Kunst

Bob Dylan erhält den Literaturnobelpreis 2016

Lange war er dafür im Gespräch, nun ist es fix: Bob Dylan erhält den Literaturnobelpreis. Die Jury lobt seine poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Song-Tradition.

Der US-amerikanische Sänger und Songwriter Bob Dylan (75) bekommt den Literaturnobelpreis. Er wird für seine poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Song-Tradition geehrt, wie die Schwedische Akademie am Donnerstag in Stockholm bekanntgab. "Blowin' In The Wind" und "Like A Rolling Stone" gehören zu seinen berühmtesten Songs. Dylan war in den vergangenen Jahren immer wieder als Anwärter für den Literaturnobelpreis gehandelt worden.

Die Zuerkennung des Preises dürfte für Dylan eine genauso große Überraschung gewesen sein wie für alle anderen. Die Jury habe vor der Verkündung nicht mit ihm gesprochen, sagte die Chefin der Schwedischen Akademie, Sara Danius, nach der Bekanntgabe. Sie wollte ihn aber so schnell wie möglich anrufen. "Ich denke, ich habe eine gute Nachricht."

Reaktionen fallen unterschiedlich aus

Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten: "Gelegentlich erlaubt sich die Akademie ein 'Späßchen'. Die Auszeichnung von Bob Dylan ist genauso ein Witz wie es die von Dario Fo war. Am besten, man lacht mit", meinte etwa Literaturkritiker und ARD-Moderator Denis Scheck. Oder: "Ich bin ein Dylan-Fan, aber das ist ein schlecht durchdachter Nostalgie-Preis, gerissen aus der ranzigen Prostata von senilen, idiotischen Hippies", sagte "Trainspotting"-Autor Irvine Welsh.

Ganz anders Schriftsteller Salman Rushdie: "Von Orpheus bis Faiz, Songs und Poesie waren immer eng miteinander verbunden. Dylan ist ein brillanter Erbe dieser bardischen Tradition." "Spannende Entscheidung. Gratulation!", kommentierte Österreichs Präsidentschafts-Kandidat Alexander Van der Bellen.

Für den Wiener Kulturwissenschafter Eugen Banauch zeigt die Zuerkennung, dass die Verbindung von Lyrik, Musik und Performance im Songwriting endgültig im Literaturbetrieb angekommen ist. Klar sei jedoch: "Dylan braucht den Nobelpreis nicht", so Banauch, der selbst viel zu Dylan geforscht hat, zur APA. Klaus Kastberger, Leiter des Literaturhaus Graz, sieht die Entscheidung als "der Tendenz nach richtig, aber von der Person her falsch. Man wollte halt der Tatsache gerecht werden, dass Literatur zunehmend anders definiert wird als noch vor zehn Jahren und hat jetzt einen Songwriter genommen. Aber natürlich ist das auch, wie in vielen Fällen, 20 Jahre zu spät."

Anders FM4-Moderator Martin Blumenau: "Es geht um die Formalfrage, die bisher auch diesen Argwohn in der Literaturszene hervorgebracht hat: Sind Lyrics, die nicht in Gedichtbänden, sondern als Songs veröffentlicht werden, Literatur oder nicht? Das ist die Gretchenfrage. Und offenbar hat sich das Komitee nun durchgerungen, diese Frage mit Ja zu beantworten. Dass man dann den, der es erfunden hat, auszeichnet, ist die logische Konsequenz."

Dylan war Dauerbrenner unter den Kandidaten

Rund 20 Jahre lang wurde Bob Dylan mit schöner Regelmäßigkeit für den Nobelpreis vorgeschlagen, doch stets ging der Dauerbrenner unter den Kandidaten leer aus. Zu gewagt erschien es offenkundig der Jury, einem Musiker - und sei es auch der berühmteste Songschreiber überhaupt - die höchste Literaturauszeichnung der Welt zuzuerkennen. Nun hat sie sich getraut. Diesmal haben die favorisierten Romanautoren und Dramatiker das Nachsehen.

Von einigen Skeptikern abgesehen, dürften die meisten gut 50 Jahre nach Dylans Karrierestart anerkennen, dass der Autor von Folk-, Blues- und Rock-Lyrik wie "Masters Of War", "Like A Rolling Stone" oder "Visions Of Johanna" ein würdiger Preisträger ist. Den Pulitzer-Preis für "lyrische Kompositionen von außerordentlicher poetischer Kraft" hatte er ja bereits.

Revolutionär der Folk- und Rockmusik

Seinen Ruf als Revolutionär der Folk- und Rockmusik erwirbt sich Dylan schon Anfang der 60er Jahre, als er die Zeichen einer unruhigen Zeit richtig deutet. Seinen Start als Singer-Songwriter beschreibt er später in der literarisch anspruchsvollen Autobiografie "Chronicles" (2004) so: "Amerika wandelte sich. Ich ahnte eine schicksalhafte Wendung voraus und schwamm einfach mit dem Strom der Veränderung."

Infografik: SN/APA

Der als Robert ("Bobby") Allen Zimmerman geborene junge Mann aus Duluth/Minnesota benennt sich vermutlich nach einem literarischen Idol um, dem walisischen Dichter Dylan Thomas. Der Erfolg stellt sich mit dem Song "Blowin' In The Wind" (1963) ein. Wütende Lieder wie "Masters Of War" oder "A Hard Rain's A-Gonna Fall" qualifizieren Dylan für die weltweite Jugend- und Protestbewegung.

Danach mutiert er zum Rockmusiker mit elektrischer Gitarre, komponiert und textet Mitte, Ende der 60er Jahre Album- und Songklassiker in Serie. Seine mit Metaphern, Symbolen und Anspielungen durchsetzten Lyrics sind von beispielloser Qualität.

Dylans Alterswerk begeistert

Nach wechselvollen, künstlerisch oft unbefriedigenden 70er und 80er Jahren kommt Dylans Rehabilitierung 1997 mit dem ersten großen Alterswerk "Time Out Of Mind" - einer Platte voller düsterer, anspruchsvoller Texte, die zu seinen besten zählen. Seitdem hat er einen Lauf, setzt alle paar Jahre Ausrufezeichen wie "Modern Times" (2006) oder das erneut von literarischen, geschichtlichen und biblischen Anspielungen wimmelnde "Tempest" (2012). Rund 100 Millionen Tonträger soll Dylan inzwischen verkauft haben.

Seinem deutschen Biografen Heinrich Detering zufolge beziehen sich die Songtexte des Amerikaners "auf Dichtungen unterschiedlichster Zeitalter und Kulturen: von der Bibel und Homers "Odyssee" über die Dichtungen der römischen Kaiserzeit (Ovid, Vergil, Juvenal), die mittelalterlichen Mysterienspiele und Shakespeares Dramen bis zur amerikanischen Romantik, den französischen "poètes maudits" und dem Theater Bertolt Brechts". Und nicht zuletzt hebt der Literaturwissenschaftler die Geistesverwandtschaft Dylans mit "Beat-Poeten" wie Jack Kerouac und Allen Ginsberg hervor.

Die mit acht Millionen schwedischen Kronen (rund 830.000 Euro) dotierte Auszeichnung wird Bob Dylan am 10. Dezember - dem Todestag des Preisstifters und Dynamit-Erfinders Alfred Nobel (1833-1896) - gemeinsam mit den anderen Nobelpreisen in Stockholm verliehen.

Im vergangenen Jahr hatte die Jury die weißrussische Schriftstellerin und Journalistin Swetlana Alexijewitsch "für ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt", ausgezeichnet.

In diesem Jahr waren rund 220 Autoren für den Preis nominiert. Den Preisträger wählt die Schwedische Akademie, die aus Schriftstellern, Literatur- und Sprachwissenschaftlern und Historikern besteht, aus fünf Kandidaten auf einer Shortlist aus. Letzte deutschsprachige Preisträgerin war die Schriftstellerin Herta Müller 2009.

Quelle: SN, Apa

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