Kultur

Die Rolling Stones öffnen mit der Zunge die Hose

Der Mann trägt knallenge Jeans. Sein Geschlechtsorgan ist deutlich unter der Hose zu erkennen. Und wer dann den Reißverschluss öffnet, stößt auf eine weiße Unterhose - und in der Unterhose steckt die Musik.

Das legendäre Cover des Stones-Albums „Sticky Fingers“. SN/cloud2013
Das legendäre Cover des Stones-Albums „Sticky Fingers“.

Auf der Originalausgabe des Covers des Rolling-Stones-Albums "Sticky Fingers" war tatsächlich ein echter, funktionsfähiger Reißverschluss eingearbeitet an der Jeans und über der Unterhose. So muss ein Plattencover aussehen, das man gerne in die Hand nimmt.
Schweißtreibender Rock, sexuelle Provokation. "Sticky Fingers" macht klar, dass Plattencover mehr sein können als die bloße Umhüllung von tontragendem Vinyl.


Warhol macht die Zunge zur Weltkultur

Andy Warhol hatte die Idee mit dem Reißverschluss und setzte den Rolling Stones und sich selbst ein Denkmal - und damit einen Meilenstein in der Geschichte der Popkultur. Am 23. April 1971 kam das Album "Sticky Fingers" auf den Markt. Es war musikalisch eine Offenbarung, eine Verdichtung des bisherigen Werkes - und es stellt in anderer Hinsicht einen Wendepunkt in der Geschichte der Band dar. "Sticky Fingers" erschien auf dem eben gegründeten eigenen Label "Rolling Stones Records". Und noch wichtiger vielleicht als der Reißverschluss: Zum ersten Mal tauchte damals auch das Zungenlogo auf. Mittlerweile gehört diese Zunge zum Inventar der Kunst des 20. Jahrhunderts und wurde millionenfach verkauft. Der Zeichner und Grafikdesigner John Pasche hat dieses Markenzeichen der Band entworfen.

The Velvet Underground SN/oddsock
The Velvet Underground

Aus Warhols Factory stammt noch eine andere Idee, die aus einem Plattencover Kunst macht. Für die von ihm protegierte Band The Velvet Underground, klebte er die Illustration "Banana" als Abziehbild auf das Cover. Wer heute noch ein Original ergattern will, muss dafür tief die Tasche greifen.

33 Umdrehungen schwingen in der Galerie

"Cover Art" heißt die Ausstellung im Wiener Kunstraum Nestroyhof, die das alles zeigt. Die Schau bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Fotografie, bildender Kunst und Musik - ideales Anschauungsobjekt dafür sind Schallplattencovers. Eine solche Betrachtung der Popkultur passt auch gut in den anhaltenden Boom des schwarzen, klingenden Goldes namens Vinyl. Denn sie bewegt sich doch, die Platte: Mit 33 Umdrehungen pro Minute, oder auch mit 45, wenn es sich um eine Single handelt.

Schallplatten erleben seit einigen Jahren einen kleinen Boom, gehören zu jenen Bereichen der Musikindustrie, die kontinuierlich, wenn auch auf den Niveau von bloß ein paar Prozent, wachsen. Dabei galten sie bei der Einführung digitaler Tonträger und erst recht im Boom der Streamingdienste als Auslaufmodell. Schallplatten mögen zwar sperrig sein, empfindlich sind sie und sie können auch nicht wie Millionen von Musikdateien im Handy in der Hosentasche mitgenommen werden. Trotzdem gilt für Liebhaber das Credo: Die Welt ist eine Scheibe. Und das liegt auch an ihrer Umhüllung.

Elvis lächelt, Metallica lieben das Schwarze

Die Hülle der Langspielplatte ist der optische Eingang ins Musikreich und wurde ab den 1960er Jahren mehr als nur Staubschutz und Informationsträger. In der Zeit davor dienten Plattencovers nur dazu, den Künstlern zu zeigen, der auf der Platte zu hören ist. Von Elvis Presley etwa gibt es kaum ein Album, das nicht das lächelnde Gesicht eines rockenden Charmeurs zeigt. Brav. Langweilig. Aber gut fürs Geschäft in biederen Zeiten. Die aber begannen sich zu ändern.

Der liebe Elvis. SN/universum
Der liebe Elvis.

Bevor Warhol mit Banane und Zunge Pop optisch spannender werden ließ, waren die Beatles - wie für so vieles in der Popgeschichte - auch bei der Covergestaltung wegweisend. Sie durften als erste Band ihre Cover-Gestalter selbst aussuchen. Keine andere Band hat die Möglichkeiten der Stilform Plattencover so früh so gut begriffen und setzte so viele Trends in so kurzer Zeit. Zunächst schauten die Fab Four auch noch brav den potenziellen Käufer an - etwa auf "With The Beatles".

Bald war ihnen das nicht genug. Niemand anderer zuvor hat die Kunst, das perfekte Albumcover zu finden, so beherrscht wie sie. Jede ihrer Hüllen ging bis ans Limit. Ausgetestet wurde, was ging: die psychedelische Fotografie ("Rubber Soul"), die künstlerische Collage (das von Klaus Voormann gezeichnete Cover von "Revolver und das epochale Werke "Sgt. Pepper's Lonley Hearts Club Band") oder gar nichts auf der Hülle des so genannten Weißen Albums. Knapp 25 Jahre später setzten Metallica den Gegenpol mit einem komplett in Schwarz gehaltenem Album aber damals - 1991 - war die Coverkunst keine Aufreger mehr.

Legenden umwobene Beatles-Kunst SN/emi
Legenden umwobene Beatles-Kunst

Die dunkle Seite des Mondes schimmert elegant

Im Spannungsfeld zwischen Sound und Bild ergaben sich auch legendäre Anekdoten. So waren die jungen Grafiker der Londoner Agentur Hipgnosis ein bisserl geschockt, als Richard Wright von Pink Floyd die Arbeit für ein neues Cover besprechen wollte. Er forderte ein eleganteres, zeitloseres Design als beim letzten Werk, denn die Plattenfirma hatte die psychedelischen Covers der Vorgängeralben nicht besonders geschätzt. Es musste der äußere Eindruck einfacher werden und innen sollte der komplexe Sound behalten werden. Das Resultat? Ein Albumcover, das beim schnellen Hinschauen durch simple Formensprache und die Farbwahl gefangen nimmt. Es sieht alles einfach aus und dadurch entfaltet sich schnell eine mystische Ebene. Diesem Cover sieht man an, das ihm ein Geheimnis innewohnt, dem man ganz einfach nicht auf die Schliche kommt. Es wird in Rankings immer wieder unter die elegantesten Alben der Geschichte gereiht. Und das gilt auch noch 44 Jahre nach der Veröffentlichung im Jahr April 1973.

Dark Side of the Moon SN/medium
Dark Side of the Moon

Kunst und Kult in Quadratform

Nicht zufällig gehörte Pop-Art-Guru Andy Warhol zu jenen, durch die auch Plattencovers zur Kunst werden. Millionenfach verbreitet, reiht sich die Kunst auf Covers in die Tradition der Pop-Art. So wurden ab der Goldenen Ära der Popmusik in den 1960er Jahren immer wieder bedeutende Fotografinnen, bildenden Künstlerinnen und Designerinnen von Popmusiker engagiert, um Cover zu gestalten. So entstanden kongeniale Verbindungen zwischen Musik und visuellen Künsten. Die rund 250 Exponate, die aus der Geschichte des Plattencovers für die Ausstellung in Wien ausgewählt wurden, beweisen, dass Covers längst als Kunst- und Kultobjekte gelten.

Aufgerufen am 16.10.2018 um 03:07 auf https://www.sn.at/kultur/die-rolling-stones-oeffnen-mit-der-zunge-die-hose-12530353

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