Kunst

Der Literatur-Nobelpreis steckt im Kaffeesud

Damit Sie schon mitreden können, wenn es wieder jemand wird, den nicht einmal alle Literatur-Experten kennen: Ewige Quotenhits und sentimentale Dauerfavoriten für die Vergabe des Literatur-Nobelpreises am Donnerstag in aller Kürze.

Jedes Jahr das gleiche Warten und Raten - und dann wird der Nobelpreis für Literatur verliehen und es fehlt das nötige Wissen über Werk und Autor. Daher: Rudimentäre Informationen über die aktuellen Favoriten der Wettbüros (Stand Dienstag Mittag) - damit man am Donnerstag um 13 Uhr gleich ein bisserl angeben kann.

Murakami

Seit eine paar Jahre immer wieder bei den Wetten ganz vorn: Haruki Murakami, der bekannteste japanische Autor der Gegenwart. Magischer Realismus, eigentlich Phänomen europäischer und vor allem lateinamerikanischer Dichtung, zeichnet ihn aus. Daheim werfen ihm Kritiker deshalb einen "verwestlichten Stil" vor. Wichtigster Roman: "1Q84".

Wa Thiong'o

Schriftsteller und Kulturwissenschaftler ist der 1938 geborene Ngugi wa Thiong'o: Er stammt aus Kenia. Er lebt in den USA und wurde mit dem Roman "Weep Not, Child" Mitte der Sechziger bekannt. Oft geht es bei ihm um das Verhältnis von Afrikanern zu Kolonialherrschaft. Er saß wegen Kritik am ehemaligen Präsident Jomo Kenyatta in Haft. Dort schrieb er auf Klopapier den Roman "Devil on the Cross". Bei den Buchmachern hat er in den letzten Tagen stark aufgeholt und liegt bei einem Wettanbieter sogar vor Murakami.

Adonis

Syrisch-libanesisch - das ist eine biografische Voraussetzung, die, ausgehend von einer politisch motivierten Vergabe, für den Dichter und Essayisten Adonis (bürgerlich Ali Ahmad Said) spricht. 1930 geboren gilt er als einer den wichtigsten arabischen Literaten der Gegenwert. Unter anderem erschien "Der Wald der Liebe in uns", ein Band mit Liebesgedichten vor drei Jahren beim Salzburger Verlag Jung&Jung.

Oates

Joyce Carol Oates (geb. 1938) gehört zu den großen Stimmen der US-amerikanischen Literatur, die - wie viele meinen - seit Jahren schändlich übergangen wird. Für ihren Roman "Them" bekam sie den National Book Award, war mehrere Male für den Pulitzer-Preis nominiert und hat in ihrem Werk Kinderbücher ebenso wie hintergründige Essays. Lieblingsbuch: "Über Boxen".

Amos Oz

Romanen und Erzählungen, Essaybände und Kinderbücher, dazu Mitbegründer der politischen Bewegung "Schalom Achschaw" (Peace Now) - der Israeli Amos Oz steht immer weiter vorn. Und sein Nobelpreis-Vorgänger von 1999, Günter Grass, hat Recht, weil er sagte: Allein für den Roman "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" hätte Oz den Preis verdient.

Kadare

Der Albaner Ismail Kadare (geboren 1936) schaffte seinen Durchbruch mit dem Roman "Der General der toten Armee". Es geht bei ihm oft um das kommunistische Nachkriegsregime seiner Heimat. Aus der musste er wegen seines politischen Engagements 1990 fliehen, kehrte aber 1999 wieder zurück.

Roth

Jedes Jahr seit gefühlten 20 Jahren hochgehandelt. Der US-amerikanische Romancier Philip Roth (geboren 1933) ist auch heuer einer der Favoriten. Er machte es der Schwedischen Akademie einfach, die ja das komplette Oevre eines Autors bei ihrer Beurteilung heranzieht: 2010 veröffentlichte er mit "Nemesis" seinen letzten Roman. Lesenswert ist eh alles - vor allem aber: "The Great American Novel" von 1973 und die "Zuckerman-Trilogie" und die "Amerikanische Trilogie".

Ko Un

Dichter und Aktivist ist der Südkoreaner Ko Un (geb. 1933). Einst wanderte er als Mönch durch seine Heimat, saß wegen politischer Äußerungen im Gefängnis. Rund 130 Werke hat er veröffentlicht. Herausragend: der Zyklus "Maninbo" (dt. Zehntausend Leben).

Fosse

Nach einigen Lyrikbände und Romanen ist der Norweger Jon Fosse (geb. 1959) mittlerweile als Dramatiker weltberühmt und viel gespielt. Er wolle aber, so sagte er vor zwei Jahren, nicht mehr fürs Theater schreiben. Lesetipp: die Erzählung "Morgen und Abend".

McCarthy

Cormac McCarthy ist einer der großen, populären Erzähler der USA, deren Vertreter seit Jahren vergeblich auf den großen Preis hoffen (siehe Oates, siehe Roth und andere). Nicht-Lesern bekannt wurde der 1933 geborene McCarthy auch durch die Verfilmungen seiner Bücher - unter anderem durch die fabelhafte Arbeit der Coen-Brothers bei "No Country for Old Men". Lesebefehl: "The Road".

Kareva

Wahrscheinlich chancenlos, die Estin Doris Kareva - aber es fehlt dem Nobelpreis an Frauen, also rutscht sie mit mäßiger Wettquote (immerhin aber besser als die von Handke oder Dylan) in diese Liste: Kareva, geboren 1958, ist Tochter eines Komponisten und hat bisher elf Lyrikbände veröffentlicht.

Dylan

Naja, wäre schon unterhaltsam, würde der größte Poet des Pop ausgezeichnet, und es wäre auch eine Hinweis darauf, dass die Popkultur auch die Literatur maßgeblich beeinflusst hat. Einziges Problem: Dylan-Lyrik funktioniert vor allem mit Dylans Stimme überwältigend. Es müsste also den Preis für einen singenden Dichter geben. Auf der Pflichtlektüre für die Playlist: "Desolation Row", "It's Alright, Ma (I'm Only Bleeding)", "My Back Pages", "Changing of the Guards", "Scarlet Town".

Handke

Immer auf der Liste ist Peter Handke. Immer zu Recht. Weltliteratur mit Ursprung in Kärnten und geschöpft aus einem Leben mit dem Wanderstock und einem stets poetischen Blick auf die Welt. Wichtige Werke: Viele. Leseempfehlung: Vieles. Wer Zeit hat: "Wunschloses Unglück", "Die Lehre der Saint Victoire", "Nachmittag eines Schriftstellers", alle seine Journale.

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