Kunst

Literaturnobelpreis: Bob Dylan ist der Meister

Wo fängt man an, wenn man überrumpelt wird, obwohl man lange darauf gehofft und gewartet hat: Bob Dylan, der fahrende Sänger unserer Tage, bekommt den Nobelpreis. Gut so!

"Ich freue mich von Herzen. Es ist, als hätte ich den Preis selbst gewonnen." Mehr konnte Schriftsteller Michael Köhlmeier, bekennender Dylan-Fan, nicht sagen beim Anruf kurz nach ein Uhr Mittag am Donnerstag, als His Bobness, einst Stimme einer Generation, verschwunden, wiedererstanden und seit Jahren in Hochform bei der Zerlegung und Neuschaffung des eigenen Materials, den Preis zugesprochen bekam.

Köhlmeier sagt dann doch noch etwas: "Ich freue mich so, als hätte ich den Preis selbst gewonnen."

Viele dürften so gefühlt haben. Viele gibt es, für die Dylan bewusst oder unbewusst einen Soundtrack fürs Leben geschrieben hat. Er, Singer-Songwriter bloß, taucht überall auf. Am Lagerfeuer bei den Pfadfindern und in dicken wissenschaftlichen Schmökern, in Poesiealben und in Autowerbespots. Und wohl ist dieses euphorische Mitfreuen von so vielen größter Unterschied zu bisherigen Preisträgern. Dylan, der monolithische Erfinder der Literatur in der Popmusik, mag ein dauerndes Rätsel sein, ein Meister des Verschwindens hinter seiner Kunst, aber er gehört vielen.

So funktioniert die Popkultur. Sie ist dazu da, unmittelbar ins Leben zu greifen und den Griff nicht mehr zu lösen. Also richten sich nun viele ihren Nobel-Dylan, wie sie ihn brauchen. Die Katholische Presseagentur etwa erkennt einen "religiös inspirierten" Sänger. Liedermacher und Rockmusiker freuen sich naturgemäß über einen, bei dem sie abgeschrieben haben. Salman Rushdie erkennt den "brillanten Erben dieser Bardentradition".

Nichts davon kann die ganze Wahrheit sein, und doch stimmt alles. Bob der Meister hat sie alle gekriegt, weil er ein strahlendes Universum ist in einer Welt aus Mittelmaß, weil es ihn nie kümmerte, was andere machen, aber er beobachtete genau, was passiert. Vor allem aber ist er, was er 1966 über sich sagte: ein "Song and Dance Man".

Dylan, geboren 1941, hat mit seiner Kunst den Lauf der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verändert. Er steckte die E-Gitarre ein, obwohl man ihn so gern als folkiges Gewissen für die 1960er-Jahre behalten hätte. Er tauchte unter, gelähmt vom Erfolg. Er kam zurück, schlug wieder und wieder Haken, und er schlug unentfernbare Kerben in die Geschichte der fahrenden Sänger, die, während sie erzählen, immer schon die nächste Geschichte mittransportieren. Ein Orpheus der Gegenwart also, der mit Liedern voranschreitet in ein Licht, in das wir ohne ihn nicht so einfach vordringen würden.

Freilich gibt es, bezüglich eines Preises, der "Literatur" auszeichnet, einen guten Einwand: Dylans Kraft wächst nicht rein aus dem Wort, das Song wird - da mögen diese Worte noch so bildreich, treffend, elegant, präzise und, und, und sein. Seine Kraft überwältigt wegen des unauflöslichen Zusammenhangs zwischen Wort und Vortrag. Seine Stimme lässt die Lyrik schimmern. Mit dem Klang seiner Stimme erhebt er seine Erzählungen zu etwas Größerem, zu etwas, das eindringlicher, ergreifender ist, als es ein bloß geschriebenes und dann gelesenes Wort je sein könnte.

Das hat die Schwedische Akademie auch berücksichtigt, wenn sie den Preis so begründet: "Für seine poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Gesangstradition". "Poesie fürs Ohr" sei das. Dylan schreibe, um mit seinen Werken aufzutreten, heißt es weiter. Und so stehe er in einer Tradition, die mit Homer beginne. Sein Einfluss - auch auf die "klassische" Literatur - ist nicht hoch genug einzuschätzen. Zuerst revolutionierte er mit Protestsongs wie "Blowin' in the Wind" die gesellschaftliche Relevanz der populären Musik. Er erfand den elektrischen Poetenrock mit Meisterwerken wie "Like a Rolling Stone". Dann mäanderte er durch diverse Stile, verirrte sich einige Male dramatisch, blieb aber stets großer Wortfinder und Poesiebauer. Sein Spätwerk - anzusetzen etwa ab dem Album "Time Out of Mind" (1997) - festigt seinen Ruf als wichtigster Popdichter, als solcher seit 20 Jahren Kandidat für den Literaturnobelpreis. Nun hat er ihn.

"Wie Einstein für die Physik" sei er für die Popkultur, schrieb einst das US-Magazin "Newsweek". Oder wie Picasso für die Malerei. Oder wie einer, dessen Alben, einmal entdeckt, man wie einen großen Roman ein ganzes Leben lang nicht loslassen muss, weil sie immer wieder etwas Neues entdecken lassen.

Aufgerufen am 19.11.2018 um 11:08 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/literaturnobelpreis-bob-dylan-ist-der-meister-976705

Schlagzeilen