andreas Schüller. Sein Dirigat lädt mal zum Schunkeln ein, ist in den Liebesduetten an den richtigen Stellen zurückhaltend und klingt nach Spaß an der Sache.

Wie löst sich diese Operette/Revue nun auf? Nicht wie bei Millöcker vorgesehen, aber das Werk wurde im Laufe seiner Rezeption ohnehin mehrmals umgeschrieben. Bei Tambosi entpuppt sich der Fremde als Minister der Regierung, der die Korruption auf der Insel bekämpfen soll, der echte Gasparone sitzt seit drei Jahren in U-Haft. Da Korruption laut dem Minister allerdings zu Italien gehört, wie der dünne Pizzaboden zu Neapel, belässt er es bei einer Verwarnung. Dafür bekommt er das Mädchen, beziehungsweise die Gräfin.

Quelle: APA

Aufgerufen am 15.08.2018 um 01:50 auf https://www.sn.at/kultur/allgemein/wiener-spritzwein-auf-sizilien-gasparone-an-der-volksoper-28739521

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