Kino

"Es wird kein Opferfilm": Riahi dreht "Oskar & Lilli"

"Seit über sechs Jahren arbeiten wir an diesem Projekt. Leider hatten wir nie das Problem, dass wir Gefahr laufen unaktuell zu werden", sagt Produzent Michael Katz von der Wega Film. Gedreht wird "Oskar & Lilli", der neue Film von Arash T. Riahi. Es geht um tschetschenische Flüchtlingskinder, die abgeschoben werden sollen und nach einem Selbstmordversuch ihrer Mutter bei Pflegefamilien landen.

Arash T. Riahi und "Oskar & Lilli" SN/APA/HERBERT PFARRHOFER
Arash T. Riahi und "Oskar & Lilli"

"Es wird kein Opferfilm, kein depressiver Flüchtlingsfilm", versichert der 45-jährige Regisseur bei einem Setbesuch in Wien-Favoriten im Gespräch mit der APA. "Oskar & Lilli" sieht er als Mittelstück einer "Flucht-Trilogie", die er mit dem dokumentarischen Zugang von "Ein Augenblick Freiheit" (2008) begonnen hat und mit einer analytischen, abstrakten Rekonstruktion einer wahren Tragödie (Arbeitstitel: "Eine Herzensgeschichte") abschließen möchte.

In der Mitte steht nun der "Versuch, ein Gefühl mit poetisch-realistischen Mitteln zu erzählen" (Riahi). "Zwischendurch hatte ich schon die Befürchtung, es wird zu viel Poesie und zu wenig Realität", lacht Produzent Katz, "aber die ersten Muster zeigen: Diese Angst ist unbegründet. Der Film hat großes Potenzial, sich wieder so in die Herzen der Zuschauer zu spielen, wie es 'Ein Augenblick Freiheit' getan hat. Vor allem die beiden Kinder sind eine tolle Entdeckung!"

Oskar wird vom achtjährigen Leopold Pallua gespielt, Lilli von der 13-jährigen Rosa Maria Zant. Die beiden kommen aus Wien und geben sich auf dem Set ihres ersten Films cool. "Es ist schon anstrengend, macht aber auch viel Spaß", sagt Leopold und meint zur Thematik des Films: "Ich kann es mir schon vorstellen, selber will ich so etwas aber nicht erleben." Als ein irakischer Flüchtling die Klasse einmal besuchte, hätte dieser die ganze Stunde durchgeweint. Rosa hatte sogar einmal eine tschetschenische Freundin, die ihren Vater im Krieg und ihren Bruder auf der Flucht verlor und deren Mutter später in Österreich starb: "Daher kann ich diese Geschichte ganz gut nachvollziehen."

Beide jungen Hauptdarsteller sind als Sieger in einem langwierigen Castingprozess hervorgegangen. "Wir haben auch tschetschenische Kinder gecastet, doch uns am Ende für die Beiden entschieden", erzählt Riahi, "denn letztlich erzählen wir ja eine allgemeingültige Geschichte." Der 1994 erschienene Roman "Oskar & Lilli" von Monika Helfer handelt nicht von Flüchtlingskindern, Oskar und Lilli hatten in der Vorlage aufgrund einer psychischen Erkrankung ihrer Mutter ihr Zuhause verloren. "Als mir der Roman zur Verfilmung angeboten wurde, hat er mir sehr gefallen, es war jedoch kein politischer Roman. Ich wollte aber einen politischen Film machen. Also habe ich mich mit der Autorin getroffen."

Helfer ließ Arash T. Riahi freie Hand. Er erarbeitete in mehreren Fassungen ein Drehbuch, in dem der familiäre Hintergrund der Kinder nun ein anderer ist. "Ich bin ja mit 8, 9 Jahren mit meinen Eltern aus dem Iran gekommen und habe vieles von mir in der Figur des Oskar wiedergefunden - wie er sein Schicksal mit Humor und einer positiven Lebenseinstellung bewältigt. Studien der UNHCR zeigen aber, dass 70 bis 80 Prozent der Flüchtlingskinder, die zurückgeschickt werden, in Depressionen verfallen. Wenn man jetzt die steigenden Abschubzahlen sieht, muss man leider sagen: Unser Film ist ein Film über die Vergangenheit und die Zukunft." Am Ende zeigte sich die Autorin begeistert von Riahis Drehbuch. "Sie hat gesagt: Du hast mein Buch vergoldet."

Ob sich der Film auch auf Festivals und an den Kinokassen vergolden lässt, steht freilich noch in den Sternen, ebenso, ob ein Antreten bei der Berlinale geschafft werden kann. Die Produktion, bei der noch bis 20. August u.a. auch Christine Ostermayer, Simone Fuith und Rainer Wöss vor der Kamera von Enzo Brandner stehen, soll im kommenden Jahr in die österreichischen Kinos kommen. Und mit seinem Bruder Arman hat der ältere der Riahi-Brothers, der zuletzt Armans erfolgreiche Komödie "Die Migrantigen" produzierte, auch schon Pläne für ihren ersten gemeinsamen Spielfilm: Am Drehbuch zu "Herr Duschek aus dem Gemeindebau" wird bereits eifrig geschrieben.

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