Kunst

donaufestival: Verweigerte Einladungen und Elektronik

"Niemand hat euch eingeladen." Das Plakatsujet des diesjährigen donaufestivals in Krems scheint auf den ersten Blick abweisend. Aber wie üblich beim bunten Veranstaltungsreigen zwischen Minoritenkirche und Messegelände lohnt es, hinter das Offensichtliche zu blicken. Zum Abschluss der Intendanz von Tomas Zierhofer-Kin widmet sich das Mehrspartenfestival Fragen von Heimat und Flucht.

donaufestival: Verweigerte Einladungen und Elektronik SN/APA/HELMUT FOHRINGER
Letztes donaufestival unter der Intendanz von Tomas Zierhofer-Kin.

Den einprägsamen Satz, der von Postern und Programmheften dem Publikum entgegenspringt, hat sich das am kommenden Freitag (29. April) startende Festival von einer der zentralen Performances geliehen: Das Wiener Theaterkollektiv God's Entertainment übertitelt so die Uraufführung seiner "Neuen Europäischen Tragödie" - ein laut eigenen Angaben collagenhafter Versuch, andere Zugänge zur Flüchtlingsthematik zu liefern, ohne dabei auf einfache Antworten zu setzen. Begleitet wird der nach einer Performance in Leipzig im Vorjahr bereits zweite Teil dieser als Trilogie angelegten Tragödie von der Installation "Al Paradiso", die das Mittelmeer in eigentümlicher Weise erfahrbar macht.

Die Suche nach einer neuen Heimat und besseren Lebensbedingungen behandelt auch Saint Genet: Die Gruppe um Kreativkopf Derrick Ryan Claude Mitchell nimmt sich in "Frail Affinities" dem Schicksal der Donner Party an, jenen US-amerikanischen Siedlern, die Mitte des 19. Jahrhunderts im Westen eine bessere Zukunft suchten. Auf dem Weg dorthin kamen aber etliche ums Leben, weshalb bei der Uraufführung auch "Bilder traumatischer Erfahrungen zwischen Tod und Kannibalismus" zu erwarten sind. Kein Wunder, ist Mitchell ohnehin ein Freund von obsessiven Erfahrungen, die im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut gehen und durchaus körperliche Reaktionen hervorrufen.

Das Überschreiten von Grenzen in einem anderen Kontext kann bei Elisabeth Bakambamba Tambwe erlebt werden. In "Fleche" verschränkt die in Wien lebende Künstlerin Installation, Video und Performance, lässt die Körper von zwei Darstellern zu den zentralen Objekten ihrer Verhandlung von Manipulation sowie sozialen Gegebenheiten werden und erzeugt dabei neue Zuschreibungen. Von ihr stammen auch die Arbeiten "Reconstruction" und "Charlie and the Angels", denen man im Forum Frohner begegnet. Dort wird am zweiten Wochenende von Monster Truck mit Theater Thikwa Rassismus und Behindertenfeindlichkeit zum Thema gemacht, wenn für "Dschingis Khan" Performer mit Downsyndrom die Mongolei in unterschiedlichen Facetten auf die Bühne bringen.

Dass auch digitale Entitäten als Zielobjekt von Fangefühlen geeignet sind, beweist Hatsune Miku: Sie ist in Japan seit ihrer Erfindung 2007 längst ein Star und hat sich auch global eine enorme Anhängerschaft "erspielt". Dabei ist das live mittels Videoprojektion erschaffene Manga-Wesen eigentlich ein kollaboratives Projekt, kann doch prinzipiell jeder Songs für das fiktive 16-jährige Mädchen schreiben, die dieses dann bei einem seiner Konzerte zum Besten gibt. In Krems wird für die Aktion "Still Be Here" den Dynamiken nachgespürt, "die sich zwischen Fans, Unternehmen und gesellschaftlichen Sehnsüchten entwickeln".

Ist man nicht zufrieden mit diesem Angebot, scheint ein Besuch der Kunstinspektion Donau ratsam. Julius Deutschbauer, David Jagerhofer und Barbara Ungepflegt richten diese im Stadtcafe Ulrich ein und rufen auf, Anzeige zu erstatten: Die Besucher sind aufgefordert, "Missstände oder Verdächtigungen jeglicher Art zur Anzeige zu bringen". Dabei muss es sich aber keineswegs nur um künstlerische Inhalte handeln, auch "der Hund des Nachbarn oder das Fehlen von weiblichen Straßennamen" werden in der Ankündigung als Beispiele genannt. Man kann sich am Abschlusstag (7. Mai) aber auch in die vierstündige Performance des Duos Station Rose verziehen, das in der Minoritenkirche eine "PiXXL_HALL" aufbaut und diese als Konzert- wie Installationsraum bespielt - inklusive "Public Brain Session 2.0".

Das Musikprogramm hält heuer einige brandneue Arbeiten von etablierten Elektronikkünstlern bereit: So sind allen voran der Kanadier Tim Hecker sowie sein deutscher Kollege Pantha du Prince (alias Hendrik Weber) zu nennen, die am 7. Mai mit ihren aktuellen Platten das Messegelände beehren werden. Am selben Tag wird auch DJ Koze zu Plattentellern, Synths und Laptop greifen, um das Publikum zum Tanzen zu bringen. Etwas dramatischer legt es Mogwai am ersten Wochenende an: Die schottische Postrock-Band führt mit "Atomic" den Soundtrack zu einer BBC-Doku über das nukleare Zeitalter auf. Gurgelnde Beats und düster-minimalistische Sounds stehen wiederum bei Blanck Mass oder Babyfather an der Tagesordnung, während Omar Souleyman syrisches Songwriting mit westlichen Einsprengseln kombiniert.

(S E R V I C E - donaufestival von 29. April bis 1. Mai sowie 5. bis 7. Mai an verschiedenen Locations in Krems. Detaillierte Infos zu Programm, Tickets sowie Shuttlebus von und nach Wien unter: www.donaufestival.at)

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