Bildende Kunst

Biennale Venedig - Rugoff zeigt zeitgenössischen Modernismus

Die Hauptausstellung der Biennale von Venedig, die in diesem Jahr vom in London tätigen US-Amerikaner Ralph Rugoff kuratiert wird, überzeugt mit soliden Arbeiten sowie zu einem Gutteil bewährten Positionen der internationalen Kunst. Politisches und Dokumentarisches zum Hier und Jetzt, das der Titel "May You Live in Interesting Times" eigentlich suggerieren würde, bleiben indes rar.

Kunstbiennale: Roboterarm von Yuan und Peng Yu SN/APA/HERWIG G. HÖLLER/HERWIG G. H
Kunstbiennale: Roboterarm von Yuan und Peng Yu

Obwohl sich die mehr als hundert internationalen Künstler, deren Werke ab Samstag offiziell im Arsenale sowie im Zentralpavillon in den Giardini von Venedig ausgestellt werden, freilich nicht über einen Kamm scheren lassen, sind die ästhetischen Präferenzen des Kurators offensichtlich: Ralph Rugoff mag Kunst, die sich in der Tradition des Modernismus versteht. "May You Live in Interesting Times" ("Mögest Du in Interessanten Zeiten leben"), so erklärt Rugoff in einem Kurztext zu seiner Ausstellung, konzentriere sich auf Künstler, die vorhandene Denkgewohnheiten in Frage stellen und unsere Interpretation von Objekten, Bildern, Gesten und Situationen öffnen.

Nahezu idealtypisch illustrieren die Beton- und Kachel-Skulpturen der Ukrainerin Zhanna Kadyrova (Schanna Kadyrowa) dieses Konzept. Im Zentralpavillon ist sie mit Kleidungsstücken aus Kacheln vertreten, die teils auch auf einer Wäscheleine im Freien "getrocknet" werden, im Arsenale zeigt sie einen Lebensmittelstand, in dem betonierte sowie verkachelte Würste und Früchte scheinbar zum Verkauf angeboten werden. Modernistische Querbezüge tun sich hier ebenfalls auf: Die Bananen und Orangen muten aufgrund ihrer Machart klobig-kubistisch an, die Verwendung bunter Kacheln verweist auch auf ein modernistisches Erbe der Sowjetunion, das in der Heimat Kadyrovas derzeit in Folge einer Dekommunisierungspolitik zunehmend aus dem öffentlichen Raum verschwindet.

Modernistisch inspirierte Formen spielen jedenfalls in gesamten Ausstellung eine tragende Rolle: Die US-Amerikanerin Carol Bove zeigt zerknitterte Metallskulpturen, ihre Landsfrau Nicole Eisenman präsentiert im Arsenale überlebensgroße Kopfskulpturen, die Verweise auf die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts nicht verhehlen wollen. Aber auch der Chinese Liu Wei erinnert mit überdimensionalen Alugebilden an avantgardistische Bühnengestaltung, ebenso gilt dies für die Arbeit von zwei weiteren chinesische Künstlern: Sun Yuan und Peng Yu haben im Zentralpavillon mit einem überdimensionalen Roboterarm, der rote Farbe wegkehren soll, einen zentralen Blickfang der Ausstellung geschaffen.

Ausgezeichnet fügen sich aber auch die Bilder von Ulrike Müller in diesen Kontext: Die einzige offizielle österreichische Teilnehmerin der Hauptausstellung zeigt in unterschiedlichen Techniken angefertigte Farbgrafiken, die teils an Scherenschnitte des späten Henri Matisse, teils aber auch an eine modernistische Werbesprache erinnern. Müller ist aber nicht der einzige Vertreter Österreichs: Ein namentlich nicht genannter Österreicher hat jene übertrieben grotesken Krampusmasken angefertigt, die der US-amerikanische Künstler Jamie Cameron in seiner Installation "Smiling Disease" ("Lachkrankheit") im Arsenale ausstellt. Cameron verweist dabei auf die Popularität dieser Masken unter den Surrealisten des frühen 20. Jahrhunderts, die sie im Zusammenhang mit dem Unterbewusstsein und der Traumdeutung sahen.

Traumwelten kommen in der Biennale-Ausstellung wiederholt vor - der Kurator lud zahlreiche Künstler ein, die in Computeranimationen fiktive elten und Gestalten kreierten. Als herausragend erweisen sich im Arsenale eine Installation des Briten Ed Atkins, der mit 3D-Software mittelalterliche Pseudofiguren schuf, oder ein eher albtraumartiges Traumtagebuch des Kanadiers Jon Rafman.

Dokumentarische Arbeiten sowie aktuelle Politik spielen in der Hauptausstellung indes eine marginale Rolle. Im Zentralpavillon in den Giardini überzeugt der Inder Soham Gupta mit kontrastreichen Schwarz-Weiß-Fotos, die einfühlsam Obdachlose und Kranke der Millionenstadt Kalkutta porträtieren. Auf brennende Themen verweist aber auch die mexikanische Künstlerin Teresa Margolles, die sich an beiden Ausstellungslocations mit der Situation in der Grenzstadt Ciudad Juárez beschäftigt: Nicht nur, dass US-Präsident Donald Trump in Wurfweite eine Grenzmauer errichten möchte, auch zahllose Frauen wurden hier in den letzten Jahren Opfer von Gewaltverbrechen.

Quelle: APA

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