Kultur

Frau in der Männerdomäne Industriefotografie

Sie nannte sich "Industrie-Photograph" und kürzte ihren Vornamen Marianne zu einem geschlechtsneutralen M. ab, kroch in die Wiener Kanalisation, durchkletterte die Ötscherhöhlen oder begleitete mit ihrer Kamera die Errichtung zweier Gaswerke in Wien: Rund 60 Bilder der Industriefotografin Marianne Strobl aus den Jahren 1894 bis 1914 sind ab Donnerstag im Photoinstitut Bonartes zu sehen.

Viel ist nicht bekannt über diese Frau, die sich Ende des 19. Jahrhunderts im Alter von knapp 30 Jahren in eine Männerdomäne wagte und zur viel beschäftigten Fotografin wurde. Zu Gute kam ihr dabei wohl der gesteigerte Bedarf an Bildern, wurde es damals doch möglich, Fotos in Zeitungen abzubilden und Kataloge mit Fotografien zu bestücken. Die Kunst- und Kulturwissenschafterin Ulrike Matzer hat für die Schau, die bis zum 26. Jänner zu sehen ist, zahlreiche Leihgaben unter anderem aus dem MAK, dem Technischen Museum und dem Wien Museum zusammengetragen, die sie nun mit Stücken aus der Bonartes-Sammlung kombiniert, um ein eindrucksvolles Bild des Oeuvres von Marianne Strobl zu zeichnen.

Zur Besonderheit der Ausstellung gehört sicher die Tatsache, dass sich Strobl - anders als ihre weiblichen Kolleginnen - nicht der Porträt- und Modefotografie verschrieb, sondern mit ihren Aktivitäten in von Männern dominierte Räume vordrang und somit eine emanzipatorische Rolle einnahm, wie Matzer am Mittwoch bei der Presseführung erläuterte. Grund genug für Bonartes, der Fotografin ihre erste Personale überhaupt zu widmen.

In kleinen Werkgruppen angeordnet, spannt sich der Bogen von Strobls Arbeit von ersten Aufträgen wie einer Serie von Militär-Fuhrwerken aus dem Jahr 1894, die sie für die "Internationale Ausstellung für Volksernährung, Armeeverpflegung, Rettungswesen und Verkehrsmittel" auf dem Gelände des Wiener Praters aufnahm, über "Arbeitsbereiche" wie die Wiener Wäschefabrik E. Braun & Co. oder das Wiener Nobelhotel Meißl & Schadn bis hin zu Interieurs im Auftrag des damaligen Museums für Kunst und Industrie (heute MAK), bei denen sie ihre Expertise in der "Blitzlicht-Photografie" nützte.

Aus heutiger Sicht wirken die Aufnahmen, die eine erstaunliche Tiefenschärfe aufweisen, oftmals richtiggehend künstlerisch. Sei es die Komposition von Arbeitern und technischen Komponenten beim Kanalbau, die Emsigkeit der Mitarbeiter in Fabriken oder der Fokus auf die Maschinen in den Gaswerken - stets bildete sie eine belebte Gesamtsituation ab, die ihre Auftraggeber vornehmlich zu Werbezwecken verwenden konnten.

Monika Faber, ehemalige Chefkuratorin der Fotosammlung in der Albertina und heute am Photoinstitut Bonartes tätig, unterstrich zahlreiche Details, die heutigen Marketing-Strategien entsprungen sein könnten. Durch die nunmehrige Sichtbarkeit der Arbeiten Strobls erhofft man sich, der Fotografin hundert Jahre nach dem Höhepunkt ihres Schaffens mehr Bedeutung zu verleihen und vielleicht auf diese Weise zu noch mehr Arbeiten zu kommen, die irgendwo unbemerkt in Sammlungen schlummern könnten.

Quelle: APA

Aufgerufen am 13.11.2018 um 05:45 auf https://www.sn.at/kultur/frau-in-der-maennerdomaene-industriefotografie-19456042

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