Sigrid Löffler

Ein Migrant lässt alle Hoffnung fahren

Gefühlstumulte. Trotz brillanter Intelligenz und exzellenter Bildung verzweifelt Zafar an der Entwürdigung im Exil.

 SN/berlin verlag/katherine anne rose

Zia Haider Rahman ist Mitte vierzig, stammt aus Bangladesch und ist ein Mann mit blendenden Referenzen. Er hat eine fast märchenhafte migrantische Musterkarriere hingelegt.

Vor den blutigen Wirren des bengalischen Unabhängigkeitskriegs 1971 suchten seine Eltern mit dem Baby Zuflucht in England. Zia wuchs in krasser Armut auf, in einem rattenverseuchten Londoner Abrisshaus. Der Vater war Busfahrer, die Mutter Schneiderin.

Aufgrund seiner brillanten Intelligenz gewann Zia ein Begabtenstipendium in Oxford, absolvierte mit Auszeichnung ein Mathematikstudium und danach ein Jus studium in Cambridge und Yale. Er arbeitete erst als Investmentbanker bei Goldman Sachs in New York und wechselte dann in eine große Anwaltskanzlei. Danach entschloss er sich, Menschenrechtsanwalt zu werden und für Transparency International die Korruption in Staaten wie Afghanistan und Bangladesch zu bekämpfen. Heute pendelt er als Fellow zwischen Harvard und Princeton und ist außerdem Senior Fellow am Bruno Kreisky Forum in Wien.

Ach ja, und zwischendurch schrieb Zia Haider Rahman einen stark autobiografischen Roman, der ihm 2014 Ruhm, viel Kritikerlob und etliche Literaturpreise eingebracht hat und neuerdings auch auf Deutsch vorliegt. Wer jetzt aber dächte, hier würde auf rund 700 Seiten eine stolze Erfolgsgeschichte ausgebreitet, der täuscht sich. Das Gegenteil ist der Fall. Denn der Roman "Soweit wir wissen" thematisiert zwar die großen Krisen der Welt nach 9/11; im Kern aber erzählt er vom tragischen Scheitern eines überbegabten Migranten am Westen.

Zias Held, der im Roman Zafar heißt und dessen Werdegang sich mit dem seines Autors in den Eckdaten deckt, scheitert beim Versuch, die Entfremdung und Entwurzelung des Exils durch intellektuelle Brillanz und beruflichen Erfolg sowie durch Liebe und Einheirat in die englische Aristokratie zu überwinden. Es gelingt ihm auch nicht, durch wissenschaftliche Erkenntnis die Wahrheit zu ergründen und Stabilität im Leben zu gewinnen, "um einen Boden zu schaffen, auf dem seine Füße stehen könnten". Letztlich ist der Roman eine bittere Abrechnung mit westlichem Rassen- und Klassendünkel und der Arroganz der englischen Gesellschaft, die einem braunhäutigen Zuwanderer aus dem hintersten Winkel des britischen Empire mit einem reichen Arsenal an Demütigungen und subtilen Zurückweisungen immer noch den Zugang verweigern kann, all seinen Begabungen und Leistungen zum Trotz.

Der Leser begegnet Zafar anfangs, wie er im Jahr 2008 - abgerissen, ausgemergelt und erschöpft - in London an die Tür eines Oxforder Studienfreunds klopft, den er seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat. Der Freund nimmt ihn auf, lässt ihn bei sich wohnen und führt lange Gespräche mit ihm, die zwischen Therapiesitzung, Beichte, Polizeiverhör, Agentenbericht und mathematischer Vorlesung schwanken.

Der Freund stammt aus einer pakistanischen Elite-Familie und befindet sich mitten in einer beruflichen und ehelichen Krise (was ihm kraft seines privilegierten Hintergrunds jedoch nicht allzu viel anhaben kann). Er hat gerade seine Arbeit als Banker verloren, und seine Frau hat ihn verlassen. Er hat daher Zeit, Zafars Lebensbericht anzuhören und zu protokollieren, seine Notizbücher zu lesen und schließlich zu seinem Chronisten zu werden und seine Geschichte aufzuschreiben - den Roman, den wir gerade lesen. Es ist eine Geschichte voller Brüche, Lücken, Abschweifungen und chronologischer Sprünge. So wenig sich die erratischen Lebensläufe der beiden Freunde zu kohärenten Entwicklungsgeschichten fügen lassen, so sprunghaft und chaotisch ist auch die Erzählweise - ein Spiegel ihres fragmentierten Lebensgefühls.

Zafar hat die Mathematik als sein Fach gewählt, weil sie ohne Grenzen und ohne Zeit ist, weil gesellschaftliche und soziale Befindlichkeiten in ihr keine Bedeutung haben und er sich daher in ihr weniger heimat- und wurzellos fühlt. Er glaubt, wissenschaftliche Erkenntnis und intellektuelle Hochleistungen könnten, ja, müssten ihm den Zugang zu den westlichen Eliten ermöglichen. Doch er muss erleben, dass alles Wissen für ihn nicht Befreiung und Anerkennung, sondern Schmerz und Zurückweisung bedeutet. Das erfüllt Zafar mit Trauer und Zorn. Er reagiert mit hochfahrender Grobheit, bewussten Verletzungen der Etikette und kehrt sich schließlich von allen Integrationsversuchen ab.

Als Metapher für die Grenzen der Erkenntnisfähigkeit dient Zafar das Unvollständigkeitstheorem des Mathematikers Kurt Gödel, wonach es in jedem System, auch in der Mathematik, Behauptungen gibt, die wahr sind, deren Wahrheit sich aber nicht beweisen lässt. Jede Erkenntnis reicht nur "soweit wir wissen". Daran, dass die Wahrheit letztlich unerreichbar ist, verzweifelt Zafar.

Durchdekliniert werden diese Gefühls tumulte am Beispiel von Zafars unmöglicher asymmetrischer Liebesgeschichte mit einer koketten und kaltherzigen Tochter aus englischer Adelsfamilie, die Zafar in ein grausames Spiel von Lockung und Zurückweisung verwickelt und ihm, indem sie ihn zappeln lässt, seine Unebenbürtigkeit und Machtlosigkeit quälend bewusst macht. Diese Erfahrungen stoßen Zafar schließlich in ein Nirgendwo der Einsamkeit, Entwurzelung und Entfremdung.

Schärfer als Zia Haider Rahman hat bisher kein migrantischer Autor die Hoffnung zunichtegemacht, Zuwanderer könnten die westlichen Vorbehalte gegen sie durch Hochbegabung, Bildung und Kultur kompensieren und dürften sich durch kulturelle Aneignung überall zugehörig fühlen. Schlimm, wenn sein pessimistischer Befund sich bestätigte.



Zia Haider Rahman:
"Soweit wir wissen",
Roman, aus dem

Englischen von Sabine Hübner, 704 Seiten,

Berlin Verlag, Berlin 2017.

Quelle: SN

Aufgerufen am 16.08.2018 um 09:50 auf https://www.sn.at/kultur/ein-migrant-laesst-alle-hoffnung-fahren-12438070

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