Keine Heimat mehr: Radiosender FM4 vor dem Aus?

Es gibt Gerüchte, dass die neue Regierung die Sendelizenz für den Radiosender FM4 verhökern könnte. Da stellt sich die Frage: Was ist Heimat, Baby?

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Standpunkt Bernhard Flieher
 SN/orf/fm4

Begehrlichkeiten auf eine ORF-Senderkette bestehen von diversen Privatradios schon länger. Nun gibt es Gerüchte, dass der Sendeplatz von FM4 zu haben sein könnte. Es haben sich auch ganz schnell maßgebliche Politiker - auch der zuständige Kultur- und Medienminister Gernot Blümel - distanziert. Um genauer zu sein: Distanziert hat man sich von den Spekulationen, die würden halt "derzeit zu medienpolitischen Fragen umgehen" (Blümel). Eine inhaltliche Aussage über FM4 gab es nicht.

Keine Ahnung, was die tun

Allein, dass solche Spekulationen über ein Ende von FM4 aufkommen können, offenbart eine desaströse Ahnungslosigkeit und Ignoranz dieser Regierung in der Einschätzung der Bedeutung dieses Senders. Und zwar seiner Bedeutung für die heimische Kunst- und Kulturszene. Von der Stärkung eben dieser Szene, von österreichischer Identität, ja auch vom schwierigen Begriff "Heimat" ist viel die Rede, wenn die neue Regierung redet. Nun lautet der Slogan von FM4 "You are at home, Baby". Und tatsächlich kann man sich auf diesem Sender daheim fühlen auch in einem österreichischen Sinn, weil es auf diesem Sender nämlich sehr oft und intensiv um zeitgenössische Musik aus Österreich geht.

You are at home, baby

Die Idee, diesen Sender einzustellen, kann wohl nur deshalb auftauchen, weil offensichtlich niemand in dieser Regierung diesen Sender hört. Und dabei geht es keineswegs um eine Geschmackssache. Niemand muss Bands wie Wanda oder Bilderbuch oder die Steaming Satellites, den Nino aus Wien, Gustav oder die Sofa Surfers gut finden. Niemand muss sich mit der international herausragenden Dance- und Electronicszene Österreichs anfreunden.

Zumindest aber könnte man annehmen, dass Regierende, die über eine neue Ordnung des Rundfunks nachdenken, registrieren, dass FM4 maßgeblich beteiligt ist, dass sich in diesem Land eine dichte, anspruchsvolle, popkulturelle Szene entwickelte, deren Kraft weit über die Landesgrenzen reicht. Und noch dazu erfüllt FM4 durch seine Talentförderung, etwa im FM Soundpark, indirekt auch einen anderen - durchaus umstrittenen - Punkt des neuen Regierungsprogramms: Man wolle heißt es dort, Künstlerinnen und Künstler durch Förderungen in die wirtschaftliche Unabhängigkeit entlassen. Manche Bands, Sängerinnen und Sänger, die in den vergangenen Jahrzehnten auf FM4 entdeckt wurden und dort eine erste Wahrnehmung in der Öffentlichkeit erfuhren, haben das tatsächlich geschafft. Und sie schaffte es nur, weil es FM4 gibt.

Öffentlich-rechtlich, aber echt!

Da lässt sich dann auch leicht feststellen, dass FM4 gerade in Hinblick auf die heimische Musikszene jenen Auftrag erfüllt, der an manchen Plätzen des ORF-Fernsehens oder auch bei Ö3 schmerzlich ins Hintertreffen geraten ist. Der so genannte öffentlich-rechtliche Auftrag definiert in Paragraf 4 des ORF-Gesetzes unter anderem Folgendes: "Förderung der österreichischen Identität im Blickwinkel der europäischen Geschichte und Integration", "Vermittlung eines vielfältigen kulturellen Angebots", "angemessene Berücksichtigung und Förderung der österreichischen künstlerischen und kreativen Produktion" oder auch "Darbietung von Unterhaltung".

Unterhaltung braucht Haltung

Über die Frage, ob Unterhaltung immer auch Haltung haben muss und nicht bloß aus Schenkelklopfen und Trallala bestehen muss, mag gestritten werden könne. Nicht zu streiten aber ist darüber, dass FM4 die österreichische Identität in Sachen Popkultur auf eine herausragende Weise pflegt, dass man ein mehr als "angemessene Berücksichtigung" der österreichischen künstlerischen und kreativen Produktion bietet. Kein anderer Sender hat mehr Platz für heimische Talente. Dass auf diesem Sender auch Englisch moderiert wird, dass man jugendspezifischen Themen nachspürt, die in anderen Massenmedien längst der Quote zum Opfer gefallen sind, dass man mit der Reihe Reality Check wahre Geschichten aufdeckt, schon weit länger als es den Begriff "Fake News" gibt, sind nur ein paar weitere Elemente, die FM4 zu einem gesellschaftspolitischen relevanten Eckpfeiler und einer kulturellen Säule dieses Landes werden ließen.

Was ist zeitgenössische Kunst wert?

Wenn nun Spekulationen um eine Ende dieses Senders auftauchen, dann lässt das den Schluss zu, das eben an dieser Art der Kunst und Kultur, an kritischer Songschreiberei, an bisweilen weltweit erfolgreicher DJ- und Electronic-Kunst, an hintergründigem Nachfragen und einem stets und allem gegenüber kritischen Blick von Seiten der Neu-Regierenden überhaupt kein Interesse besteht. Das weiteren liegt der Schluss nahe, dass in dieser Regierung zeitgenössische Kunst - im Fall von FM4 die Musik - keine Rolle spielt, sonst nämlich würde allein beim Auftauchen von Spekulationen um das Ende dieses Senders ein politischer Aufschrei erfolgen, denn eine andere Heimat als diesen Sender gibt es für sehr viele Künstlerinnen und Künstler in diesem Land nicht.


Nur Bewegung schafft Heimat

Wer an FM4 rüttelt, beweist, dass er verschlafen hat, wie sich in Österreich eine aufregende, international erfolgreiche Popszene entwickeln konnte. Daraus folgt: Wer an FM4 rüttelt, beweist, dass er mit seinem Begriff von "Heimat" oder der "kulturellen Identität Österreichs" nichts Gegenwärtiges oder gar Künftiges meinen kann, sondern das Immer-Gleiche, das gut Verkäufliche und also in erster Linie die ewige Tradition meint. Damit Heimat aber lebenswert bleibt, braucht sie Bewegung. Und FM4 ist in Bewegung. Immer seit 23 Jahren.

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