Kunst

Pisaroni im SN-Interview: "Harnoncourt veränderte mein Leben"

Luca Pisaroni steht nahezu jährlich bei den Salzburger Festspielen auf der Bühne. In zwei Mozartopern spielt er die Hauptrolle.

Pisaroni im SN-Interview: "Harnoncourt veränderte mein Leben" SN/sf/ruth walz
Eheprobleme: Graf Almaviva (Luca Pisaroni) und Gräfin (Annett Fritsch) SF/RUTH WALZ

Sein komödiantisches Talent wird ebenso auf den Bühnen der Welt geschätzt wie sein nobel timbrierter, geschmeidiger Bariton. Das verhalf Luca Pisaroni zu einer beachtlichen Karriere.

SN: 2001 war Ihr Operndebüt, als Mozarts Figaro - in Klagenfurt. Wie kam das?

Pisaroni: Ich machte eine Audition, während ich noch am Konservatorium in Mailand studierte. Die fragten mich, ob ich vielleicht Figaro singen möchte. Und ich sagte: natürlich! Mein erster Vertrag und mein Debüt. Ich war 25 Jahre alt und wusste nichts über das Singen. Ich versuchte zu geben, was ich hatte.

SN: Nur ein Jahr später, 2002, standen Sie auf der Festspielbühne in Salzburg. Ein großer Schritt. Wie das?

Ich hatte 2000 eine Audition bei Nikolaus Harnoncourt in Zürich. Ich sang Leporellos Registerarie und den Masetto. Und dann fragte mich Harnoncourt, ob ich den Masetto in Salzburg singen möchte. Es war unglaublich, das hat mein Leben verändert. Harnoncourt änderte meinen Weg total, wie ich auf die Musik schaue und Musik mache. Wenn man so jung ist, und mit so einem Titanen arbeiten darf: So ein Dirigent verändert dich als Sänger für immer. Das war noch dazu das Jahr mit Anna Netrebko, Thomas Hampson, Michael Schade, ein Dream-Team. Ich rannte zu jeder Probe, auch wenn ich gar nicht vorgesehen war, um nur ja nichts zu versäumen.

SN: Mittlerweile singen Sie nur Hauptrollen. Könnten Sie als Masetto einspringen?

Ja, natürlich. Ich könnte einspringen für Guglielmo, Masetto, Leporello, Giovanni, Graf, Figaro und sogar Bartolo. Mozart ist der Hauptanteil meines Repertoires, und er ist so dankbar für die Stimme. Speziell Mozart-Da Ponte genieße ich sehr.

SN: Nach 15 Jahren eigener Karriere: Stört es Sie, dass beim Namen Luca Pisaroni unweigerlich dazugesagt wird: Ach, der Schwiegersohn von Thomas Hampson?

Nein, und ich sage warum: Wir haben privat eine Beziehung, aber jeder von uns hat seine eigene Persönlichkeit. Es ist ja nicht so, dass er der Star ist und ich singe kleine Rollen. Was ich sagen muss: Ich werde Thomas immer dankbar sein. Er brachte mir bei, wie man Disziplin bewahrt, um in diesem "Geschäft" zu überleben: immer gut vorbereitet sein, pünktlich sein, nett zu den Kollegen sein, den Dirigenten respektieren, den Regisseur respektieren, auch wenn er andere Vorstellungen hat. Er ist ein intelligenter Performer mit unglaublichen musikalischen Ideen. Und er drängte mich, immer die jeweilige Rolle zu meiner eigenen zu machen. Es ist okay, wenn die Leute sagen, ich bin der Schwiegersohn. Es gibt Schlimmeres!

SN: Die Punze "Mozartsänger", engt das nicht ein?

Ich sehe das nicht. Es ist nicht so, dass ich immer in eine Schublade "Mozartsänger" gesteckt werde. Und wenn Sie auf die großen Sänger schauen, Ferruccio Furlanetto, Cesare Siepi, Elisabeth Schwarzkopf, Christa Ludwig - sie alle bewahrten sich Mozart, bis sie zu alt wurden. Weil das eine unglaubliche Schule ist und die beste Disziplin, um die Stimme zu trainieren. Ich spüre es immer wieder, zu Mozart zurückzugehen, ob vom Belcanto, Rossini, aus dem französischem Fach, das ist wunderbar. Ich habe so viele Figaros gemacht, aber das wird niemals langweilig.

SN: Das führt zur Statistik: Sie waren in 14 Figaro-Produktionen 150 Mal auf der Bühne. Was will Ihnen da ein Regisseur Neues erzählen?

Ich lerne jedes Mal etwas Neues. Und meine Haltung ist immer: Ich gehe nie in eine neue Produktion und sage, das ist "mein" Figaro, ich mache das so, nehmt es oder lasst es. Ich bin immer offen für neue Ideen. Als ich mit Sven-Eric Bechtolf den Grafen hier erarbeitete, besprachen wir das, und es waren so viele neue Sachen zu entdecken und ich war so dankbar. Denn das ist ein Teil meines Schaffens, niemals derselbe zu sein. Ich kann jeden Abend einen unterschiedlichen Grafen geben. Und das ist wirklich schön für mich, als Sänger und Schauspieler, das zu können.

SN: Sie starteten heuer als Leporello im "Don Giovanni", nun kam der Graf im "Figaro" dazu und oft gibt es keinen Tag Pause. Andere hätten Angst um ihre Stimme.

Ja, es sind viele Vorstellungen, aber die einzige Sorge, die ich habe, ist, gesund zu bleiben. Stimmlich versuche ich auf dem Weg zu bleiben, dass ich beide Rollen singen kann. Eine ist ein bisschen tiefer, die andere höher. Aber ich glaube, ich schaffe das. Natürlich ist das eine Herausforderung, weil es so unterschiedliche Rollen sind. Es ist wirklich toll, wenn die Leute einen Tag zu "Giovanni", den anderen Tag zu "Figaro" kommen und dann sagen: Das ist ja derselbe Sänger, wow!

SN: Im "Figaro" steht wieder Ihr Dackel Tristan auf der Bühne.

Ja, das ist der Hund des Grafen. Wir haben damals im Lehrbauhof geprobt und das mit Sven besprochen. Ich sollte den Eindruck machen, dass ich fertig sei zum Ausgehen für einen Spaziergang mit dem Hund und er fragte, warum bringst du nicht deinen Hund mit? Eine brillante Idee. Das war anfangs als kleiner Scherz gedacht, dann behielten wir das im Stück. Und der allerschönste Moment für mich war, als ich die Bühne betrat mit meinem Tristan, und ich hörte im Publikum: Oooooh, süüüüüß! Ich darf ja in diesem Moment nicht lachen, aber das ist wirklich süß.

SN: Wie wird die Gage von Tristan ausgezahlt?

Da gibt es keine Gage. Leberwurst, ja. Ich bin so glücklich, dass ich ihn auf die Bühne mitnehmen darf.

SN: Sie haben ja zwei Hunde, Tristan und Lenny. Wenn Sie weltweit unterwegs sind, sind die beiden immer dabei. Was sagen die Hunde dazu?

Sie reisen immer mit uns. Nur wenn ich alle drei Tage den Ort wechsle, dann nicht. Aber wenn wir für zwei Monate nach Amerika gehen, dann sind sie dabei, weil sie es lieben, mit uns zu sein. Sie hassen es, zurückgelassen zu werden. Reisen macht ihnen überhaupt nichts aus. Sie leiden mehr, wenn ich sie in Wien zurücklasse. Die verschlafen einfach den ganzen Flug. Es ist unglaublich: Wenn wir nach New York kommen und das Auto einparken, wissen die sofort, wo wir sind. Die sind so gescheit, das ist ein Wahnsinn. Sie lieben es, in New York zu sein, und auch das Reisen.

SN: Versuchen Sie, Graf und Leporello stimmlich unterschiedlich zu charakterisieren?

Na ja, ich singe ja mit meiner Stimme, aber die musikalischen Intentionen sind total unterschiedlich. Leporello ist eine wunderbare Nummer zwei. Er liebt es, hinter Don Giovanni zu stehen, weil er nicht den Charakter hat, den Mut und das Charisma zur Nummer eins. Der Graf wiederum ist die Nummer eins. Und er denkt von sich, dass er unglaublich verführerisch ist. Ich benütze meine Stimme, aber das sind andere Intentionen. Ich liebe den Grafen, weil er so menschlich und doch komplex ist. Er macht seine Irrtümer und Missverständnisse, aber am Ende bittet er um Vergebung. Zusammen mit der Musik von Mozart ist das der Moment, wo er wirklich ehrlich ist.

Quelle: SN

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