Kunst

Sir Roger Norrington: Starkstrom aus dem Handgelenk

Der 82-jährige ehemalige Chefdirigent führt die Camerata Salzburg beim Festspielkonzert zum Beethovenwunder.

Sir Roger Norrington: Starkstrom aus dem Handgelenk SN/sf/marco borrelli
Sir Roger Norrington und die Camerata Salzburg, die er von 1997 vis 2007 als Chefdirigent leitete.

Das war ein unglaublicher Abend, wie in den glorreichen Zeiten. Ein Festspielereignis. Sir Roger Norrington, der 1997 nach dem Tod von Sándor Végh zum Retter der Camerata Salzburg und Chefdirigenten ausgerufen wurde und zehn Jahre lang blieb, zeigte am Mittwoch, was er als nunmehr 82-Jähriger immer noch kann. Zwar ein wenig gebrechlich geworden und ganz schmal wirkend auf seinem Stuhl, setzte er das Orchester - und den Großen Saal des Mozarteums - unter Strom. Mit nur wenig Aufwand - ein ausholender Arm, dazwischen zumeist locker aus dem Handgelenk geworfene Energiefunken - brachte er die Camerata dazu, quasi um ihr Leben zu spielen.

Es gibt noch zahlreiche Mitglieder rund um die Konzertmeisterin Natalie Chee, welche die Zeiten des Briten erlebten - und seine Schule des "non vibrato": Zum Vibrieren wäre ohnehin niemand gekommen in dem Tempo, das Norrington vorlegte beim reinen Beethoven-Programm. Da fügte es sich gut, dass im ersten Teil "Die Geschöpfe des Prometheus", Beethovens Ballettmusik, angesetzt waren, Feuerbringer wie Norrington.

Gleich nach der Ouvertüre drehte sich der Dirigent kurz zum Publikum, lächelte verschmitzt und irgendwie stolz. Und Norrington persönlich hatte zum besseren Verständnis von Beethovens bilderreicher Musik Zwischentexte verfasst, mitunter getränkt von sarkastischem Humor. Hannes Eichmann als Sprecher las sie mit plastischer Betonung. Das erinnerte an die unvergesslichen "Begegnung"-Festivals, die Norrington einst in Salzburg installierte.

Vollends zum Staunen wurde man dann aber mit der "Eroica", der 3. Symphonie, gebracht. Es wirkte auf Anhieb "extra dry", fast ein bisschen schrill und überbeleuchtet, wie Sir Roger die Musiker vorantrieb und nichts und niemanden schonte. Aber alles erhielt eine kristalline Klarheit der Gedanken und Motive, jeder Ton war gewichtig, jede Phrase gefühlvoll ausgezirkelt und von einem Atem. Bei jedem solistischen Einsatz waren die Musiker auf dem Posten, selbst im tollsten Tempo immer reaktionsschnell und eine eingeschworene Gemeinschaft. Da wirkte sogar der Trauermarsch wie ein greller Totentanz, mitreißend. Einzig Rizumu Sugishita musste sich Sorgen machen um die Haltbarkeit ihrer Pauken. Sir Roger Norrington und die Camerata konnten sich im Jubel baden.

Quelle: SN

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