Bildende Kunst

Wissenschaftsprojekt erforscht Buchmalereien aus der ÖNB

Inkunabeln nennt man Werke aus der Anfangszeit des Buchdrucks, entstanden im 15. Jahrhundert, am Übergang von Spätmittelalter zur Renaissance. Viele dieser Bücher wurden prachtvoll illustriert. Ein kunsthistorisches Forschungsprojekt hat sich nun den "illuminierten Inkunabeln" im Bestand der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) gewidmet. Ein mehrbändiger "kunsthistorisch-kritischer Katalog" soll heuer im Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften erscheinen.

Bibel-Illustration aus dem Buch Hiob, Johannes Mentelin, Straßburg 1466 SN/APA/Österreichische Nationalbibl
Bibel-Illustration aus dem Buch Hiob, Johannes Mentelin, Straßburg 1466

Dreieinhalb Jahre lang hat der an der Universität Wien lehrende deutsche Kunsthistoriker Michael Viktor Schwarz (65) gemeinsam mit anderen die Buchmalereien in frühen Druckwerken im Bestand der ÖNB, die über eine der bedeutendsten Inkunabelsammlungen der Welt verfügt, katalogisiert. Rund ein Fünftel dieses Inkunabelbestands ist mit Buchmalereien dekoriert, die meist hervorragend erhalten sind. "Die Bilder und Ornamente wirken zuweilen, als seien sie gestern erst gemalt worden", so Schwarz in einer Aussendung: "Wenn man eine Inkunabel aufschlägt, ist es oft, als hätten die letzten 500 Jahre nicht stattgefunden."

In dem vom Wissenschaftsfonds FWF mit 398.000 Euro geförderten Projekt wurden die Ausmalungen datiert, lokalisiert sowie Künstlern und Auftraggebern zugeordnet. Dadurch lassen sich Einblicke in die sich verändernden sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Zeit gewinnen, in der die Massenproduktion von Büchern ihren Anfang nahm und eine frühe "Buchindustrie" entstand. Vereinzelt sind Namen und Biografien von Mitarbeitern solcher Werkstätten bekannt. "In Österreich kennen wir Ulrich Schreier, der zunächst in Salzburg und dann in Wien arbeitete und sowohl handgeschriebene als auch gedruckte Bücher ausmalte", so Schwarz. Daneben sei Schreier auch Buchbinder gewesen und habe eine Reihe hochorigineller Einbände gefertigt. Die Malereien und ein kunstvoll gestalteter Einband machten aus einem Buch ein Luxusobjekt.

Leipzig wurde schon damals zur Buchstadt, daneben waren Nürnberg und Augsburg für den frühen Buchhandel im österreichischen Raum wichtig. "Der Buchdruck führte zwar zu einer Flut an Büchern. Der Beitrag der Buchmaler zeigt aber deutlich, dass damit in den Augen der Zeitgenossen kein Wertverlust verbunden war", so Schwarz, der an der Uni Wien Vorstand des Instituts für Kunstgeschichte und Dekan der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät war und heute Vorsitzender des Senats ist. Trotz der damals begonnenen Massenproduktion sei das einzelne Buch weiterhin als kostbar und unvergänglich angesehen worden. "Heute würde man wahrscheinlich sagen: Das Buch war ein nachhaltiges Objekt."

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