Kultur

Ein Nachttopf bei Christi Geburt?

Schleißige Windeln? Und Weihnachten ohne Ochs und Esel? Wir staunen, was Matthias Grünewald vor 500 Jahren gewagt hat.

Das Engelskonzert und die Menschwerdung Christi am Isenheimer Altar von Matthias Grünewald (Ausschnitt). SN/office de tourism colmar
Das Engelskonzert und die Menschwerdung Christi am Isenheimer Altar von Matthias Grünewald (Ausschnitt).

Bethlehem. Abends. Wir haben diesen Abend, diese Nacht erst später eine stille, eine heilige Nacht genannt. Wir kennen die Szene. Da sind Maria und Josef mit dem Christkind in der Krippe, und bald gesellt sich Publikum hinzu: Hirten aus der Umgebung. So beschreibt es Lukas in seinem Evangelium.

Aber kennen wir die Szene wirklich? Wir glauben sie so gut zu kennen, weil Maler mit ihrer Fantasie uns geschildert haben, wie diese Szene ausgesehen haben könnte. Was wir kennen, sind nicht Texte, sondern Bilder. Man könnte mit C. G. Jung sagen: "Es ist, als ob man gar nicht wüsste oder stets wieder vergäße, dass überhaupt alles, was uns bewusst wird, Bild ist." Und die Maler waren die besten Erfüllungsgehilfen, wenn es darum ging, Geschichten Bild werden zu lassen.

Matthias Grünewald war einer von ihnen. Er hat eines der innigsten Weihnachtsbilder der deutschen Malerei geschaffen. Zu sehen ist es auf dem Isenheimer Altar, von dem wir vor allem die bestürzend berühmte Kreuzigung, die Auferstehung Christi oder die Versuchung des heiligen Antonius kennen.

Dieser für den Antoniter-Orden im elsässischen Isenheim in Auftrag gegebene Altar ist 1516, also vor 500 Jahren, vollendet worden. Die Antoniter unterhielten seinerzeit ein europaweit verzweigtes Netz von Niederlassungen, in denen Patienten, die an Mutterkornvergiftung - einer schrecklichen, nicht selten zu einem grässlichen Tode führenden Krankheit - litten, behandelt und gepflegt wurden.

Der Name des Malers geriet bald in Vergessenheit, nicht aber seine Altartafeln. Die konnten nur von Albrecht Dürer gemalt worden sein, so meinte man lange, oder von Baldung Grien. Immerhin haben umsichtige Connaisseure den Altar vor den Wirren der Französischen Revolution nach Colmar gerettet.

Wieder entdeckt aber wurde Grünewald erst im 19. Jahrhundert, der Baseler Kulturhistoriker Jacob Burckhardt hat die Initialzündung gegeben, 1844. Ein Star war geboren - und zu besichtigen.

Vor allem die Malerkollegen fühlten sich angesprochen. Hans Thoma, der Schwarzwälder Maler und Direktor der Kunsthalle in Karlsruhe, hatte es nicht weit bis zum Isenheimer Altar. Für ihn war es "der größte Schatz an Malerei, den die Deutschen besitzen," schrieb er 1904. Dagegen Paul Klee 1906: "Grünewald erschreckte mich furchtbar." Er war von der expressiven Kraft der Farben schier überfordert.

Anders Picasso. 1932 hat er, nach einem Abstecher von Zürich nach Colmar, 13 Tuschezeichnungen angefertigt, alle paraphrasieren sie die Kreuzigungstafel des Isenheimer Altars. Schwarz. Weiß. Grau. Linien. Striche. Schraffuren. Verrenkungen. Verkrümmungen. Verwüstungen. Wir haben es hier nicht mit Kopien, sondern mit Körpern zu tun, die aus Formen Formeln machen, energische Formeln, solche des Leides und der Qual, fragmentiert bis zur gewaltsamen Verdunkelung oder gar - als Verkehrung - bis hin zur ballettösen Anatomie. Was bleibt, ist Dramatik.

Die Wucht, mit der die Bilder Grünewalds auf uns kommen, rührt von der Farbe her. Als würde sie an jeder Ecke explodieren, so scheint es. Aber Grünewald konnte auch schmeicheln wie kaum sonst ein Künstler - und das im Kontext der Isenheimer Tafeln.

Nehmen wir die Geburt Christi. Kein Josef ist zu sehen. Auch fehlen Ochs und Esel. Keiner der Heiligen Drei Könige macht seine Aufwartung. Alles scheint anders, als wir es sonst von der Weihnachtsgeschichte her kennen. Statt einer Krippe sehen wir Wiege, Zuber und Nachttopf, praktisch und eigensinnig zugleich. Schließlich, inmitten einer idyllischen Landschaft, die keinen Gedanken an Herbergsnöte aufkommen lässt: eine bildhübsche Maria mit gold gelockten Haaren, festlich rotem Kleid und kostbar blauem Mantel, eine "Mischung von Mütterlichkeit, Magdhaftigkeit und Sinnlichkeit", wie es Wilhelm Hausenstein 1919 formuliert hat.

Zärtlich begegnen sich die Blicke von Mutter und Sohn. Der ist wohlgenährt, doch sind seine Windeln merkwürdig ausgefranst und zerschlissen - ein Ausblick auf den Lendenschurz, den Jesus Christus tragen wird, wenn er seinen Tod am Kreuz erleidet. Symbole, wohin man schaut: ein Kreuz am Gartentor, die umschließende Gartenmauer als Zeichen der Jungfräulichkeit, Rosen ohne Dornen, in der Ferne eine Kirche stellvertretend für die Stadt Gottes und Lichtfluten hin zu Himmel und Gottvater, um den sich Engel und Gläubige mit Kreuzen und Transparenten scharen, als wäre die Vollendung aller Tage vorweggenommen. Auf der Tafel daneben schallen aus einem gotisch verzierten Gehäuse sphärische Klänge von einem Engelskonzert. Wie diese Musik geklungen haben mag?

Dieses Weihnachtsbild ist singulär. Allein ihm zuliebe würde sich ein Besuch im Unterlinden-Museum lohnen, wenn es nicht den ganzen Isenheimer Altar zu betrachten gälte. Es wundert nicht, wenn Heerscharen von Touristen nach Colmar pilgern, ebenso Schriftsteller, Filmregisseure, Komponisten, Philosophen, Maler und Bildhauer.

So auch Joseph Beuys, den wir mehr mit Filz, Kojoten und Honigpumpen in Verbindung bringen. Er hat anlässlich einer Cranach-Ausstellung (1974 in Basel) Cranach und Grünewald einander gegenübergestellt. Dabei machte er deutlich, dass seine Sympathie mehr Grünewald gehörte, "der schnell was machen kann und wahrscheinlich immer wieder weggelaufen ist von seinen Bildern und wieder davor gegangen ist und dann wieder reingehauen hat."

Und die Künstler heute? Hans Schabus aus Wien zum Beispiel gab, als er 2006 in Colmar war, zu Protokoll: "Mir hat es sämtliche Sicherungen durchgeknallt, als ich davor stand. Pop-Art im besten Sinne."

Vielleicht wären ihm die Sicherungen auch dann herausgeflogen, wenn er das Figurenensemble des Algeriers Adel Abdessemed gesehen hätte. Der hat aus blinkendem Stacheldraht vier gleiche Christusfiguren geschaffen, die mit ihren schauderhaften Widerhaken nicht nur an Grünewalds Christus am Kreuz erinnern, sondern sich seiner Nachbarschaft ausgesetzt sahen - sie wurden 2012 an die Wand des Unterlinden-Museums gehängt, bevor sie weiter nach Paris ins Centre Pompidou wanderten.

Grünewald lässt niemanden kalt. Er hat uns etwas zu sagen. Immer noch. Warum? Weil er begeistert, weil er verwirrt, weil er anstößt, weil er aufwühlt. Der Isenheimer Altar ist seit den letzten 500 Jahren kein bisschen unmodern geworden. Er kann einen trösten, er kann einen niederschmettern - ist man nun gläubig oder Atheist. Schon möglich, dass hier Himmel und Hölle am Werk waren.

Buch: Wolfgang Minaty, Grünewald im Dialog, 500 Jahre Isenheimer Altar in Kunst, Literatur und Musik, 168 S., Schnell & Steiner, Regensburg 2016.

Quelle: SN

Aufgerufen am 22.09.2018 um 01:32 auf https://www.sn.at/kultur/ein-nachttopf-bei-christi-geburt-583009

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