Sigrid Löffler

Ein Roman mausert sich zur Saga der Qual

Leidvoll. Für "Ein wenig Leben" erdröhnt die verlegerische Werbetrommel. Wie gut ist dieser Roman?

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Oft erfahren wir von sensationellen Best sellern aus Übersee zunächst gerüchteweise. Das gilt besonders für den Roman "A Little Life" von Hanya Yanagihara, einer kalifornischen Autorin mit Wurzeln in Hawaii und Südkorea. Zu lesen war, ihr Tausend-Seiter mit dem schmerzverzerrten Gesicht eines schönen Jünglings auf dem Cover sei in der englischsprachigen Welt das meistdiskutierte Buch des Jahres 2015 gewesen und mit Preisen überhäuft worden.

Erschütterte Leser twitterten, das Buch habe sie zu Tränen gerührt, und eine US-Kritikerin bekannte, der Roman habe sie derart durchgerüttelt, "dass ich mich beim Weinen ertappte". Die Buchseiten seien "durchweicht von Leid". Mehr noch: "Man fühlt sich, als lebe man selbst in den Romanfiguren." Kurzum: Der Roman sei ein Meisterwerk - "sofern dieser Begriff für dieses Buch nicht einfach zu klein ist".

Dass eine gestandene Kritikerin die professionelle Distanz zum Text aufgibt und in die pubertäre Phase des identifikatorischen Lesens zurückfällt, ist erstaunlich genug. Schluchzende Leser, weinende Kritiker, tränendurchweichte Buchseiten: Dieser Roman, der nun unter dem Titel "Ein wenig Leben" auf Deutsch erscheint und für den der Verlag die ganz große Reklame-Orgel erdröhnen lässt, verdient es offenkundig, unter die Lupe genommen zu werden.

Es beginnt wie das männliche Gegenstück zu Mary McCarthys Freundinnen-Roman "Die Clique". Nur sind es hier eben vier Freunde, Zimmerkameraden aus einem namenlosen College, die in ein seltsam zeit ent hobenes, historisch nicht definiertes New York kommen, um Karriere zu machen.

Aus den Anfangsschwierigkeiten mit miesen Jobs und miesen Untermietwohnungen strampeln sie sich rasch hoch. Bald sind sie erfolgreich sowie reich und berühmt. Malcolm wird ein Stararchitekt, JB ein angesagter Maler, und aus Willem wird ein preisgekrönter Filmstar. Jude, der Vierte im Bunde dieser Lebensfreunde und die geheimnisvollste Gestalt des Quartetts, wird ein brillanter und gefürchteter Prozess anwalt.

Nach nicht einmal hundert Seiten wird klar, dass dies nicht alles gewesen kann. Schließlich hat der Leser da noch 900 Seiten vor sich. In der Tat nimmt die Handlung bald eine drastische Wendung. Von der Schilderung der fröhlichen Kumpanei von vier hoffnungsvollen New-York-Eroberern wechselt der Roman ins düstere Melodram und mausert sich zu einer Saga der Qual und Erniedrigung, des Selbstekels und Selbsthasses.

Fortan ist Jude der einzige Protagonist - ein verschatteter, schöner, aber rätselhaft versehrter junger Mann, der über seine Herkunft und Geschichte beharrlich schweigt und immer wieder von myste riösen Schmerzattacken gepeinigt wird. Seine Freunde verblassen zu Nebenfiguren - sie werden zu Assistenzgestalten, zu Trabanten, die nur noch um diesen betörenden, selbstmordgefährdeten Schmerzensmann kreisen. Der Architekt richtet ihm ein Loft in SoHo ein und baut ihm ein nobles Anwesen im Umland. Der Künstler malt obsessiv immer wieder nur Judes Porträt. Und Willem stellt sogar seine Filmkarriere hintan, um seinen Freund und bald auch Liebhaber Jude zu umsorgen. Die Freunde und ein paar weitere Schutzengel scharen sich in übermenschlicher Selbstlosigkeit um Jude, um ihn zu beschützen und am Leben zu erhalten.

Über Hunderte Seiten hinweg ergeht sich die Autorin in dunklem Geraune, ehe sie Judes Lebensgeheimnis stückweise preisgibt. Lass mich raten, denkt der Leser - und ist dann doch verblüfft vom Übermaß an Entsetzlichkeiten, die die Autorin der Kindheit ihres Helden anhängt und ihren Lesern zu glauben zumutet. Demnach ist Jude ein Findelkind. Er wurde vor einem Kloster im Müll deponiert, von pädophilen Mönchen geprügelt und missbraucht, von einem anderen Mönch entführt und an brutale Knabenschänder vermietet, mit Geschlechtskrankheiten infiziert und schließlich zum Opfer eines Sadisten, der ihn absichtlich mit dem Auto überfuhr und fürs Leben verkrüppelte. Dieses Trauma ist der Grund für Judes Selbstekel und seine zwanghaften Selbstverstümmelungen. Er verbrennt und ritzt sich routinemäßig. Sein heimliches Geschnetzel mit Rasierklingen, bis seine Arme und Beine von Narben und eiternden Wunden übersät sind, wird zum Leitmotiv des Romans.

Wer all dies bereits für sauren Kitsch und für ein Glaubwürdigkeitsproblem des Romans hält, der muss sich auf weitere Zu mutungen gefasst machen. Denn als Kompensation für seine vielfachen Behinderungen stattet die Autorin Jude mit einem Übermaß an Begabungen aus. Er ist nicht nur ein brillanter Jurist, Mathematiker, Pianist und Lateiner; er spricht außerdem fließend Deutsch und Französisch. Und Kuchenbacken kann er auch.

Spätestens da erkennt der Leser: Dieser Roman ist ein Märchen, auch in seiner Humorlosigkeit. Er ist eine Heiligenlegende, auch im besessenen Ausmalen sadistischer Folterungen, geschrieben von einer in Wunden schwelgenden Autorin, die ihre Opfer-, Betreuungs- und Fürsorge-Fantasien in endlosen Wiederholungen literarisch auslebt und dem gefühlvollen Leser durch steten Druck auf die Tränendrüsen Mitleid abpresst. Hier gilt, was Oscar Wilde über
die Sentimentalität in einem Roman von Charles Dickens angemerkt hat: "Man muss schon ein Herz aus Stein haben, um über den Tod der kleinen Nelly nicht zu lachen."

Für den Kritiker ist "Ein wenig Leben" ein Ärgernis. Der Roman ist eine Beleidigung für Intelligenz und Stilgefühl - schlecht erzählt, voll schiefer Metaphern, falscher Bilder und stümperhafter Dialoge. Gefühlte tausend Mal endet jeder Wortwechsel in einem gewimmerten "Es tut mir so leid".
Ja, mir tut's auch leid - um die Zeit.

Hanya Yanagihara: "Ein wenig Leben",
Roman, aus dem Amerikanischen von Stephan Kleiner, 960 Seiten, Hanser Verlag, Berlin 2017.

Quelle: SN

Aufgerufen am 22.10.2018 um 08:04 auf https://www.sn.at/kultur/ein-roman-mausert-sich-zur-saga-der-qual-12438499

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